Firmen-Abzocke in China Ausgetrickst im Wunderland

Die Hoffnung aufs große Geschäft im Boomland China müssen deutsche Mittelständler oft teuer bezahlen: Sie werden mit attraktiven Angeboten angelockt - und um Tausende Euro erleichtert. Dem Schwindel sitzen selbst Profis auf, Scheingeschäfte werden clever inszeniert.


Hamburg - "Shenzen, bekannt als die Stadt der großen Geschäfte", schoss es Anselm Althöfer durch den Kopf, als das Angebot aus der boomenden chinesischen Wirtschaftsregion auf seinem Schreibtisch landete. "Wir sind die Gonglu Import und Export Co.", hieß es in dem Fax an den Hannoveraner Unternehmer, der mit gebrauchten Industriemaschinen handelt. "Aufgrund der Nachfrage auf dem Festland wollen wir mehrere hydraulische Pressen kaufen."

Sicher - das Schreiben war in ziemlich holprigem Englisch verfasst und wirkte ein bisschen dilettantisch, genau wie die folgenden Mails. "Aber bei kleinen Firmen kann das schon sein", sagt Althöfer. Der Unternehmer weiß, wovon er spricht: Er verkauft die meisten Maschinen ins Ausland, nach Saudi-Arabien, Russland oder Indien.

Die Hoffnung, endlich auch im chinesischen Boommarkt mitmischen zu können, hat Althöfer viel Geld gekostet und eine Menge Ärger gebracht. Der Geschäftsführer wurde zur Vertragsunterzeichnung nach Shenzen zitiert, dort mit großer Delegation und Dolmetscher empfangen - und schließlich dezent aufgefordert, für die im Lande üblichen Gastgeschenke an die Geschäftsführung 3800 Euro zu zahlen. Dass er sich trotz seiner Erfahrung dermaßen abzocken ließ, ärgert ihn besonders.

Fast identisch verlief der China-Besuch von Sigvard Orts. Der Junior-Chef eines mittelständischen Maschinenherstellers aus Lübeck reiste nach China, um dort ein vielversprechendes Geschäft abzuschließen: 30 Kran-Greifer wollte ein chinesischer Händler der Firma abkaufen, das Stück für satte 60.000 Euro. Doch vor der Vertragsunterzeichnung sollte der deutsche Gast zunächst 5000 Euro für eine abendliche Feier auf den Tisch blättern.

Angebote wie die an Altfhöfer und Orts flattern derzeit bei vielen deutschen Mittelständlern ins Haus. Das Muster ist immer das gleiche. "Die Schreiben, mit denen Kontakt aufgenommen wird, ähneln sich oft in Stil und Aufbau", sagt Lis-Marie Ziegler, Rechtsreferentin bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Ulm. Dann würden die Unternehmen mit überzogenen Rechnungen für vermeintliche Geschäftsessen und teure Gastgeschenke abgezockt. Über die, die hinter den Betrügereien stecken, lässt sich nur wenig sagen. Einige Firmen-Namen seien aufgefallen, sagt Dorothee Bütow, Landesreferentin für Greater China bei der IHK Stuttgart. Nennen will die Sinologin aber keinen, um falsche Verdächtigungen zu vermeiden, wie sie sagt.

Auch über die Zahl der Firmen, die dem Schwindel bereits aufsaßen, lässt sich nur spekulieren. Wer gibt schon gern zu, dass er sich derart übers Ohr hat hauen lassen. Und über einen Rechtsstreit in China wegen ein paar Tausend Euro denkt wohl auch kein kleiner Betrieb ernsthaft nach.

Repräsentative Büros, perfekt inszenierte Verhandlungen

Mehrere Industrie- und Handelskammern haben deshalb schon eindringlich davor gewarnt, auf dubiose Angebote aus China einzugehen. Doch die Abzocke rechtzeitig zu durchschauen, ist schwierig in einem Land mit so vollkommen fremden Sitten. "China bietet riesige Möglichkeiten. Aber die Kultur ist so fremd, dass viele ausländische Geschäftsleute erst einmal völlig verunsichert sind", sagt Thomas Heine, der als Unternehmensberater bei der Handelskammer zu Qingdao für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit zuständig ist. Was üblich ist und was nicht, ist da oft schwer zu unterscheiden. So verschicken selbst Manager ihre Geschäfts-Mails oft über Yahoo oder Hotmail, erklärt Heine als Beispiel. Was deutsche Geschäftsleute stutzig macht, ist in China normal, weil öffentliche Mailanbieter oft besser funktionieren als die Firmenserver.

Und dass ein Geschäftsabschluss mit einem einem opulenten Essen gefeiert wird oder vom Besucher Gastgeschenke erwartet werden, scheint durchaus verständlich. Noch dazu ist die Abzocke oft perfekt inszeniert. Sigvard Orts etwa ließ die potentiellen Partner aus dem Reich der Mitte sogar professionell unter die Lupe nehmen. Das Ergebnis: Die Jintai Import & Export Trading Co. war zwar gerade erst gegründet worden, aber ordnungsgemäß registriert. Es gab einen Firmensitz, Telefonanschlüsse und normale Bankverbindungen.

Unternehmer Althöfer glaubte in dem Moment an die Seriosität des chinesischen Angebots, als er einen Vertragsentwurf zugeschickt bekam. "Der war genauso, wie er in der Branche üblich ist", erklärt er. Auch vor Ort habe es zunächst nichts gegeben, was misstrauisch gemacht hätte. Der Firmensitz lag in einem respektablen Bürogebäude in der Innenstadt, in einem der Räume hätten ein Dutzend Menschen wie wild an Computern getippt. Für die letzten Vertragsverhandlungen war eine ganze Delegation zuständig, die beachtliches Fachwissen zeigte. Die Endversion wurde schließlich im sehr repräsentativen Büro des Direktors besiegelt: "Vor der Fahne mit feierlichem Stempel und allem."

Althöfer zahlte schließlich die geforderte Summe für die angeblichen Gastgeschenke. "Ich wollte die Leute nicht vor den Kopf stoßen", sagt er. Erst in Deutschland sei ihm klar geworden, dass er einem Schwindel aufgesessen war. Die vereinbarte Vorauszahlung, die die chinesischen Partner laut Vertrag leisten sollten, kam trotz mehrfacher Mahnungen nie an. Stattdessen kündigten die Chinesen ihren Besuch in Deutschland an - und forderten von Althöfer sogar noch ein Flugticket. Nachdem sich kurz darauf die Dolmetscherin aus China bei Althöfer meldete, die bei seinem China-Aufenthalt übersetzt hatte, und vor der chinesischen Firma warnte, machte er der Sache ein Ende.

6000 Euro hat ihn das Abenteuer gekostet. Ein schmerzhafter Verlust für sein Familienunternehmen. "Und wenn die hundert Deppen wie mich so abzocken, machen sie ein ganz gutes Geschäft", schimpft er immer wieder.

Maschinenbauer Orts kam nur mit den Spesen davon – er wurde misstrauisch, als die Partner in China auf die sofortige Zahlung der Gastgeschenke bestanden und erklärte, er müsse sich zu Hause noch mal besprechen. Gott sei Dank, sagt er heute. Im Internet lässt sich nachlesen, wie es einer dänischen Firma erging, die die geforderten Summen an die Jintai Import & Export Trading Co. zahlte: Der versprochene Handel stellte sich als Luftnummer heraus.

Bei den Industrie- und Handelskammern warnt man trotzdem vor Panikmache. "Von Mafia kann keine Rede sein", erklärt etwa Sinologin Bütow aus Stuttgart. "Wenn man mit gesundem Menschenverstand an solche Sachen herangeht, kann man schon viel verhindern." China-Experte Heine rät, bei Geschäften in China an lokale, kleine Unternehmensberatungen heranzutreten. "Einheimische Firmen kommen leichter an Informationen heran. So lassen sich unangenehme Überraschungen ziemlich leicht und auch preiswert vermeiden."



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