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Flucht aus Libyen: China lernt verlieren

Von , Hong Kong

Chinas Chefstrategen drängen die Konzerne des Riesenreichs massiv, ins Ausland zu expandieren. Die Firmen haben gehorsam investiert - auch in Afrika. Angesichts der libyschen Revolution lernt Peking nun schlagartig die Risiken seines Wirtschaftsimperialismus kennen. 

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Aus Libyen evakuierte Chinesen: "Schwärmt aus in die Welt"

Bis in den Hafen von Bengasi hatten es Xu Zhiqiang und seine Kollegen geschafft. Die "Hellenic Spirit", das griechische Schiff, das sie nach Athen in Sicherheit bringen sollte, war schon in Sichtweite, als eine Gruppe bewaffneter Männer sie anhielt und mit vorgehaltenen Waffen Geld, Koffer und Fahrzeuge einforderte. "Die Reise war extrem gefährlich. Aber zum Glück haben es alle aus unserer Firma geschafft", sagt Xu, ein hochrangiger Manager der China Communications Construction Engineering Company (CCCEC).

Insgesamt 3000 Chinesen arbeiten in Libyen für den Konzern, unter anderem an zwei großen Bahnstrecken. Das sind nicht einmal zehn Prozent der Chinesen, die noch vor einer Woche in dem nordafrikanischen Land waren: mehr als 36.000. Die meisten von ihnen sind für große Infrastrukturprojekte, den Bau von Häusern oder die Ölförderung vor Ort. Knapp die Hälfte wurde inzwischen ausgeflogen, mit Bussen über die Grenze nach Ägypten und Tunesien oder auf Schiffen nach Griechenland, Malta oder in die Türkei gebracht und von dort weiter in die Volksrepublik. Die Rettungsaktion läuft weiter.

"Zouchuqu" - übersetzt etwa "Schwärmt aus in die Welt" - ist seit Jahren die Forderung der Pekinger Regierung an die großen Unternehmen des Landes. Jetzt zeigen sich erstmals die Risiken dieser Politik. Die Staatsfirmen sind in großer Zahl der Aufforderung gefolgt. Doch ein beachtlicher Anteil ihrer Investitionen, meist gekoppelt mit Aufträgen an chinesische Firmen, die dafür ihre eigenen Leute einfliegen, erfolgt in politisch unsicheren Regionen: Angola, Myanmar, Sudan, Zimbabwe.

In Libyen stellt sich nun die Frage, ob die Chinesen sich verkalkuliert haben, ob sie nach einem Regimewechsel eines zu freundschaftlichen Verhältnisses zur alten Regierung bezichtigt werden könnten und ihre Projekte aufgeben müssen.

Präzedenzfall für künftige Militäroperationen

Um die Landsleute in Sicherheit zu bringen, hat sich Pekings Regierung zu einem ungewöhnlichen Schritt durchgerungen. Aus dem Indischen Ozean wurde eine der modernsten Fregatten der Volksarmee ins Mittelmeer beordert, um die Rettungsaktion zu begleiten.

Spätestens am Dienstag soll die "Xuzhou", die zuletzt Piraten vor der Küste Somalias abwehrte, in der Region eintreffen. Der chinesische Präsident Hu Jintao hatte die Behörden bereits vergangene Woche aufgefordert, "nichts unversucht zu lassen, um die Sicherheit von Leben und Besitz chinesischer Bürger in Libyen zu gewährleisten."

Der Einsatz der "Xuzhou" könnte die gesamte Sicherheitspolitik verändern, erwarten Beobachter. "Chinesische Politiker haben nun einen Präzedenzfall für künftige Militäroperationen, wann immer Leben und Besitz von Chinesen im Ausland in Gefahr sind", sagt Andrew Erickson vom Analysehaus China Signpost.

Derartige Aktionen waren bislang nicht üblich. Die Chinesen haben es bei ihren Investitionen im Ausland stets darauf angelegt, politisch neutral zu bleiben. Im Vordergrund standen und stehen wohl immer noch wirtschaftliche Interessen, wie der Zugang zu Rohstoffen oder Aufträge für die Konzerne des Landes.

Diese Strategie der Nicht-Einmischung hat den Chinesen vor allem in Afrika sehr geholfen. Anders als viele westliche Staaten koppeln sie Entwicklungsprojekte nicht an politische Reformen - und geben großzügig Kredite: Nach Berechnungen der Brookings Institution in den USA haben die China Development Bank und die Exim Bank in den vergangenen zwei Jahren 110 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfekrediten vergeben - zehn Prozent mehr als die Weltbank.

Tiananmen-Massaker als Vorbild

Auch im Falle Libyens seien die Chinesen lange ausgesprochen zurückhaltend mit Kritik am Diktator Muammar al-Gaddafi und der blutigen Niederschlagung der Proteste gewesen, sagt Hugo Williamson von der britischen Risk Resolution Group. Dabei dürfte der Regierung kaum gefallen haben, dass Gaddafi für sein Vorgehen ausgerechnet das Tiananmen-Massaker von 1989 als Vorbild anführte.

Mit ihrer Neutralität versucht die chinesische Regierung sicherzustellen, dass die Projekte der landeseigenen Konzerne nicht von politischen Erwägungen überschattet werden. Nach offiziellen Angaben sind 75 chinesische Firmen in Libyen aktiv, allein deren Investitionen in Infrastrukturprojekte und Ölförderung addieren sich auf 14 Milliarden Dollar:

  • Das Infrastrukturunternehmen CCCEC gehört mit 4,8 Milliarden Dollar zu den größten Investoren, unter anderem für eine Bahnverbindung entlang der Küste und große Wohnsiedlungen.
  • China Railway Construction arbeitet an weiteren großen Bahnprojekten im Land, die einen Gesamtwert von 5,2 Milliarden Dollar haben.
  • China Civil Engineering Construction treibt ein riesiges Bewässerungsprojekt in der östlichen Sahara voran.
  • China National Petroleum fördert Öl und baut an einer Pipeline. Immerhin drei Prozent der chinesischen Öleinfuhren stammen aus Libyen.
  • Die Konzerne Huawei und ZTE installieren Infrastruktur für Telekommunikation.

Die prominente Präsenz der Chinesen hat in der Vergangenheit bereits gelegentlich zu Ressentiments geführt. Von einer "chinesischen Invasion auf dem afrikanischen Kontinent" warnte Libyens Außenminister Musa Kusa vor einem Jahr: "Das bringt uns die Auswirkungen der Kolonialisierung für den afrikanischen Kontinent zurück ins Gedächtnis."

Trotz solcher Vorbehalte gilt jedoch: "Mit großen Einschränkungen des chinesischen Engagements ist nicht zu rechnen, nachdem Libyen wieder zur Ruhe gekommen ist", sagt Ben Simpfendorfer vom Beratungsunternehmen China Insider.

Westliche Unternehmen dürften sehr viel zurückhaltender sein, Mitarbeiter zurück nach Nordafrika zu entsenden. Das eröffne den Chinesen eher zusätzliche Chancen, die Lücken in Infrastruktur und Ölförderung zu füllen. Lediglich die Zahl der ausländischen Arbeiter könnte zurückgehen. Schließlich gilt die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den Staaten Nordafrikas als ein Auslöser der Proteste. Gut möglich, dass Chinas Konzerne künftig stärker auf lokale Kräfte zurückgreifen werden.

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1. Also jetzt muß ich wirklich lachen!
Doctor Feelgood 01.03.2011
China und Wirtschaftsimperialist? Verglichen mit den USA oder England sind die Chinesen reine Chorknaben! Die Autorin dieses Artikels scheint die chinesische Mentalität wirklich kaum zu kennen! Während unsere angelsächsichen Freunde sich den Zugang zu "freien Märkten" und Rohstoffen mit Bomben erzwingen, schließen die Chinesen mit den betreffenden Ländern grundsätzlich Verträge zum beiderseitigen Nutzen. Der Harmoniegedanke spielt dabei eine zentrale Rolle. Die anglo-amerikanische Vorgehensweise kann man sehr schön am Beispiel des Irak bewundern, und demnächst wird uns wohl weiterer Anschauungsunterricht in Libyen ins Haus stehen. Von solchen Praktiken sind die Chinesen weit, weit entfernt!
2. kosten
iosono3 01.03.2011
die Kosten für die Rettungsaktionen der chinesischen Gastarbeiter sollte Europa tragen da China ja noch Entwicklungsland ist,wie es auch stets selbst behauptet und wir auch deswegen Entwicklungshilfe zahlen. Ganz anders das entwickelte Europa,wie man an Ostpolen,Ukraine,Weissrussland,Albanien,Rumänien.......sieht.
3. Ich staune...
juergw. 01.03.2011
das fast 40.000 Chinamänner in Libyen arbeiten.Rechts und links von Libyen gibt es doch ein Millonenheer von gut ausgebildeten jungen Arabern die mit Freude und Leidenschaft diese Arbeiten ausführen könnten, Geld verdienen und eine Familie gründen könnten.Besser als mit klapprigen Boot nach Lampetusa zu schippern!
4. Flucht Aus Lybien
XERAS 01.03.2011
ich glaube das china kaum an macht verliert wegen ein paar protesten
5. ....
barack abamo 01.03.2011
Zitat von Doctor FeelgoodChina und Wirtschaftsimperialist? Verglichen mit den USA oder England sind die Chinesen reine Chorknaben! Die Autorin dieses Artikels scheint die chinesische Mentalität wirklich kaum zu kennen! Während unsere angelsächsichen Freunde sich den Zugang zu "freien Märkten" und Rohstoffen mit Bomben erzwingen, schließen die Chinesen mit den betreffenden Ländern grundsätzlich Verträge zum beiderseitigen Nutzen. Der Harmoniegedanke spielt dabei eine zentrale Rolle. Die anglo-amerikanische Vorgehensweise kann man sehr schön am Beispiel des Irak bewundern, und demnächst wird uns wohl weiterer Anschauungsunterricht in Libyen ins Haus stehen. Von solchen Praktiken sind die Chinesen weit, weit entfernt!
komisch das bei Ihren "Chorknaben" die Harmonie z.B. in Tibet oder gegenüber Uiguren irgendwie total abgehanden gekommen ist. Oder wenn chinesische Vorarbeiter auf Afrikaner schiessen die gegen Ihre unmenschlichen Arbeitsbedinungen protestieren. Wird die Harmonie dann mit Waffengewalt erzwungen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,635078,00.html
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