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Finanzturbulenzen: "Die Banken wissen gar nicht, wie tief sie in der Krise stecken"

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Erst die IKB, dann die SachsenLB, jetzt die Deutsche Bank: Wie schwer erwischt die weltweite Finanzkrise die deutschen Geldinstitute? Die Banken selbst versuchen zu beruhigen - doch Experten erwarten noch weitere Horrormeldungen.

Hamburg - Es fing alles ganz harmlos an. Im Frühjahr tauchten erste Gerüchte auf, wonach es Probleme auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt geben könnte. An eine weltweite Finanzkrise dachte damals keiner. Dann gerieten die ersten Baufinanzierer in Schwierigkeiten. Das machte die Sache schon komplizierter, aber das Problem blieb immerhin auf die USA beschränkt.

Bankenviertel in Frankfurt am Main: Auch die Deutsche Bank räumt Fehler ein
AP

Bankenviertel in Frankfurt am Main: Auch die Deutsche Bank räumt Fehler ein

Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Erst große amerikanische Hedgefonds, dann die deutsche Mittelstandsbank IKB, die SachsenLB, schließlich der britische Immobilienfinanzierer Northern Rock Chart zeigen. Was mit Zahlungsschwierigkeiten amerikanischer Hauskäufer angefangen hatte, wuchs sich zu einer globalen Abwärtsspirale für die Finanzmärkte aus.

Heute nun der Schock: In Deutschland stecken nicht nur Landesbanken und kleinere Institute in der Krise - selbst der Branchenprimus muss Schwierigkeiten einräumen. "Auch die Deutsche Bank Chart zeigenhat Fehler gemacht", sagte Konzernchef Josef Ackermann gestern Abend bei der Aufzeichnung der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". Problematisch seien insgesamt Kredite in Höhe von 29 Milliarden Euro.

Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Schwierigkeiten der Deutschen Bank als übersichtlich. Doch die psychologische Wirkung bleibt verheerend: Wenn sogar Muster-Banker Ackermann unter der aktuellen Lage leidet - wie schlecht muss es dann erst den anderen gehen?

Einen Vorgeschmack lieferte der Vorstandschef der US-Investmentbank Goldman Sachs Chart zeigen, Lloyd Blankfein: Seiner Meinung nach ist die Finanzkrise noch nicht überwunden. "Die Märkte haben eine gewaltige Bereinigung erlebt, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es noch zu weiteren Anpassungen kommt", sagte Blankfein dem "manager magazin".

Auch in Deutschland stehen weitere Belastungen an. Die neue Muttergesellschaft der SachsenLB, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), stellte heute einer Zweckgesellschaft der sächsischen Landesbank eine Kreditlinie über 90 Tage zur Verfügung. Kurzfristige Verbindlichkeiten könnten so erfüllt werden. Was sich erst einmal gut anhört, ist faktisch ein Eingeständnis der vorhandenen Probleme. Ohne die Finanzspritze hätte die SachsenLB Wertpapiere mit so hohen Verlusten verkaufen müssen, dass die Investoren keine Rückzahlung erhalten hätten.

Doch wie groß ist die Krise insgesamt? Die Meinungen gehen in dieser Frage weit auseinander. Nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden der DZ Bank, Wolfgang Kirsch, wird das Kreditgewerbe aus der derzeitigen Krise sogar gestärkt hervorgehen. Phasen wie die jetzige trügen zur Marktbereinigung bei, sagte Kirsch der "Börsen-Zeitung". Banken, die nicht über ein tragfähiges Kundengeschäft verfügten und deshalb verstärkt Risiko suchten, müssten unter Umständen aus dem Markt ausscheiden. "Das macht den gesamten Sektor aber nicht krank, es macht ihn eher gesünder."

"Die Bankvorstände verstehen gar nicht, was sie da kaufen"

In einem Punkt sind sich die Fachleute dagegen einig: Die ganze Wahrheit dürfte längst nicht ans Licht gekommen sein. Oft hat das einen einfachen Grund: "Zum Teil wissen die Banken gar nicht, wie tief sie drinnen stecken", sagt Wim Kösters, Vorstandsmitglied des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), zu SPIEGEL ONLINE. "Das ist der eigentliche Kern der Krise: Die Intransparenz verunsichert die Marktteilnehmer."

In den vergangenen Monaten wurden milliardenschwere Kreditpakete von einer Bank zur nächsten weitergereicht. Erst im Nachhinein wurde deutlich, mit welchen Risiken die Kredite behaftet sind. "Die Produkte haben einen solchen Komplexitätsgrad, dass das normale Ökonomen gar nicht verstehen", sagt Kösters. Nicht selten hätten die Banken von den Universitäten Physiker abgeworben, um die anspruchsvollen Rechenmodelle zu erstellen. "Die Bankvorstände selbst verstehen oft gar nicht, was sie da kaufen und verkaufen."

Wie groß der Schaden wirklich ist, sei deshalb nicht abzuschätzen. Das RWI geht in seinem Konjunkturbericht von weltweiten Schäden durch die Hypothekenkrise von 100 bis 200 Milliarden Dollar aus. Nur: Wo der Schaden entsteht, weiß keiner. "Im Extremfall haben die Amerikaner alle problematischen Kredite an die Europäer weitergereicht", sagt Kösters. "Dann ist klar, wo die Schwierigkeiten auftreten."

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