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Flüchtlingshilfe in Hamburg: Die ehrenamtliche Fabrik

Von Kristina Läsker

Kleiderkammer in Hamburg: "Es braucht Fleiß, Disziplin und klare Führung" Fotos
Kristina Läsker

Tausende Kartons, Hunderte Helfer, 11.000 Quadratmeter: Die Kleiderkammer für Flüchtlinge in Hamburg ist eine riesige private Hilfsaktion, organisiert wie eine Fabrik. Diszipliniert, effizient und doch vor allem sinnstiftend.

Der Mann mit den schwarzen Locken sieht genervt aus. Eben ist er in eine Jacke geschlüpft, jetzt zupft er am Ärmel und schüttelt den Kopf. Das Ding passt nicht. Der Mann ist aus Syrien, er ist Flüchtling, er kann kein Deutsch. Es ist die dritte Jacke, die er in der Kleiderkammer anprobiert und eben hat er dem Übersetzer gesagt, dass er lieber gar nichts will als das alte Zeug. Langsam wird der Helfer an der Ausgabe nervös. Vor der Tür der Messehalle B7 in Hamburg stehen Menschen im Regen, sie warten seit Stunden.

Der Helfer spannt den Übersetzer ein: "Sag ihm, dass er sich entscheiden muss. Sag, dass alles gespendet ist und dass alle ohne Geld arbeiten, damit er was zum Anziehen hat." Während er dem Übersetzer zuhört, verändert sich das Gesicht des Syrers. Es wird weicher, er sieht erstaunt aus. Wortlos nimmt er Jacke Nummer zwei und reicht dem Helfer dann die Hand. "Sukran", sagt er leise. Dankeschön.

Video: SPIEGEL TV Magazin - Helfer in Hamburg, Till Schweigers Projekt und Heidenau in Sachsen

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"Manchmal", wird der Helfer später sagen, "muss ich besser erklären, was wir tun." Doch wie soll man für Fremde in Worte fassen, was viele Hamburger selbst nicht verstehen? Denn dies ist längst keine normale Kleiderkammer mehr. In nur vier Wochen ist aus ein paar Kleidertüten und Freiwilligen die wohl größte humanitäre Hilfsaktion der Hansestadt seit dem Zweiten Weltkrieg geworden. Eine Art ehrenamtliche Fabrik, in der niemand nach Gewinn strebt und deren Arbeit so sehr mit Sinn erfüllt, dass sich mehr als 20.000 Menschen beteiligen.

In der Halle hinter der Ausgabe stapeln sich Tausende Kartons auf 11.000 Quadratmetern, Laster rollen umher, überall wuseln Menschen. Was chaotisch wirkt, hat System. Täglich kommen Hunderte und packen mit an, ohne Lohn. Studenten zwischen den Vorlesungen, Ingenieure im Sabbatical, Erzieher auf Jobsuche, Verlagsleute nach der Arbeit. Jeder bekommt ein Stück Klebeband an die Brust mit dem Vornamen: Nica, Joni, Birgit, Julia. Draußen fahren Autos mit Spenden vor, drinnen sortieren sie die Klamottenflut. Sie beäugen, falten und packen. Vor allem aber frönen sie einer deutschen Leidenschaft: Sie schauen auf Details und verbessern Prozesse.

Doch wie kann das klappen? Ohne Staat, Verein oder Firma dahinter? "Man muss die Massen gezielt beschäftigen", sagt Moritz Heisler. Der kompakte Typ mit den kurzen Haaren hat dieses Wunder angeschoben, er und eine Handvoll anderer lenken die Massen. Obwohl sich Heisler vorher noch nie sozial oder politisch engagiert hat.

Eigentlich wollte der 30-Jährige "bloß ein paar Spenden" vorbeifahren. Dann hat er den Zaun mit dem Sichtschutz gesehen, dahinter die Menschen. Gut 1200 Flüchtlinge hat die Stadt Hamburg in der Messe einquartiert. Aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und anderswo. Die Not habe ihn berührt, sagt Heisler. Deshalb hat er sich als einer der ersten in die leere Halle gesetzt und sortiert. Deshalb kommt er täglich wieder und erledigt seinen Vollzeitjob in einer Logistikfirma nebenbei. Das inspiriert viele: "Es ist gerade sehr hip, hier zu helfen."

Wer flott und freundlich ist, darf wiederkommen

Außer ihm gibt es zwei weitere Gründer und ein Leitungsteam, "gefühlt vielleicht zwölf Leute". Jeder hat sich Aufgaben geschnappt, einige stromern als Springer umher und geben Ratschläge. Andere pflegen die Facebook-Seite und dirigieren spendenwillige Firmen und Promis. Wie Tim Mälzer. Der Starkoch stiftet täglich 120 Liter Suppe für die Helfer. "Es braucht Fleiß, Disziplin und klare Führung", sagt Heisler. So manage man den überbordenden guten Willen. Ein Dax-Chef könnte das nicht hübscher sagen.

Um zu verstehen, was hier passiert, hilft es, Frederick Taylor zu lesen. Vor mehr als hundert Jahren hat der US-Ingenieur die Abläufe in Fabriken optimiert. Taylor zerlegte Aufgaben in kleinste Einheiten, das macht die Arbeit überschaubar, schneller und billiger. Auch in Hamburg. Neben dem Pappschild mit der Aufschrift "Damen" drängeln sich Helfer und stapeln. Links Hosen, rechts T-Shirts, Pullis, Blusen. Klein, mittel, groß, Müll, Wäsche. Die Arbeit ist leicht, die Handgriffe sind schlicht. So schlicht, dass Taylor dafür kritisiert worden wäre. Weil das auf Dauer öde ist. Hier aber ist das egal. Die Helfer wechseln ständig und geben ihr Wissen weiter. "Es ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess", sagt Heisler.

Wer sich bei Damenwäsche langweilt, fragt sich nach schweren Jobs durch. Manche trauen sich hinter die Kartonberge zur Ausgabe, dem Zentrum des Gewusels. Dort herrschen Ruhe und Disziplin: drei Ausgeber am Tresen, zwei Übersetzer, drei Läufer für Kleiderwünsche. Die Abläufe sind strukturiert, die Menschen bewegen sich gezielt. Es muss schnell gehen. Mehr als tausend Bedürftige haben sie schon durchgeschleust. Wer an der Ausgabe flott ist und freundlich bleibt, darf sich auf einer Doodle-Liste eintragen und wiederkommen.

Jetzt steht eine Frau aus Albanien am Tresen, für sie wird eine Tasche bepackt. Der Blick hinein verdeutlicht, dass sie hier weit mehr können als taylorsche Arbeitsteilung. Diskret haben die Helfer einen unauffälligen Jutebeutel hineingelegt. Er enthält Damenbinden - und die packen sie immer ungefragt ein. Weil die Scham der Flüchtlinge zu groß ist, um danach zu fragen. Diese Geste zeige die Haltung gegenüber den Flüchtlingen, sagt eine Helferin: "Wir wollen niemandem die Würde nehmen."

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