Finanzkrise Kollaps der größten US-Sparkasse drückt auf Börsenkurse

Erst das Hickhack um das Multimilliardenpaket der US-Regierung, dann die Pleite der Washington Mutual - an den Aktienmärkten herrscht Alarmstimmung. Die Kurse des deutschen Leitindex Dax gehen auf Talfahrt. Um die Lage zu entspannen, pumpt die EZB erneut Milliarden in den Markt.


Frankfurt am Main - Es kommt einiges zusammen: Die US-Regierung konnte sich nicht auf das 700-Milliarden-Rettungspaket einigen, das die Finanzmärkte stabilisieren soll. Und dann brach auch noch Washington Mutual, die größte Sparkasse der USA, zusammen. Die amerikanische Bank ist wegen ihrer Rechtsform jedoch nicht mit den deutschen Sparkassen gleichzusetzen. In einem Notverkauf ging das Institut an die US-Bank JP Morgan Chase.

Dementsprechend schlecht ist die Stimmung am deutschen Aktienmarkt: Der Dax Chart zeigen verlor am Vormittag zwischenzeitlich um 1,4 Prozent auf 6086 Punkte, der MDax Chart zeigen sackte zeitweise um 1,41 Prozent auf 7342 Zähler. Der TecDax Chart zeigen verlor 1,84 Prozent auf 736 Punkte.

Börsenhändler in Frankfurt: Händler hoffen auf das Rettungspaket
REUTERS

Börsenhändler in Frankfurt: Händler hoffen auf das Rettungspaket

Die Aktien der deutschen Banken standen am Morgen vergleichsweise moderat im Minus: Die Papiere der Hypo Real Estate verloren 4,01 Prozent, die der Commerzbank büßten 2,35 Prozent ein und die der Deutschen Bank gaben 1,47 Prozent nach.

Mit der Schließung der größten US-Sparkasse Washington Mutual durch die US-Bankenaufsicht und dem Scheitern der Verhandlungen über das Rettungspaket für die Finanzbranche in den USA sei die gute Stimmung verflogen, sagten Händler.

Um die Lage an den Finanzmärkten zu entspannen, pumpt die Europäische Zentralbank (EZB) erneut Dollar in den Geldmarkt. Den Banken würden für eine Woche 35 Milliarden Dollar ausgeliehen, teilte die Notenbank mit. Bislang hatte die EZB den Banken schon für jeweils einen Tag US-Dollar zur Verfügung gestellt. Diese Geschäfte werden ebenfalls fortgeführt. Auch die Bank of England und die Schweizerische Nationalbank SNB stellten zusätzliche Mittel bereit.

Am Morgen wurde der Zusammenbruch der Washington Mutual bekannt - die größte Bankenpleite der US-Geschichte. Wie vielen US-Banken sind auch Washington Mutual Chart zeigenVerluste aus dem Hypothekengeschäft zum Verhängnis geworden. Die Sparkasse mit Sitz in Seattle erlitt in der Folge Milliardenverluste: Das Institut hatte Hypotheken vergeben, ohne die Bonität der Schuldner genau zu prüfen. Seit Jahresbeginn verlor die Bank mehr als 90 Prozent ihres Börsenwerts. In einem Notverkauf übernahm der Finanzkonzern JP Morgan Chase die verwertbaren Reste des Instituts für 1,9 Milliarden Dollar.

Washington Mutual - die wichtigsten Daten

Firmensitz :Seattle
Filialen in den USA :2200
Vorstand :Stephen J. Rotella
Finanzvorstand :Thomas W. Casey
Angestellte :49.403
Umsatz :26,523 Milliarden Dollar
Dividende :2,21 Dollar pro Aktie
Operativer Gewinn :5,214 Milliarden Dollar
Gewinn vor Steuern :309 Millionen Dollar
Rang in der Liste der Fortune 500 :97

Alle Werte gelten für 2007; Quelle: Hoovers (www.hoovers.com)

Washington Mutual verfügt den Regulierungsbehörden zufolge über Vermögenswerte von rund 307 Milliarden Dollar und Einlagen in Höhe von 188 Milliarden Dollar. FDIC-Chefin Sheila Bair sagte, der Einlagensicherungsfonds habe schnell einen Käufer für Washington Mutual finden müssen, um durch Medienberichte verängstigte Kunden zu beruhigen. Das Grundkapital und die Gesamtschulden der WaMu sind von der Transaktion ausgeschlossen. Aktionäre und Gläubiger der Gruppe dürften also leer ausgehen.

Mit der Rettung der Sparkasse ist den amerikanischen Steuerzahlern einiges erspart geblieben: Der staatliche Einlagensicherungsfonds FDIC versichert Guthaben nur bis zu 100.000 Dollar pro Kunde. Der Fonds hätte im Fall einer Insolvenz des Instituts für Einlagen von rund 143 Milliarden Dollar einspringen müssen - die Summe ist dreimal so hoch wie das Volumen des Fonds. Die Zeitung "Wall Street Journal" wertet die Übernahme der Sparkasse durch JP Morgan deshalb als Hoffnungsschimmer für das Bankensystem, weil zumindest kein weiterer Druck auf dem Fonds lastet.

Zusätzlich sorgt für schlechte Stimmung an den Börsen, dass sich die US-Regierung derzeit nicht auf das angekündigte 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket zur Stabilisierung der Finanzmärkte einigen kann. Das von US-Präsident George W. Bush im Weißen Haus einberufene Krisentreffen über das geplante Rettungspaket für die US-Finanzbranche endete ergebnislos. Vor allem konservative Republikaner lehnten am Donnerstagabend das von Bush, Finanzminister Henry Paulson und Zentralbankchef Ben Bernanke vorgeschlagene Hilfsprogramm ab. Die Börsianer haben allerdings noch Hoffnung: "Das Rettungspaket muss schnell durch", sagte ein Händler.

cvk/Reuters/dpa-AFX/AFP

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