Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Finanzkrise: Merkel kritisiert Millionen-Boni für Banker

Wer soll das verstehen? Banken, die mit staatlicher Milliardenhilfe vor dem möglichen Ruin bewahrt werden, wollten einigen ihrer Top-Leute Millionenprämien auszahlen. Jetzt hagelt es harsche Kritik aus der Regierung. An vorderster Front: Kanzlerin Merkel und Vize Steinmeier.

Hamburg - Die Regierungschefin fand klare Worte: "Es ist unverständlich, dass Banken, denen der Staat unter die Arme greift, in vielen Fällen gleichzeitig riesige Bonussummen auszahlen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel dem SPIEGEL. Das werde Anfang April auch Thema beim G-20-Treffen in London sein. "Insgesamt muss das Bonussystem international klarer an den wirklich nachhaltigen Erfolg der Banken gekoppelt werden", sagte die CDU-Politikerin.

Frankfurter Skyline mit Bankentürmen: "Realitätsverlust und Zynismus mancher Führungskräfte"
DDP

Frankfurter Skyline mit Bankentürmen: "Realitätsverlust und Zynismus mancher Führungskräfte"

Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) schlug in die gleiche Kerbe: "Der Realitätsverlust und der Zynismus mancher Führungskräfte erschüttern mich immer wieder. Führungskräfte sind Vorbilder - im Guten wie im Schlechten." Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) mahnte an, dass das Gemeinwohl auch von der Mäßigung des Einzelnen lebe: "Solche Exzesse sind Ausdruck einer verlorenen Bodenhaftung und gefährden den Grundkonsens dieser Gesellschaft."

"Verantwortliche nicht belohnen"

Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) wunderte sich, "wie es sein kann, dass die Boni quasi als Bestandteil des Festgehalts vergütet und selbst dann verdient werden, wenn das Unternehmen am Abgrund steht". Ihr Parteifreund Olaf Scholz zeigte kein Verständnis für diese Praxis: "Wo Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit verkürzen und auf Lohn verzichten, können nicht freigiebig Boni gezahlt werden", sagte der Arbeitsminister. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sieht in Bonuszahlungen einen der Auslöser für die Finanzkrise. "Wenn Bankkunden Verluste hinnehmen müssen, dürfen die dafür Verantwortlichen nicht belohnt werden", sagte Aigner.

Entzündet hatte sich der Streit an den Boni für die Investmentbanker von Dresdner Kleinwort. Dabei geht es um 400 Millionen Euro. Das Geld war den Mitarbeitern im vergangenen Sommer von der damaligen Muttergesellschaft Allianz versprochen worden. Die Commerzbank hatte die Zahlungen nach der Übernahme der Bank in Frage gestellt. Der Bund beteiligt sich mit gut 25 Prozent an der Commerzbank, insgesamt hat sie 18,2 Milliarden Euro Staatshilfe bekommen.

"Gierige Banker klagen Millionen-Prämien ein", titelte die "Bild"-Zeitung, als bekannt wurde, dass die Investmentbanker aus Furcht vor drastischen Boni-Kürzungen gar den Gang vor Gericht erwägen. Neben dem zugehörigen Artikel: ein Foto vom lachenden Ex-Dresdner-Kleinwort-Chef Stefan Jentzsch. Nun aber verzichtet der Gescholtene auf die Sonderzahlung. "Stefan Jentzsch hat für 2008 keinen Anspruch auf einen Bonus geltend gemacht", sagte am Freitag ein Sprecher der Dresdner Bank zu SPIEGEL ONLINE. Auch der ehemalige Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter verzichtete auf seine Bonuszahlungen für 2008. Dies beinhalte auch den "Drei-Jahres-Bonus", sagte ein Sprecher der Allianz, deren Vorstand Walter bis vor kurzem ebenfalls angehört hatte.

Scharfe Kritik an den bisherigen Boni-Regeln und den Schöpfern solcher Vergütungsprogramme kommt auch aus der Wirtschaft selbst. Nikolaus von Bomhard, Vorstandschef des Versicherungsgiganten Münchener Rück, sagte im Gespräch mit dem SPIEGEL: "Es gab klare Exzesse." Gerade die "hohen, kurzfristigen Boni" hätten als "eine Art Brandbeschleuniger der Krise" gewirkt.

Angesichts der "ungeheuerlichen Dimension dieser Krise" müsse man sich aber auch "überlegen, ob man nur die Manager kritisiert oder nicht auch die Aufsichtsräte und Investoren, die solche Vergütungssysteme geschaffen haben". Die nun einsetzende öffentliche Erregung findet der Münchener-Rück-Chef dabei "völlig legitim". Er habe "großes Verständnis" für politische Pläne, die Boni nun zu deckeln.

Bomhard zeigte sich allerdings "sicher, dass Appelle und Kritik auch so greifen werden. Das Pendel wird nun in die andere Richtung ausschlagen". Er halte Wettbewerb zwar "generell für notwendig. Aber man muss diesem Wettbewerb auch Grenzen setzen, einen Ordnungsrahmen schaffen". Große Bereiche der Finanzindustrie seien für viele Bürger noch immer "vollkommen intransparent". Das schaffe "erst Unsicherheit, dann Misstrauen und kann am Ende dazu führen, dass gesellschaftliche Gruppen weit auseinanderdriften".

Bomhard weiter: "Das ist eine große Gefahr für unsere Gesellschaft." Neben den Boni-Exzessen sieht der Vorstandschef allerdings zwei weitere Grundprobleme: Einerseits "die oft völlig unzureichende Qualität des Risikomanagements", andererseits mangelnde "persönliche Verantwortung" vieler Top-Manager. Wenn die Musik ganz laut spiele, müsse "man auch mal zu sagen wagen: Nein, ich tanze nicht mit!"

sef

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: