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Finanzmarktkrise: Die HRE und das 900-Milliarden-Risiko

Von Kai Lange

Sie haben keine Wahl. Fieberhaft versuchen Bundesregierung und Banken, die angeschlagene Hypo Real Estate zu retten. Denn die HRE gilt als wichtiger Player im 900 Milliarden Euro schweren deutschen Pfandbriefmarkt - über den sich etliche Banken und Versicherungen refinanzieren.

Hamburg - 35 Milliarden Euro sind für die Hypo Real Estate (HRE) offenbar nicht genug. Jetzt dürfte es um mindestens 50 Milliarden Euro gehen. Warum soll der Steuerzahler diese irrwitzig hohen Summen als Sicherheit zur Verfügung stellen, nur um eine einzelne Bank vor der Pleite zu retten?

Wichtiger Spieler am Pfandbriefmarkt: Eine HRE-Pleite könnte ein Beben an dem wichtigen Refinanzierungsmarkt auslösen
DPA

Wichtiger Spieler am Pfandbriefmarkt: Eine HRE-Pleite könnte ein Beben an dem wichtigen Refinanzierungsmarkt auslösen

Im Fall des Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate gibt es gute Gründe, dass sich Regierung und Finanzaufsicht in einer Krisensitzung seit Sonntagmorgen erneut um eine Rettung des angeschlagenen Instituts bemühen und Kanzlerin Angela Merkel eine "schnelle Lösung" fordert. Von einer Pleite der HRE wären nicht nur die Kunden und Mitarbeiter der Bank, sondern die gesamte Finanzbranche betroffen.

Die Hypo Real Estate ist einer der wichtigsten Spieler am deutschen Pfandbriefmarkt, der mit einem Volumen von geschätzten 900 Milliarden Euro der größte der Welt ist. Pfandbriefe gelten als besonders sichere Anlagen, zahlreiche Versicherungen sind in diesem Markt engagiert. Und ausgerechnet dieser Markt droht trockenzufallen, wenn die HRE von der Bildfläche verschwinden sollte.

Die Hypo Real Estate hat Pfandbriefe im Wert von knapp 100 Milliarden Euro herausgegeben. Gemeinsam mit ihrer irischen Tochter Depfa sind es sogar rund 140 Milliarden, das sind etwa 15 Prozent des gesamten Marktes. Dem Dax steht am Montag ein extrem rauer Handelstag bevor.

Wackelt der Pfandbriefmarkt, kippen weitere Banken

Den Ausfall eines so wichtigen Anbieters werde der Markt nicht verkraften, so die Befürchtung. Die ohnehin bereits stark schwankenden Preise für Pfandbriefe könnten extrem unter Druck geraten, da weder eine Bank noch ein anderer Investor derzeit bereit sei, diese Papiere in die Bücher zu nehmen.

Dabei sind Pfandbriefe eine Form der Anleihe, die mit besonderen Sicherheiten unterlegt ist und deshalb als eine sicherheitsorientierte Anlageform gilt. Für öffentliche Pfandbriefe bürgt zum Beispiel der Staat. Hypothekenpfandbriefe, wie sie die HRE in großer Zahl herausgegeben hat, sind mit Immobilien abgesichert. Noch nie gab es einen Ausfall dieser Anlageform: Wer die Geduld hat, einen Pfandbrief trotz zwischenzeitlicher Schwankungen der Bewertung bis zum Ende der Laufzeit zu behalten, hat bislang immer sein Geld wiedergesehen.

Der Markt für deutsche Immobilien, die meist als Sicherheiten für die HRE-Hypothekenpfandbriefe dienen, ist außerdem mit dem US-Immobilienmarkt derzeit nicht vergleichbar. Da es am deutschen Immobilienmarkt keine Preisblase und auch kein Subprime-Problem wie in den USA gab, sind die Preise hierzulande auch nicht derart ins Rutschen gekommen wie in Übersee. Das Problem ist allerdings: Bislang ist noch nie ein Herausgeber von Pfandbriefen pleite gegangen, ein Kollaps der HRE wäre ein Präzedenzfall.

Ein Pfandbrief kann also mit hervorragenden Sicherheiten unterlegt sein - wenn der Interessent dem Verkäufer des Pfandbriefes nicht mehr traut, wird er das Papier nicht kaufen.

Kettenreaktion befürchtet - HRE zu tief verwoben

Die Politik will verhindern, dass durch eine Pleite der HRE der gesamte deutsche Pfandbriefmarkt unter den Marktteilnehmern als unsicher eingestuft wird und niemand mehr Pfandbriefe aufnehmen will. Fällt dieser Markt trocken, hätte dies verheerende Folgen für die Banken: Zahlreiche Kreditinstitute nutzen Pfandbriefe, um sich zu refinanzieren, da diese Form der Anleihe noch als vergleichsweise günstige Möglichkeit der Refinanzierung gilt.

Auf diese Weise könnte eine HRE-Pleite die befürchtete Kettenreaktion auslösen. Fällt der 900-Milliarden-Markt trocken, werden in Kürze weitere Kreditinstitute massive Schwierigkeiten bekommen, sich mit frischem Geld zu versorgen.

Ein ähnlicher Dominoeffekt drohte bereits in den USA. US-Regierung und Notenbank entschlossen sich zur Rettung und Verstaatlichung des Versicherungsriesen AIG, da dieser über den Markt für Credit Default Swaps zu tief in die Absicherungsgeschäfte weiterer Kreditinstitute verstrickt war. Der Schaden für das gesamte Finanzsystem sei im Fall einer AIG-Pleite zu groß gewesen, so das Argument.

Auch im Fall der Hypo Real Estate befürchten Experten ein solches systemisches Risiko, da ein HRE-Kollaps Schockwellen über ein existentiell wichtiges Marktsegment der Finanzbranche senden könnte.

Keine Finanzspritzen, sondern Bürgschaften

Die Hypo Real Estate ist zudem eine der großen Finanzierer von staatlichen Haushalten, Kommunen, Ländern und von gewerblichen Immobilien. Eine Pleite würde auch Versorgungswerke, Berufsgenossenschaften sowie deutsche Länder und Kommunen, die teilweise hohe Beträge bei der HRE angelegt hatten, in Mitleidenschaft ziehen, hatten die Präsidenten der Bundesbank und der Finanzaufsicht BaFin, Axel Weber und Jochen Sanio, kürzlich gewarnt.

Politiker versuchen unterdessen, angesichts der täglich steigenden Milliardensummen die aufgeschreckten Sparer und Steuerzahler zu beruhigen. Bei den zur Diskussion stehenden Milliardenzusagen handelt es sich nicht um direkte Finanzspritzen, sondern um Staatsgarantien.

Das bedeutet, dass der Bund als Bürge auftritt, um einem angeschlagenen Institut wie der HRE neue kurzfristige Kredite zu ermöglichen. Erst wenn diese Kredite ausfallen sollten, ist das Geld verloren. Kann das Institut jedoch wie erhofft seine Kredite bedienen, muss dem Steuerzahler kein Schaden entstehen.

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