Finanzminister-Treffen in Essen Die Krupp-Villa und die globale Balance

Hedgefonds jonglieren mit Milliardensummen, Währungen rutschen ab, Schwellenländer drängen vor - die Finanzminister der G7-Staaten wollen ab Freitagabend versuchen, die Herausforderungen der Globalisierung zu meistern. Doch von der Gesprächsrunde sind keine echten Lösungen zu erwarten.

Von Arne Gottschalck und Kai Lange


Essen - Die Villa Hügel, ehemaliges Domizil der Industriellenfamilie Krupp, hat 269 Zimmer. Ab Sonnabend wird Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) dort die Amtskollegen der sieben führenden Industrienationen sowie die Gouverneure der Notenbanken empfangen: Die Chancen, dass die G7 in allen wichtigen Fragen eine Einigung erzielen, sind ebenso groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass es versehentlich zu Doppelbelegungen der Räumlichkeiten kommt.

Die langen Flure, die den rund 8000 Quadratmeter großen Komplex durchziehen, bieten den Teilnehmern zumindest die Gelegenheit, sich in kleinen gemeinsamen Schritten einander anzunähern. Rund 600 Angestellte sorgten damals für das Wohl der Großindustriellenfamilie Krupp: Die Delegationen aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Kanada, Japan und Italien werden mindestens ebenso viele dienstbare Geister aufbieten, um die Verbindung trotz unterschiedlicher Positionen nicht abreißen zu lassen.

Über die Risiken von Währungsschwankungen und eine stärkere Kontrolle von Hedgefonds werden die G7 ebenso diskutieren wie über den Umgang mit aufstrebenden Schwellenländern. Am Thema Klimaschutz kommen die Gäste der Villa Hügel nach dem alarmierenden Klimabericht der Vereinten Nationen nicht vorbei: Dass trotz aller Harmoniebemühungen nationale Interessen stets eine Rolle spielen, hat der aktuelle Streit zwischen Deutschland und der EU-Kommission um den CO2-Ausstoß von Neuwagen gezeigt.

Gastgeber Deutschland läuft Gefahr, in heiklen Fragen selbst als Bremser dazustehen. Die Teilnehmer werden daher immer wieder betonen, dass man in der Villa Hügel keine konkreten Beschlüsse fassen, sondern lediglich in Form eines "informellen Forums" auf den Weltwirtschaftsgipfel Anfang Juni im Ostseebad Heiligendamm hinarbeiten wolle. Dann wird auch Russland den Kreis der Entscheider bereichern und den G8-Showdown eröffnen: Was im Strandhotel Heiligendamm festgezurrt werden soll, sollte auf der Villa Hügel zumindest schon mal vorbereitet sein.

Seit dem ersten Weltwirtschaftsgipfel 1975 ist die globale Finanzwelt komplizierter und krisenanfälliger geworden. Es geht nicht mehr nur um Öl und Währungsturbulenzen, sondern auch um rasch aufstrebende Schwellenländer, die die Gewichte deutlich verschoben haben. Finanzakrobaten, die auf Knopfdruck Milliardensummen rund um den Erdball jagen, tragen ihren Teil zur Destabilisierung bei. Im Bemühen um ein neues Gleichgewicht geht es den führenden Industrieländern diesmal vor allem um folgende Risiken.

Währungsrisiko: Der Yen und die Carry-Trades

Währungshändler warnen schon lange vor der Schwäche des Yen. "Wir haben den Yen schon seit geraumer Zeit im Auge. Seine Schwäche droht eine Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems zu werden", erklärt Währungsexperte Eugen Keller vom Bankhaus Metzler.

Denn viele Profianleger haben sich in Japan mit billigen Krediten eingedeckt und legen das Geld in Währungsräumen an, wo das Geld höher verzinst ist. Und sollte eine Seite der Waage Übergewicht bekommen, könnte das ganz schnell in einer Massenflucht enden. Alle wollen eben zur gleichen Zeit durch den gleichen Ausgang.

Darum fordern Währungskenner auch, dass die G7-Vertreter darüber sprechen sollen. Der Dollar dürfte auf dem Treffen eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Und das, obwohl er seit geraumer Zeit gegenüber dem Euro zurückfällt und nicht mehr so eindeutig die Leitwährung der Welt ist. Denn die "direkte Währungsanbindung ist ja weggefallen. Dennoch bleibt der Dollar die wichtigste Währung. Zum einen, weil für viele Länder die USA nach wie vor wichtigster Handelspartner sind. Zum anderen werden Währungsreserven auch aus diesem Grund überwiegend in Dollar gehandelt", so Gerhard Single, Investmentspezialist der American Express Bank.

Ein Kreislauf: Devisenreserven beispielsweise Japans werden in US-amerikanische Staatsanleihen investiert, davon kann die amerikanische Regierung wiederum Programme zur Ankurbelung der Konjunktur finanzieren, die wiederum positiv für die japanische Exportindustrie sein können, meint Single. Würde dieser Kapitalstrom ausbleiben, oder stark rückläufig sein, würde dies der japanischen Wirtschaft schaden, insbesondere in der aktuellen Situation, in der der lokale Konsum noch nicht richtig angesprungen ist.

Kein Wunder also, wenn die Experten nervös sind. Kein Wunder aber auch, dass das Thema bislang an der breiten Öffentlichkeit vorbei ging. Denn "Währungen sind schwer prognostizierbar", so Single. Aber bergen erhebliche Sprengkraft - immerhin werden 1,2 Billionen US-Dollar pro Tag umgesetzt. Doch ob die Politiker sich zu einer Einigung durchringen können, ist mehr als fraglich. Weniger Berührungsängste kennen sie da bei den Hedgefonds.

Hedgefonds: Riskante Heimlichkeiten

Franz Müntefering (SPD) war es, der Hedgefonds als Heuschrecken brandmarkte. Und damit die Diskussion lostrat, was den Managern dieser Investmentprodukte erlaubt sein solle und was nicht.

Immerhin unterliegen sie in Deutschland tatsächlich im Vergleich zu den herkömmlichen Investmentfonds nur geringer Kontrolle. Und immer wieder wird gewarnt, sie könnten die Weltwirtschaft gefährden. So ganz unrealistisch ist das nicht.

1992 spekulierte George Soros mit seinem Quantum Fund gegen das Britische Pfund. Die Bank of England musste intervenieren, und Großbritannien musste das europäische Währungssystem verlassen. 1998 war es dann der LTCM-Fonds, der für Aufsehen sorgte - indem er nach Spekulationen gegen den russischen Rubel Konkurs ging.

USA und Großbritannien bleiben gelassen

Kein Wunder also, wenn immer wieder der Ruf nach mehr Kontrolle und Transparenz laut wird. Und zumeist gleich wieder erstickt wird. Denn in den USA und Großbritannien, den Mutterländern dieser Anlageform, regt sich Widerstand gegen zu viel gesetzgeberische Kontrolle. Hedgefonds sind dort üblich - und auch der geringe staatliche Regulierungsgrad. In Deutschland dagegen will der Staat die Anleger gern schützen. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) scheint sich für eine Aufsicht auszusprechen. Das zumindest sagte sie jüngst auf dem Weltwirtschaftsforums in Davos. Eine Einstellung, die mit Hedgefonds allerdings nicht so ohne weiteres zu vereinbaren ist.

Denn es ist ein stilles Geschäft. Die besten Produkte sind auf dem freien Markt kaum zu kaufen, weil die Verwalter sie bei einem bestimmten Volumen schließen. Sonst, so die Argumentation, könnte die Strategie nicht mehr funktionieren, so die Begründung. Und zu viel Transparenz - nein danke. Denn so würde man ja die eigenen Schachzüge offenbaren und damit kopierbar machen.

Hedgefondsmanagern steht ein nahezu unbegrenztes Arsenal an Strategien zur Verfügung - von Leerverkäufen oder Arbitragegeschäften können die Verwalter herkömmlicher Investmentfonds in der Regel nur träumen. Und da die Hedgefondsindustrie in Amerika und Großbritannien stark ist, dürfte sie ihren Einfluss geltend machen und die Transparenzoffensive ersticken.

Schwellenländer stabilisieren - aus eigenem Interesse

Es geht bei G7-Treffen nicht darum, dass die "großen" Industrienationen den "kleinen" wachsenden Volkswirtschaften an der Schwelle zur Industrialisierung ein wenig Hilfestellung geben. Es geht vor allem darum, das Wachstum in geordnete Bahnen zu lenken und sich damit auch selbst zu schützen.

Angesichts der atemberaubenden Aufholjagd der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China, die Goldman-Sachs-Ökonom Jim O'Neill erstmals 2001 in seinem "Global Economics Paper Nr. 66" formulierte, geht es beim Thema Schwellenländer um die wirtschaftlichen Schwergewichte von morgen: Spätestens 2042, so O'Neill in seiner "BRIC-Studie", werde China die USA als führende Wirtschaftsmacht überholt haben.

Dass Schwellenländer funktionierende Anleihemärkte in eigener Währung aufbauen, liegt daher im ureigenen Interesse der (noch) führenden Industrienationen. Kein Zufall, dass beim Eröffnungsabendessen am Freitag in der Villa Hügel auch die Finanzminister aus Brasilien, Russland, Indien, China, Mexiko und Südafrika dabei sind.

Lehren aus der Asienkrise

Nehmen Schwellenländer Kredite in Fremdwährungen wie Dollar oder Euro auf, kommt zu dem Zinsrisiko noch das Währungsrisiko hinzu. Wertet die lokale Währung gegenüber Euro oder Dollar stark ab, erhöhen sich praktisch über Nacht die Auslandsschulden des betroffenen Landes dramatisch: Korea zum Beispiel wurde 1997 durch den Verfall der eigenen Währung an den Rand der Zahlungsunfähigkeit getrieben - ein Faktor, der die Asienkrise mit auslöste. In global vernetzten Finanzmärkten ist solch ein Vorgang nicht mehr das Problem eines einzelnen Landes, sondern schlägt unmittelbar auf die Industrienationen zurück.

Stabile lokale Finanzsysteme sowie eine funktionierende Finanzaufsicht sind die Voraussetzung für einen robusten Anleihemarkt. Staaten mit Bondmärkten in eigener Währung sind weniger anfällig für externe Schocks - dies gilt ebenso für ein afrikanisches Entwicklungsland wie für ein rasch wachsendes Schwellenland wie China, das inzwischen selbst viele Billionen Dollar an Devisenreserven angehäuft hat.

Konkret wird es während der G7-Gespräche in Essen um Rechtssicherheit und Finanzaufsicht, den Aufbau von Handelsplattformen und um gemeinsame Standards für Anleiheverträge gehen: In diesem Punkt der Agenda könnten die G7 durchaus vorankommen und öffentlich Akzente setzen.

Klimaschutz - Warme Worte zur Erderwärmung

Das Thema Klimaschutz, in vielen früheren G7-Runden zur Nebensache verkommen, drängt auf die obere Hälfte der Agenda: Erst vor wenigen Tagen hat der Weltklimabericht der Vereinten Nationen klargestellt, dass der Mensch für die Erwärmung der Erde verantwortlich ist.

Die weltgrößte Industrienation USA ist größter Produzent des Treibhausgases CO2, dürfte aber binnen zwei Jahren vom Schwellenland China vom unrühmlichen Spitzenplatz verdrängt werden.

Von einem Umdenken ist bislang nichts zu spüren. Die USA hat das Kyoto-Protokoll, das eine Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen bis 2012 zum Ziel hat, nicht ratifiziert. China sieht die Industrieländer in der Verantwortung und ist nicht bereit, seine Emissionen zu begrenzen: Die vier größten CO2-Produzenten China, USA, Russland und Indien haben den Weltklimabericht zwar zur Kenntnis genommen, lehnen aber die Schaffung einer starken UN-Umweltbehörde ab.

Blick auf erneuerbare Energien

Dass Deutschland als Gastgeber nun die USA als Klimasünder an den Pranger stellt, ist nicht zu erwarten. Zu stark war der Widerstand der Bundesregierung und des deutschen EU-Industriekommissars Günter Verheugen, als die EU-Kommission die CO2-Grenzwerte für in der EU verkaufte Neuwagen drastisch senken wollte. Der erzielte Kompromiss hilft der deutschen Autoindustrie, gleichzeitig kann Deutschland aber keine Rolle als Umweltvorreiter beanspruchen.

Es wird wohl trotz der angeblich raschen Erderwärmung bei warmen Worten und blumigen Absichtserklärungen bleiben. Immerhin haben die rasant steigenden Ölpreise in den vergangenen zwei Jahren den Industrienationen deutlich gemacht, dass eine stärkere Nutzung von erneuerbaren Energien auch im ökonomischen Interesse ist.

Es gehe beim zweitägigen Treffen in der ehemaligen Krupp-Villa auch um "Unterstützung von mehr Energieeffizienz" sowie um eine "Energiestrategie, die zunehmend auf erneuerbare Energie setzt", ließ Gastgeber Steinbrück mitteilen. Die Floskeln "zunehmend" lässt dabei ebenso viel Raum für Interpretationen wie das herrschaftliche Anwesen der Villa Hügel.

Das G7-Treffen soll dem "Informationsaustausch" sowie der "Meinungsbildung" dienen, so die offizielle Sprachregelung der Organisatoren: Gut, dass man mal drüber gesprochen hat.



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