Fiorinas Rauswurf HPs verlorene Jahre

Über fünf Jahre lang hat Carleton Fiorina versucht, der in die Jahre gekommenen Technologielegende Hewlett Packard zu neuem Glanz zu verhelfen. Doch ihre chaotische und oft widersprüchliche Strategie ist gescheitert, die Karriere von Amerikas mächtigster Managerin endet mit einem Rauswurf erster Klasse.


Carly Fiorina: Bis Mittwoch Amerikas mächtigste Geschäftsfrau
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Carly Fiorina: Bis Mittwoch Amerikas mächtigste Geschäftsfrau

Hamburg - Als Carly Fiorina im vergangenen Monat das Weltwirtschaftsforum in Davos besuchte, kursierten bereits erste Gerüchte, dass es zwischen ihr und dem Board (Aufsichtsgremium) gewaltig gekracht habe. Die resolute Dame dementierte den Streit umgehend; ihre Beziehungen zum Board seien "exzellent". Heute, nicht einmal zwei Wochen später, wurde sie vom Aufsichtsrat gefeuert.

Das Zerwürfnis reicht so tief, dass nicht einmal zum Abschied versöhnliche Worte fielen. Fiorina sprach von "Differenzen bei der Strategie", die Aufseher traten noch einmal nach. "Wir freuen uns darauf, die Firmenstrategie nun zügiger umzusetzen", sagte Direktorin Patricia Dunn.

Ganz unerwartet kommt das Aus für Fiorina nicht. Bereits seit längerem äußerten Analysten und Branchenbeobachter erhebliche Zweifel daran, dass der Technologiekonzern in die richtige Richtung marschiert. Ihnen erscheint es eher verwunderlich, dass die Managerin sich so lange an der Spitze von Hewlett-Packard (HP) Chart zeigen halten konnte.

Bei ihrem Amtsantritt im Sommer 1999 war HP in 83 Produktbereiche zersplittert und steckte in der Krise. Fiorina wollte die von den Silicon-Valley-Veteranen William Hewlett und David Packard 1939 in einer Garage gegründete Technologieschmiede wieder zu einem Vorzeigeunternehmen machen.

HP, so Fiorina seinerzeit, dürfe der Branche "nicht hinterherlaufen, sondern muss führen". Fünf Jahre später hechelt der Konzern stattdessen in fast allen Bereichen jeweils einem besser aufgestellten Platzhirschen hinterher: Bei Personalcomputern und Servern liegt Dell Chart zeigen vorne, bei Speicherprodukten EMC, bei Dienstleistungen für Geschäftskunden IBM Chart zeigen.

Die Liste von Fiorinas Fehlern ist lang:

  • Im Jahr 2002 setzte sich die HP-Chefin gegen interne Widerstände durch und kaufte den angeschlagenen PC-Hersteller Compaq für 24 Milliarden Dollar. Das Resultat: Statt einer mittelgroßen besitzt HP nun eine sehr große defizitäre PC-Sparte. Auch die Pole-Position des Computerherstellers mit dem größten Marktanteil hat HP inzwischen wieder an Dell verloren. HP drohen zudem hohe Milliarden-Abschreibungen auf den bilanzierten Wert von Compaq.
  • Compaqs Speichergeschäft galt als Kronjuwel des Unternehmens. Unter Fiorina ist die einstige Vorzeigesparte zweitklassig geworden. Mindestens ein halbes Dutzend Bereichsmanager wollte das Elend nicht mit ansehen und desertierte zum Marktführer EMC.
  • Fiorinas großes Ego ließ es nicht zu, dass neben ihr ein Chief Operating Officer das Tagesgeschäft von Amerikas elftgrößtem Konzern leitete. Dabei war es offenkundig, dass die machtbewusste Managerin mit dieser Aufgabe überfordert war. So versank beispielsweise die Serversparte zwischenzeitlich im Chaos, Kunden mussten wochenlang auf bestellte Produkte warten.
  • Viel zu spät erkannte Fiorina neue Chancen im Bereich der Unterhaltungselektronik. Um bei digitalen Musikgeräten überhaupt noch mitspielen zu können, musste das 140.000-Mann-Unternehmen eine lizenzierte Kopie von Apples iPod vertreiben - eigene originelle Produkte? Fehlanzeige. Auch das Geschäft mit Flachbildschirm-Fernsehern verschlief Fiorina - und stieg erst 18 Monate nach ihrem Konkurrenten Dell in das Geschäft ein.
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    In den meisten Disziplinen hat HP seine Marktführerschaft bereits verspielt. Lediglich der Geschäftsbereich Imaging & Printing hält den Konzern über Wasser und erwirtschaftet gute Renditen. Würden hier Probleme auftauchen, könnte es eng werden.

    Ausruhen kann sich HP auch in dieser Sparte nicht. Dell versucht seit längerem, HP bei Druckern Marktanteile abzunehmen und die Preise zu drücken, wenn auch bisher mit mäßigem Erfolg.

    Als fatal könnte sich in diesem Zusammenhang Fiorinas letzte Entscheidung erweisen: Im Januar hatte sie verkündet, die bisher getrennten PC- und Druckersparten miteinander verschmelzen zu wollen - vermutlich sollte dadurch der fortwährende Misserfolg im PC-Geschäft und das Scheitern der Fusion mit Compaq kaschiert werden.

    Es besteht jedoch die Gefahr, dass der Konzern mit dieser Reorganisation sein einziges erstklassiges Geschäftsfeld ruiniert. Außerdem verliert HP die Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt ganz aus der Computerherstellung auszusteigen - IBM Chart zeigen hat dies neulich vorgemacht und sein PC-Geschäft an die chinesische Lenovo verkauft.

    Trotz Fiorinas katastrophaler Bilanz zögerten die Eigentümer sehr lange, bevor sie die Reißleine zogen. Möglicherweise zu lange. Wer der einstigen Vorzeigfrau als Vorstandschef nachfolgt, ist noch unklar. Das Unternehmen sucht nach eigenen Angaben noch einem passenden Nachfolger.



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