Fitness-Unternehmer Kieser: Der Feind aller Orthopäden

Von Nils Klawitter

Niemand macht so viel Umsatz auf dem Rücken seiner Kunden wie Werner Kieser: Mit archaischen Sportstudios führte der Ex-Tischler die Fitnessbranche vor - und expandiert nun in Europa.

Fitness-Unternehmer Kieser: Der Mies van der Rohe der Fitness
Monika Zucht / DER SPIEGEL

Fitness-Unternehmer Kieser: Der Mies van der Rohe der Fitness

Wahrscheinlich hat der Erfolg von Werner Kieser einiges mit der Duschanlage in seinem ersten Trainingsstudio in Zürich zu tun. Die war defekt und bewässerte außer den Kunden auch das Treppenhaus darunter. Da der Hauswart ihm mit Rausschmiss drohte, verbiss sich Kieser in das Problem. Er reduzierte seine Entwürfe, bis am Ende ein Stahlbottich mit Schiebetür übrig blieb, der nur noch an eine Zuleitung und einen Abfluss angeschlossen werden musste.

Im Gegensatz zu den üppigen Wellness-Palästen der Konkurrenz versprühen Kiesers Duschkabinen nun den Charme von Melkmaschinen, doch das ficht den Schweizer nicht an. Im Gegenteil. "Wer zu uns kommt, will trainieren und dann wieder gehen", sagt Kieser am gläsernen Schreibtisch seiner Züricher Zentrale. Wohlfühlen könne sich der Kunde woanders.

Ähnlich konsequent wie mit der Dusche verfuhr der 63-Jährige in seinen Studios: Das übliche Sortiment zur Muskelmast verschwand: Proteinpulver, Vitamintabletten, Elektrolytgetränke. Er schloss die Saftbar und machte die Sauna dicht. Das habe "niemand wirklich benötigt". Seine selbstgeschweißten Hanteln ersetzte der gelernte Tischler durch "Nautilus"-Kraftmaschinen aus Amerika das Beste, was er Mitte der siebziger Jahre bekommen konnte.

Redakteur Nils Klawitter im Selbsttest: "Wer nie nach dem Training gekotzt hat, weiß nicht, was Intensität ist"
Monika Zucht / DER SPIEGEL

Redakteur Nils Klawitter im Selbsttest: "Wer nie nach dem Training gekotzt hat, weiß nicht, was Intensität ist"

Arthur Jones, eine Art Urahne der Fitnesskultur, hatte sie erfunden und überließ dem wissbegierigen Schweizer die Vertriebslizenz seiner Geräte in Europa, wo Kieser versuchte, was Jones in den USA vorgemacht hatte: Krafttraining zu popularisieren.

Mehr noch: Seine weiß getünchten Fabriketagen sollten zur Therapiewerkstatt der Volkskrankheit Rückenleiden werden. "Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz", impfte Kiesers sonore Märchenerzählerstimme seinen Kunden ein, die es weiter erzählten.

Mittlerweile stehen in seinen archaischen Maschinenparks 195.000 Patienten vor der Wahl der Qual: Schweizer, Luxemburger, Österreicher, Engländer und 151.000 Deutsche.

Im Januar eröffnete das 94. deutsche Studio in Berlin, ein Franchise-Betrieb, der sieben Prozent des Umsatzes an die Züricher Muttergesellschaft abführen muss. Zwar hat sich das Tempo der Neueröffnungen verlangsamt, doch selbst im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz der AG noch um knapp 15 Prozent auf 23,8 Millionen Euro. In Kiesers Schublade liegen Expansionspläne nach Frankreich und Osteuropa. In England, wo Kieser seit 1999 ist, beschrieb ihn ein Magazin als "Mies van der Rohe of fitness".

Kieser war geschmeichelt, nur das "Fitness" störte ihn. Was er anbiete, sei "Körperhygiene, vergleichbar mit der Entfernung von Zahnstein". Seine Betriebe seien "keine Orte der Begegnung", sondern "Produktionsstätten für Magermasse (Muskeln und Knochen)", schrieb Kieser in dem zum Bestseller gewordenen Ratgeber "Die Seele der Muskeln". Sein Erfolg hat viel mit dieser Schrift zu tun, denn in ihr wird nicht nur die Fitnessbranche vorgeführt, sondern auch ein Mythos zerstört - der des "Rückenproblems".

Kein Leiden setzt der Volkswirtschaft hier zu Lande mehr zu. Rund 80 Prozent der Deutschen plagt mindestens einmal im Leben das Kreuz und viele die Erinnerung an eine Bandscheiben-Operation, die möglicherweise hätte vermieden werden können. Fast die Hälfte aller Anträge auf vorzeitigen Ruhestand und etwa ein Viertel aller Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall gehen auf Kosten des Rückens. In einer Studie kommt das Lübecker Institut für Sozialmedizin zu dem Ergebnis, dass Rückenschmerzen die Volkswirtschaft pro Jahr rund 20 Milliarden Euro kosten.

Im DaimlerChrysler-Werk in Gaggenau eröffnete vor gut einem Jahr das erste firmeneigene Kieser-Training. Sogar während der Arbeitszeit dürfen die Mitarbeiter an die Geräte und Überstunden abfeiern. Das Kalkül des Autobauers, mit dem Mitarbeiterservice die Häufigkeit der Arbeitsausfälle wegen Kreuzschmerzen zu senken, könnte aufgehen: Knapp ein Drittel der Belegschaft von rund 6000 Leuten trainiert bereits an den Geräten.

"Es gibt kein Rückenproblem, nur ein Kraftproblem", schimpft Kieser. Mit dieser simplen Diagnose machte der Schweizer sich viele Feinde, vor allem unter Chirurgen, Orthopäden, Krankengymnasten, Psychotherapeuten, Matratzenherstellern und Möbelbauern. Da niemand Genaues über die Ursache des Schmerzes wusste, waren irgendwie alle an der Therapie beteiligt. Mal wurde hier eine Fangopackung verschrieben, mal da ein ergonomischer Stuhl gebastelt oder sonstwo ein Knorpel rausoperiert. "Alles Quatsch", sagt Kieser.

80 Prozent der Beschwerden seien auf eine zu schwache Muskulatur zurückzuführen. "Man wächst doch am Widerstand." Kieser meint die schmerzhafte Prozedur seiner Kraftmaschinen, aber am Widerstand wuchs auch er - und sein Betrieb.

"Es wurde viel zu lange nur auf den Kernspintomographen geschaut und dessen Befunde überbewertet", sagt Gerd Müller, Orthopäde im Hambuger Rückenzentrum und deutscher Vertreter in einer Arbeitsgruppe der EU-Kommission zur Verhinderung von Rückenschmerzen. Diagnosen wie "Fibromyalgie" oder "Bandscheibenvorwölbung" sagten verklausuliert meist nichts anderes als "Ich weiß es nicht".

Zwar sei Kiesers Therapie einseitig, aber "einseitig gesundheitsorientiert" und das sei in Ordnung. "Er guckt, wie er den Patienten mobilisieren kann." Meist ist das jedoch nicht nötig, denn Kieser-Kunden sind gewöhnlich bereit, sich zu quälen - in Deutschland auch finanziell.

Anders als in der Schweiz, wo die Krankenkassen seine Kräftigungstherapien bezuschussen, kommen die Kunden hier zu Lande ausschließlich aus eigenem Antrieb - und auf eigene Rechnung. Sie zahlen 33 Euro im Monat, und die meisten wollen nur eines: von den Trainern nicht geschont werden.

"Wer noch nie nach dem Training gekotzt hat, weiß nicht, was Intensität ist", war das Arbeitsmotto von Kieser-Vorbild Arthur Jones.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback