Folgen der Finanzkrise Russlands Wirtschaft gerät in den Abwärtssog

Krisenrhetorik ist der russischen Führung fremd. Die Regierung sieht das Land gegen die Folgen des Banken- und Börsenbebens gesichert. Doch die Wirtschaftszahlen sprechen eine andere Sprache: Dem Riesenstaat droht ein dramatischer Abschwung.

Von , Moskau


Dass der russische Präsident Dimitrij Medwedew für sein Land Probleme herbeiredet, kann man ihm sicher nicht vorwerfen. Im Gegenteil: "Russland verfügt über genügend Reserven, um für sich die Risiken der globalen Finanzkrise zu minimieren." So lautet das offizielle Mantra, das Medwedew seit Wochen beständig wiederholt, zuletzt vergangene Woche vor Agrarvertretern in Moskau – und fast jeden Abend im staatlich russischen Fernsehen.

Russlands Präsident Medwedew: Abgesichert gegen die Finanzkrise?
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Russlands Präsident Medwedew: Abgesichert gegen die Finanzkrise?

Und wenn mal etwas nicht ganz ins Bild vom starken Staat passt, dann wird es von den moskowitischen Machthabern passend gemacht. Am Montag etwa stauchte Premier Wladimir Putin vor den Augen der Nation die Direktoren der größten Banken zusammen, die vom Staat in den vergangenen Wochen mehrere Milliarden Dollar Finanzhilfe erhalten hatten. Mit am Tisch: Generalstaatsanwalt Jurij Tschajka und andere Ordnungshüter. Deutlicher kann ein Warnschuss gegen die Bankoberen nicht ausfallen.

Hintergrund des öffentlichen Rüffels: Anstatt die staatlichen Hilfen in Form von Krediten in die Wirtschaft zu leiten, hatten die Banken das Geld vor allem in sichere Dollar umgetauscht und im Ausland deponiert. Allein im Oktober flossen nach staatlichen Informationen über 50 Milliarden Dollar ins Ausland. Gegen eine "unehrliche Verwendung der staatlichen Ressourcen" wetterte Putin, die es erforderlich mache, "die Kapitalströme aufmerksam zu verfolgen". Dazu soll noch im November ein Gesetz erlassen werden, das es der Zentralbank erlaubt, in den staatlich gestützten Banken Aufseher zu installieren, um die Verwendung des Geldes zu kontrollieren. Zudem werden den Banken eindeutige Empfehlungen gemacht: Sie sollen künftig den Fahrzeug- und Agrarmaschinenbau, die Luftfahrt und den Wohnungsbau mit Krediten befeuern.

Verfall des Rubels macht Russland zu schaffen

Derlei Direktiven zeigen, dass die Machthaber im Kreml zusehends die Nervosität packt. Denn die Reserven schmelzen dahin – und nicht nur die staatlichen. Tatsächlich kommt die Krise trotz aller Beteuerungen zusehends beim Normalbürger an. Mitte vergangener Woche veröffentlichte die Zeitung "Kommersant", dass von den staatlich anerkannten 55 Rentenfonds in den ersten drei Quartalen nur drei ein Plus erzielten. Die restlichen machten im Schnitt knapp 23 Prozent Minus.

Weit schwerer für die Russen wiegt allerdings der Verfall des Rubels – den fürchten sie seit der Finanzkrise von 1998 mehr als alles andere. Im Sommer hatte der Dollar 23 Rubel gekostet, in den vergangenen Wochen hatte die russische Zentralbank ihn mit Verkäufen der Gold- und Währungsreserven bei etwa 27 Rubel stabilisiert. Allerdings schrumpften die Rücklagen deswegen allein im Oktober um 72 Milliarden Dollar.

Am meisten Sorge aber bereitet der russischen Führung der Verfall des Ölpreises: Noch im Juli lag er bei 157 Dollar pro Barrel, vergangenen Mittwoch notierte der Wert bereits unter 60 Dollar. Zeitweise rutschte der Preis für russisches Öl sogar unter die 50-Dollar-Marke.

Auch hier justiert die Regierung notgedrungen nach. Als Reaktion soll ab dem 1. Dezember der Ausfuhrzoll – nach einer ersten Senkung im Oktober – erneut nach unten korrigiert werden - was den russischen Ölkonzernen Einsparungen in Höhe von 50 Milliarden Rubeln bringt. Der Ölexport bleibt jedoch für die Unternehmen weiterhin ein Verlustgeschäft: Die Zeitung "Vedomosti" rechnete aus, dass die Ölexporteure bei einem Preis von 50 Dollar pro Barrel 14 Dollar Verlust machen.

Russen zogen im Oktober Kapital von den Konten ab

Letztendlich beginnt auch die bislang wachstumsstarke russische Wirtschaft zu schwächeln, auch wenn kaum jemand von Rezession spricht. Noch im Krisenmonat September war die Industrieproduktion um 6,3 Prozent gewachsen. Die russische Bahn erklärte jedoch am Mittwoch, dass der Frachtguttransport im Oktober 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 4,4 Prozent gefallen sei – ein sicheres Anzeichen dafür, dass die Industrieproduktion zurückgeht. Für 2009 wird mit Massenentlassungen und dem Ansteigen der Verbraucherpreise gerechnet.

Die große Bankenpleite ist in Russland zwar bisher ausgeblieben, aber am vergangenen Mittwoch entzog die Zentralbank gleich drei Instituten die Lizenz – wegen Zahlungsunfähigkeit. Doch die russischen Bürger reagieren auf ihre Weise: Im Oktober zogen Bankkunden im großen Stil Kapital aus den Geldhäusern des Landes ab. Sogar die renommierte staatliche Sberbank verlor 80 Milliarden Rubel, was 2,5 Prozent ihrer Einlagen entspricht. Die Angst vor einer massiven Rubelabwertung und einer Liquiditätskrise der Banken hat das Volk erfasst. Zusehends gehen die Ruheparolen der Staatsführung ins Leere.

Die Regierung sitzt zwar vorerst fest im Sattel: Die nächsten Duma-Wahlen stehen erst 2011 an. Aber nach acht Jahren wachsender Wirtschaft und steigender Einkommen unter Präsident Putin ist die Reaktion der Russen auf einen möglichen Verlust ihres bescheidenen Wohlstands kaum vorherzusehen.



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