Finanzmarktbeben Wall Street droht Katastrophen-Start

Angst vor dem globalen Crash nach dem Beben in der Finanzbranche: Anleger und Politiker bangen vor dem Börsenstart in New York. Wie wird der wichtigste Handelsplatz der Welt reagieren? Der Dax sackte bereits um vier Prozent ab.

Von , New York


New York - Peter Petersen hat schon einiges mitgemacht. Der Mitbegründer der Private-Equity-Firma Blackstone Chart zeigen ist ein Veteran des Börsengeschäfts. Der Investmentbanker diente so gegensätzlichen US-Präsidenten wie Richard Nixon und Bill Clinton als Berater, war mal kurz Handelsminister, führte eine Weile das Wall-Street-Traditionshaus Lehman Brothers Chart zeigen, durchlebte mehrere Crashs und machte mit gewieften Finanzdeals ein Milliardenvermögen.

Doch das zurückliegende Wochenende verschlug mit seiner Dramatik selbst dem eiskalten Profi Petersen den Atem. "Du meine Güte", sagte er der "New York Times". "Ich bin seit 35 Jahren im Geschäft, aber das sind die außerordentlichsten Ereignisse, die ich je gesehen habe."

Die New York Stock Exchange: Bangen vor dem Börsenstart
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Die New York Stock Exchange: Bangen vor dem Börsenstart

Mit dieser Meinung dürfte Petersen nicht allein stehen. Innerhalb weniger Stunden taumelte die Wall Street am gestrigen Sonntag durch einen der schlimmsten Tage ihrer Geschichte: Zwei weitere legendäre Wall-Street-Institutionen sind am Ende, Merrill Lynch Chart zeigen und Lehman Brothers, mit insgesamt 85.000 Angestellten weltweit. Merrill Lynch , 1914 unter der Adresse 7 Wall Street gegründet, verkauft sich nun an die größte US-Geschäftsbank, die Bank of America Chart zeigen - für rund 50 Milliarden Dollar. Die Hälfte des Unternehmenswertes vom vergangenen Jahr. Lehman suchte nach einem ähnlichen Rettungsanker, fand aber keinen Käufer und muss nun Konkurs anmelden - der größte Kollaps einer Investmentbank, seit Drexel Burnham Lambert mit seinem Unternehmen vor 18 Jahren im Junkbond-Skandal ertrank.

Am Ende dieses "schwarzen Sonntags" existierte die alte Wall Street, wie man sie bisher kannte, nicht mehr. "Das US-Finanzsystem", schreibt das nicht gerade zu Übertreibungen neigende "Wall Street Journal", "ist in seinen Grundfesten erschüttert worden". Dabei war Sonntag nicht mal ein Handelstag. Der kommt erst heute, und davor graut es vielen - zu Recht. Wie die US-Börsen auf das Desaster reagieren, weiß keiner. Asiatische und europäische Börsen verloren am heutigen Montag bereits drastisch, der Dax rutsche mit rund vier Prozent ins Minus - unter die 6000-Punkte-Marke.

In der US-Banken- und Finanzbranche drohen weitere Hiobsbotschaften. So steht ein dritter Wall-Street-Gigant, der einst weltgrößte Versicherungskonzern AIG Chart zeigen, ebenfalls kurz vor dem Kollaps. Der seit langem brüchige und von Skandalen geplagte Konzern muss rund 40 Milliarden Dollar aufbringen, um die Analysten und Ratingagenturen zu beruhigen - fast unmöglich. Bisherige Versuche, Teile des Unternehmens abzustoßen, waren erfolglos. Die größte US-Spar- und Darlehenskasse Washington Mutual hat unterdessen in einem Jahr bereits 92 Prozent ihres Werts verloren und schon mal ihren Vorstandschef Kerry Killinger gefeuert - nach 18 Jahren im Amt.

Vorsichtshalber taten sich etliche Banken zusammen und legten einen Fonds über 70 Milliarden Dollar auf - mit dem sie sich im Notfall gegenseitig aus dem Schlamassel ziehen wollen. Die Bank of America, Barclays Chart zeigen, Citibank, Credit Suisse Chart zeigen, Deutsche Bank Chart zeigen, Goldman Sachs Chart zeigen, J. P. Morgan, Merrill Lynch, Morgan Stanley und UBS Chart zeigen stellten dafür je sieben Milliarden Dollar zur Verfügung. Dies, so hieß es, solle eine weltweite Börsenpanik verhindern.

Lehman kam nur wenige Stunden zu spät

Schwindelerregende Entwicklungen sind das, die selbst abgebrühten Bankern die Köpfe schwirren lassen, bei Anlegern verständliche Unruhe auslösen. Und die doch, fast schlimmer noch, keinen wirklich überraschen: All dies war vorhersehbar - und vorhergesehen worden.

Lehmans Schicksal stand seit langem auf der Kippe. Schon im März - als Bear Stearns als erste der großen US-Investmentfirmen unterging und an JP Morgan Chase verscherbelt wurde - wurde gemunkelt, Lehman sei im 158. Jahr seines Bestehens als nächstes dran. Gerüchte über eine bevorstehende Insolvenz und horrende Wertverluste kursierten - ein Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg gab.

Der letzte Akt des Dramas begann am Freitagabend in der Filiale der US-Notenbank in Lower Manhattan, einem burgartigen Festungsbau unweit der New York Stock Exchange (NYSE). Da trafen sich Vertreter der Federal Reserve mit US-Finanzminister Henry Paulson und den betroffenen Lehman-Bankern zu stundenlangen Krisensitzungen hinter verschlossener Tür. Unablässig rannten Mitarbeiter hin und her, in der Hand Aktenordner, Essenspakete und Kaffeebecher.

Die Fed hatte bereits den Verkauf von Bear Stearns an JP Morgan Chase eingefädelt und auch die beiden größten wankenden US-Hypothekenbanken Fannie Mae Chart zeigen und Freddie Mac Chart zeigen mit Milliardenzuschüssen gerettet. Diesmal jedoch, so machte die Notenbank deutlich, werde sie sich nicht dergestalt engagieren - die Banken müssten ihre Probleme bitte auf eigene Faust lösen.

Lehman streckte die Fühler nach potentiellen Käufern aus - in Richtung der Bank of America und der britischen Großbank Barclays.

Die Bank of America hatte sich allerdings schon anderweitig verpflichtet. Bereits im Sommer wurden inoffizielle Kontakte zu Merrill Lynch aufgenommen, der größten US-Brokerfirma. Damals habe Merrill-Chef John Thain - der zuvor die NYSE geführt hatte - die Offerte noch abgelehnt, hieß es in Bankkreisen. Als sich die Krise jedoch in den letzten Wochen zuspitzte, habe Thain den Draht zu Kenneth Lewis, dem CEO der Bank of America, erneut aktiviert. Am Sonntagvormittag besiegelten die Manager den Deal.

Am Ende dürfte von Lehman nicht viel übrig bleiben

Lehman blieb jetzt nur noch Barclays als Option. Eine der Alternativen war es offenbar, Lehman in zwei Firmen zu zerschlagen. Barclays würde den Teil übernehmen, dem es finanziell am besten geht, währen der marode Rest und dessen Verluste von einer Gruppe von rund einem Dutzend anderen Wall-Street-Firmen aufgefangen worden wäre.

Doch konnte man sich nach Informationen von US-Medien weder auf eine Struktur einigen, die die Käuferfirmen finanziell befriedigt hätte, noch habe Barclays die Zustimmung seiner Aktionäre rechtzeitig einholen können. Der Deal zerschlug sich, bevor er festgezurrt war, und Barclays klinkte sich gestern offiziell aus.

Damit blieb nur der Konkurs. An dessen Ende dürfte von Lehman nichts mehr übrig bleiben - ein Überleben des Konzerns in neuer Form ist nach den für US-Finanzfirmen sehr strengen Konkursregeln unwahrscheinlich. Ein tragisches Schicksal für die Bank, die monatelang allen Gerüchten getrotzt hatte.

Einzig die Bank of America dürfte noch irgendetwas Positives an den Entwicklungen dieser Tage entdecken können - immerhin zementiert sie mit dem Kauf von Merrill Lynch ihre ungeheure Macht an der Wall Street. Im Sommer hatte sie bereits die bis dahin größte US-Hypothekenbank Countrywide geschluckt, die als einer der ersten prominenten Namen von der Immobilien- und Kreditkrise vernichtet worden war.



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