US-Prozess gegen Ex-Goldman-Trader: 'Fabelhafter Fab' soll für Milliardenbetrug büßen

Von , New York

Ex-Goldman-Trader Tourre (2010): Mutmaßlicher Strippenzieher der Finanzkrise Zur Großansicht
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Ex-Goldman-Trader Tourre (2010): Mutmaßlicher Strippenzieher der Finanzkrise

Es ist der bislang spektakulärste Prozess um die US-Finanzkrise: Der einstige Goldman-Sachs-Trader Fabrice Tourre muss sich in New York verantworten. Der "fabelhafte Fab" soll Klienten um eine Milliarde Dollar gebracht haben.

Es war die E-Mail, die die Wall Street wanken ließ. "Das ganze Gebäude kann jeden Moment zusammenbrechen", stand da unter der Datumszeile 23. Januar 2007. "Einziger potentieller Überlebender, der fabelhafte Fab…, der inmitten all dieser komplexen, hoch verschuldeten, exotischen Instrumente steht, die er erschaffen hat, ohne all die Bedeutung dieser Monstrositäten zwangsläufig zu verstehen!!!"

Finanzkrise für Anfänger: Absender des juvenilen Offenbarungseids war Fabrice Tourre, ein 28-jähriger Jungstar der Investmentbank Goldman Sachs. Der Franzose, der sich gerne "fabulous Fab" nannte, war für den Verkauf von "collateralized debt obligations" (CDO) zuständig, jener windiger Kreditprodukte im Zentrum des Wall-Street-Kartenhauses. Die Abzocke war dabei von Anfang an eingeplant, wie Tourre in der E-Mail an seine Freundin prahlte.

Sechseinhalb Jahre später wird die Rechnung nun fällig - zumindest für Tourre. Ab diesem Montag steht der Ex-Trader wegen der Vorwürfe des Betrugs und Verstoßes gegen das Börsengesetz vor einem Bezirksgericht in Manhattan.

Der Prozess ist das bisher hochkarätigste Zivilverfahren der US-Börsenaufsicht SEC gegen einen mutmaßlichen Strippenzieher der Krise.

Das Drehbuch eines Finanz-Slapsticks

Die 22 Seiten starke Anklage liest sich wie das Drehbuch eines Finanz-Slapsticks, samt Dialogen und internen E-Mails. Erst richtete sich die Anklage gegen den gesamten Konzern. Doch Goldman zog sich 2010 aus der Affäre, per Vergleich und mit einer Rekordstrafe von 550 Millionen Dollar.

Der heute 33-jährige Tourre dagegen - der Goldman 2012 verließ und jetzt in Chicago seinen Doktor in Volkswirtschaftslehre macht - bestand auf einem Prozess. Er sei, beharren seine Anwälte, "zuversichtlich, dass die Geschworenen die SEC-Vorwürfe rundweg zurückweisen werden".

Ebenso zuversichtlich ist aber auch die SEC, Tourre als Symbol der Krise haftbar machen zu können. Im Mittelpunkt der Anklage steht, als Platzhalter für Millionen ähnlicher Produkte, eine CDO namens Abacus 2007-AC1: Diese habe Tourre 2007 verhökert, obwohl er gewusst habe, dass sie Verlust machen würde.

Stiller Mitwisser sei der Hedgefonds-Guru und "Teflon-Spekulant" John Paulson gewesen. Der habe Abacus mitgestaltet, dann darauf gewettet, dass die in dem Paket gebündelten Kredite an Wert verlieren würden und so rund eine Milliarde Dollar eingesackt - Gelder, die ihm allerdings längst wieder abhanden gekommen sind. Unter den Verlierern des Abacus-Deals: die Royal Bank of Scotland und die deutsche Mittelstandsbank IKB.

"Die SEC behauptet im Prinzip, dass Tourre dem Rotkäppchen eine Einladung zum Haus der Großmutter gegeben, doch verheimlicht habe, dass sie vom bösen Wolf" - gemeint ist Paulson - "geschrieben wurde", formulierte es Bezirksrichterin Katherine Forrest, die den Prozess leitet, kürzlich. "Die mutmaßlichen Opfer waren jedoch keine Kinder, sondern große Finanzinstitutionen, die in einer Welt operieren, in der jeder gegen jeden kämpft."

Kernfrage des Prozesses: Wer wusste wann was?

Kernfrage des Prozesses: Wer wusste wann was? Nach Angaben Tourres war den Banken die prekäre Lage von Abacus sehr wohl klar, schließlich seien sie Profis. "Wir haben keine Pflicht, die Investoren zu beraten", sagte er 2010 vor dem Ermittlungsausschuss des US-Senats.

Eine Kronzeugin soll Laura Schwartz sein, damals Tourres Kontaktfrau beim Finanzmakler ACA, der das Abacus-Paket schnüren und versichern half: Tourre habe ihr vorgegaukelt, dass Paulson in Abacus investiere, statt dagegen zu wetten. Die Verteidigung will Schwartz als unglaubwürdig abstempeln, da sie selbst im Fadenkreuz der SEC gestanden habe. Auch habe die Börsenaufsicht ACA nicht als "Opfer" betrachtet, als es die 550 Millionen Dollar Strafe unter den Geschädigten aufteilte.

Ein weiterer Zeuge könnte der Deutsche Jörg Zimmermann sein, ein Ex-Manager bei der IKB. Dem habe Tourre den Abacus-Schwindel persönlich empfohlen, heißt es in SEC-Akten.

Wall-Street-Kritiker erhoffen sich von dem Prozess die erste persönliche Rechenschaft eines damaligen Finanzjongleurs seit dem Beinahe-Kollaps des Systems. Zwar hat die SEC deshalb schon etliche andere Verfahren angestrengt. Doch die endeten entweder in Vergleichen, die explizite Schulderklärungen ausschlossen, oder in geplatzten Anklagen.

Der Druck ist diesmal also groß. "Das Gericht könnte diesen Fall nutzen, um ein Signal zu setzen", sagte der ehemalige SEC-Funktionär David Marder der Agentur Reuters. "Und eine der besten Wege wäre eine kräftige Strafe."

Tourre versuchte sich zumindest an gesellschaftlicher Wiedergutmachung. Voriges Jahr arbeitete er in Ruanda für eine NGO, bevor er sein Promotionsstudium in Chicago antrat. Seine Anwältin Pamela Chepiga versicherte dem Gericht, dass der Prozesstermin nicht mit Tourres Prüfungen in Chicago kollidieren werde.

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1. optional
spon-facebook-10000061989 15.07.2013
Das obligatorische Bauernopfer. Siehe auch die ARTE-Doku "Goldman Sachs". Der Laden gehört geschlossen. Stattdessen unterwandert diese Bank auch Europa mit Leuten wie Draghi.
2.
Trollvottel 15.07.2013
Zitat von spon-facebook-10000061989Das obligatorische Bauernopfer. Siehe auch die ARTE-Doku "Goldman Sachs". Der Laden gehört geschlossen. Stattdessen unterwandert diese Bank auch Europa mit Leuten wie Draghi.
Vergangeheitsform wäre richtig. Unterwanderte.
3. Wie kamen die an die Emails
kork22 15.07.2013
Würde mich im Zusammenhang der aktuellen Entwicklungen wirklich mal interessieren? Hat die Freundin gepetzt oder wurde sein PC durchsucht?
4.
franko_potente 15.07.2013
Zitat von spon-facebook-10000061989Das obligatorische Bauernopfer. Siehe auch die ARTE-Doku "Goldman Sachs". Der Laden gehört geschlossen. Stattdessen unterwandert diese Bank auch Europa mit Leuten wie Draghi.
DAs waren auch meine Gedanken, sicher ist FABFAB ein Arsch***, aber wenn die SEC Konsequent wäre, würde sie Goldman Sachs auflösen. Aber wer sitzt in der SEC?....richtig!
5. Schön und gut
sunburner123 15.07.2013
Das ist ja schön und gut, dass mal ein Banker auf der Anklagebank landet, aber ich fände es wünschenswert, aenn auch mal einer der Bosse sich auf selbiger wiederfinden würde. Kann mir keiner erzählen, dass die nichts von den Praktiken ihrer Untergebenen wussten! In der ganzen Bankenkrise wurde weltweit noch nicht einer belangt, dass halte ich für den eigentlichen Skandal!!!
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