Finanzkrise Weltweite Kreditängste - Börsen trudeln nach unten

Kreditkrise und kein Ende: Erneut sind die Börsen in Asien eingebrochen, auch der Dax startete schwach. Der deutsche Bankenverband fordert seine Mitglieder nun auf, sämtliche Risiken schonungslos offenzulegen. Die Grünen sprechen vom "Bankrott des Neoliberalismus".


Hongkong/Frankfurt am Main - Neue Ängste wegen der weltweiten Kreditkrise: An den asiatischen Börsen sind die Kurse in der Nacht zum Donnerstag abgestürzt: Hongkong minus 3,5 Prozent, Australien minus 3,1 Prozent, Singapur minus 1,0 Prozent. Auch die Märkte in Taiwan und Shanghai notierten zeitweise deutlich unter den Schlussständen vom Vortag, erholten sich dann aber wieder. Die Börse in Tokio war wegen eines Feiertages geschlossen.

Börse in Shanghai: Angespannte Situation
DPA

Börse in Shanghai: Angespannte Situation

"Der Trend in den USA bleibt bestehen: Die Situation am Kreditmarkt ist angespannt und weitere Abschreibungen sind nicht auszuschließen", sagte Savanth Sebastian von CommSec. Nach dem kurzzeitigen Kursplus vom Mittwoch in Folge der US-Zinssenkung drückten nun wieder Sorgen vor der Kreditkrise die Stimmung der Anleger.

Im Visier der Beobachter steht vor allem die amerikanische Investmentbank Merrill Lynch, bei der weitere Abschreibungen vermutet werden. Das weltgrößte Brokerhaus verklagt einen US-Anleiheversicherer, um ihn am Abzug von Kreditgarantien zu hindern.

Selbst die Rohstoffpreise, die zuletzt deutlich gestiegen waren, notieren mittlerweile im Minus - aus Furcht vor einem weltweiten Wirtschaftsabschwung. Darunter leidet unter anderem der weltgrößte Bergbaukonzern BHP Billiton Chart zeigen: Die Papiere des australisch-britischen Unternehmens gaben 8,3 Prozent nach.

Zuvor hatten schon die US-Börsen deutlich tiefer geschlossen. Der Dow Jones Chart zeigen ging mit einem Minus von 2,4 Prozent aus dem Handel. Der breiter gefasste S&P-500 verlor ebenfalls 2,4 Prozent. Der Technologie-Index Nasdaq Chart zeigen gab 2,6 Prozent nach.

Die Anleger in Deutschland zogen daraus Konsequenzen und verkauften ebenfalls Aktien. Der Dax Chart zeigen startete am heutigen Donnerstag mit einem Minus von 0,7 Prozent. Der MDax Chart zeigen fiel um 1,5 Prozent, der TecDax Chart zeigen um 0,9 Prozent. "Der große Verfall an den Terminmärkten steht im Fokus", sagten Händler. Aussagen der Credit Suisse Chart zeigen über die Auswirkungen der Finanzkrise würden ebenfalls lebhaft diskutiert. Das Schweizer Institut hat im ersten Quartal 2,86 Milliarden Schweizer Franken abgeschrieben.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann versucht derweil, die Debatte um seine Äußerungen zu beruhigen, die als Hilferuf an den Staat interpretiert worden waren. "Es geht nicht um den Ruf nach dem Staat und die Rettung von Investoren", sagte Ackermann der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Ackermann hatte am Montag erklärt, er glaube nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte. Dabei sei es ihm aber um den amerikanischen Immobilienmarkt gegangen, stellte Ackermann nun klar. Er bedauere, dass seine Worte eine "Systemdiskussion zur Rolle des Staates" ausgelöst hätten.

Massive Kritik kommt dennoch von den Grünen. "Die Bankenkrise ist der Bankrott des Neoliberalismus", sagte der designierte Spitzenkandidat der Partei für die Bundestagswahl, Jürgen Trittin, der "Berliner Zeitung". "Jetzt ruft Josef Ackermann nach dem Staat, den er sonst aus allem raushalten will. Erst verzocken die Banken das Geld, und jetzt soll der Steuerzahler dafür einstehen. Das ist abenteuerlich."

Zum Handeln rief der Bundesverband deutscher Banken auf. Er verlangte von seinen Mitgliedern, schnellstmöglich alle Risiken offenzulegen. "Bloße Gerüchte können bereits gravierende Folgen haben", sagte Hauptgeschäftsführer Manfred Weber dem "Handelsblatt". Die Kreditvergabe der Institute untereinander sei nach wie vor gestört: "Die Vertrauenskrise besteht weiter, es herrscht große Nervosität."

Zum Fall der haarscharf vor dem Zusammenbruch geretteten New Yorker Bank Bear Stearns Chart zeigensagte Weber, er könne einen Fall wie diesen hierzulande "nicht ansatzweise erkennen". Die Situation der Banken in den USA unterscheide sich grundlegend von der in Europa. Hinzu komme, dass Bundesbank und Europäische Zentralbank professionell Liquidität zur Verfügung stellten.

Weber sprach sich dagegen aus, nun nach einem Eingreifen des Staates zu rufen: "In erster Linie liegt die Verantwortung für die Krise bei den einzelnen Finanzmarktakteuren."

Umstritten ist nach wie vor, ob die Finanzmarktkrise Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur haben könnte. Mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute hatten dies befürchtet. Dem widersprach nun der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Bert Rürup. "Ich sehe bisher keinen Grund, warum die Wachstumsprognose der Bundesregierung von 1,7 Prozent in diesem Jahr nicht eintreten sollte", sagte er dem "Handelsblatt". Die deutsche Wirtschaft sei trotz der US-Finanzmarktkrise weiter robust.

Der Chef der fünf Wirtschaftsweisen begründete seine positive Einschätzung damit, dass sich "die Abwärtsrisiken durch die schwächelnde US-Konjunktur erst im zweiten Halbjahr und dann vor allem im nächsten Jahr bemerkbar machen". Zudem unterstütze die anhaltende Entspannung auf dem Arbeitsmarkt die Konjunktur. Nach den Worten Rürups ist ein Abbau der Arbeitslosigkeit auf 3,5 Millionen weiterhin erreichbar. Ähnlich äußerte sich auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) in der "Bild"-Zeitung.

wal/Reuters/dpa-AFX/ddp/AP



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