Finanzkrise US-Regierung prüft Verstaatlichung von Banken

Staatskapitalismus im Land der freien Märkte: Die US-Regierung denkt über weitere Konsequenzen aus der Finanzkrise nach - sie ist nun auch bereit, sich direkt an Banken zu beteiligen. Finanzminister Paulson schlägt eine Weltkonferenz zur Stabilisierung der Märkte vor.


Washington - Erst Großbritannien, dann die USA? Erst am Mittwoch hatte der britische Premier Gordon Brown den Einstieg seines Landes bei acht Großbanken bekanntgegeben - Ähnliches ist jetzt auch in den USA möglich. Auf den britischen Plan angesprochen, sagte US-Finanzminister Henry Paulson, er weise diese Idee nicht zurück.

Die "New York Times" berichtet auf ihrer Internet-Seite unter Berufung auf Regierungskreise, mit dem Einstieg bei Banken solle ein Beitrag zur Stärkung des Vertrauens in das Bankensystem geleistet werden. Auch die Nachrichtenagentur AP schreibt, die Regierung könnte sich an Geldhäusern beteiligen.

US-Präsident Bush: Wirkung des Rettungspakets in zweieinhalb Wochen?
DPA

US-Präsident Bush: Wirkung des Rettungspakets in zweieinhalb Wochen?

Das amerikanische Finanzministerium will in Kürze Details zum 700-Milliarden-Dollar-Paket für die Finanzbranche bekanntgeben, auf das sich Regierung und Kongress nach langem Ringen geeinigt hatten. Es sei nur noch eine Frage von Tagen, bis das Programm mit allen Vorhaben und Zeitplänen ausführlich vorgestellt werden könne, sagte Staatssekretär David McCormick. "Ich gehe davon aus, dass mit der Umsetzung in Wochen - nicht Monaten - begonnen werden kann." Mit den 700 Milliarden Dollar will die Regierung der angeschlagenen Finanzbranche faule Kredite abkaufen und sie damit entlasten.

Zuvor hatte sich die US-Regierung bereits am Versicherungsriesen AIG beteiligt und ihm einen Kredit von 85 Milliarden Dollar gewährt. Die Notenbank in New York hat AIG nun noch einmal bis zu 37,8 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, um die laufenden Geschäfte abzuwickeln. Die Bank werde bis zu dieser Summe erstklassige festverzinsliche Wertpapiere des Konzerns beleihen und damit dessen Liquidität fördern, teilte die New Yorker Fed mit.

In einem Telefongespräch mit Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio "Lula" da Silva versicherte US-Präsident George W. Bush, dass die Maßnahmen des US-Bankenrettungsplans in "zweieinhalb Wochen" erste Wirkungen zeigen werden.

Bush, Merkel und Sarkozy stimmen sich ab

Nach dem koordinierten Eingreifen großer Notenbanken haben die USA und Europa ihre Bemühungen um eine bessere Zusammenarbeit in der Finanzkrise verstärkt. Paulson schlug eine Weltfinanzkonferenz vor, an der auch die wichtigsten Schwellenländer teilnehmen sollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte unter anderem mit US-Präsident George W. Bush und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und verabredete mit ihnen eine engere Abstimmung der Maßnahmen zur Stützung der Märkte.

Bush habe Merkel angerufen, um sie über die Schritte der USA in der Finanzkrise zu informieren, teilte das US-Präsidialamt mit. Die beiden Regierungschefs seien sich einig gewesen, dass angesichts der Probleme, vor denen die Weltwirtschaft stehe, alle Länder zusammenarbeiten müssten, sagte Sprecherin Dana Perino weiter.

Auch Merkel und Sarkozy verabredeten eine bessere Abstimmung. Sie stimmten überein, "dass die Maßnahmen Deutschlands und Frankreichs in der Finanzkrise vollständig koordiniert werden", hieß es in der gemeinsamen Erklärung, die in Paris veröffentlicht wurde. In deutschen Regierungskreisen hieß es, die Kanzlerin habe auch mit dem britischen Premierminister Gordon Brown und weiteren Regierungschefs telefoniert. Auch hier sei es um Abstimmungen in der Finanzkrise gegangen, hieß es weiter, ohne dass Einzelheiten genannt wurden.

Nach Angaben des US-Finanzministeriums unterstützt Bush den Vorschlag einer Weltkonferenz. Das Treffen soll nach den Worten Paulsons nach den G-7-Beratungen stattfinden. Ein Gipfeltreffen der Regierungschefs der größten Volkswirtschaften der Welt ist noch für 2008 geplant. Bereits am Freitag beraten die Finanzminister der sieben Industrienationen über neue Spielregeln an den tief verunsicherten Finanzmärkten. Dabei geht es unter anderem um neue Bilanzierungsvorschriften, um den Banken weitere Milliardenabschreibungen zu ersparen. In einer Geste der Entspannung nach dem Konflikt um den Georgien-Krieg wollen die Minister zudem Russland zum gemeinsamen Abendessen dazubitten.

asc/AP/Reuters/dpa

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