Folgen der Krise Warum Deutschland seine Industrie neu erfinden muss

Stell dir vor, es ist Krise, und keiner schaut hin: Experten und Politiker ignorieren die schlechten Konjunkturdaten und klammern sich stattdessen an den "Silberstreifen am Horizont". Diese Hoffnung ist absurd. Will die deutsche Wirtschaft eine Chance haben, muss sie sich grundlegend erneuern.

Ein Kommentar von Armin Mahler


Hamburg - Es klingt zu schön um wahr zu sein: Immer mehr Ökonomen sagen eine baldige Besserung der Wirtschaftslage voraus. Selbst Bundesregierung und Europäische Zentralbank haben sich den optimistischen Prognosen angeschlossen - und reden von Aufschwung und Normalisierung.

Metallarbeiter in einem Warmwalzwerk in Duisburg: die deutsche Wirtschaft könnte zu den Verlierern der Krise gehören
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Metallarbeiter in einem Warmwalzwerk in Duisburg: die deutsche Wirtschaft könnte zu den Verlierern der Krise gehören

Das erstaunt, denn der Einbruch der deutschen Industrie ist total: Die Aufträge der deutschen Maschinen- und Autobauer sanken in den vergangenen Monaten um 30, 40 oder gar 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr - aber die Öffentlichkeit nimmt davon kaum Notiz. Auch die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft schweigen. Nur keine Panik, heißt die Devise.

Im Gegenteil: Sehnsüchtig registrieren seither viele Medien, Manager und Politiker jeden angeblichen "Silberstreifen am Horizont". Alles wird gut, lautet ihre frohe Botschaft, das Schlimmste liegt hinter uns.

Das wäre schön - denn dann könnte ja alles so bleiben, wie es ist. Dann könnte die deutsche Wirtschaft am Ende der Krise da weitermachen, wo sie zu deren Beginn stand.

Deutsche Wirtschaft könnte zu den Verlierern zählen

Leider ist dieses Szenario zu schön, um wahr zu sein. Zu tief war der Absturz der deutschen Industrie im Vergleich zum Vorjahr, zu düster sind ihre Zukunftsaussichten. Zwar scheint der freie Fall gestoppt, von April auf Mai gingen wieder mehr Aufträge ein, aber die alten Umsätze werden viele Unternehmen viele Jahre lang nicht mehr erzielen.

Die Weltwirtschaft nach der Krise wird eine andere sein: weniger schuldengetrieben, ausgewogener, aber auch nicht mehr so dynamisch. Die Gewichte zwischen den Volkswirtschaften werden sich verschieben, es wird Gewinner dieser Entwicklung geben - und Verlierer.

Die deutsche Wirtschaft könnte zu den Verlierern zählen. Die aktuelle Krise hat ihre Schwächen schonungslos aufgedeckt: Überkapazitäten, Exportlastigkeit, veraltete Produkte.

Stichwort Überkapazitäten: Die Pumpwirtschaft der vergangenen Jahre, die schließlich in die Finanzkrise führte, heizte auch die Nachfrage für die reale Wirtschaft an, nach Konsumgütern in Amerika, nach Luxusgütern bei den neuen Reichen, nach Maschinen in den aufstrebenden Ländern Asiens. Der Finanz- folgte die Konsumblase.

Stichwort Exportlastigkeit: Nicht nur viele Verbraucher, ganze Volkswirtschaften lebten in der Vergangenheit über ihre Verhältnisse. Kaum ein Land profitierte davon so sehr wie Deutschland. Künftig müssen solche Ungleichgewichte abgebaut werden, wenn Krisen wie die aktuelle vermieden werden sollen. Auch deshalb wird sich die deutsche Wirtschaft nicht so schnell von ihrem Nachfrageschock erholen.

Wo sind die Produkte von morgen?

Stichwort veraltete Produkte: Die deutsche Industrie lebte glänzend davon, ihre Produkte immer besser zu machen, sich ganz auf die Bedürfnisse der Kunden einzustellen. So baut sie die besten Autos der Welt und die besten Maschinen der Welt - für den Kunden von heute.

Aber wo sind die Produkte von morgen? Warum haben Unternehmen wie Daimler und BMW zu wenig auf alternative Antriebe gesetzt? Und wann hat zuletzt eine deutsche Innovation den Durchbruch geschafft?

Jetzt steht die deutsche Wirtschaft vor einer dreifachen Herausforderung: Sie muss Kapazitäten abbauen und gleichzeitig ein neues Geschäftsmodell sowie neue Produkte entwickeln - ausgerechnet in Zeiten, in denen die Gewinne wegbrechen und selbst große Konzerne ums Überleben kämpfen.

Daimler zum Beispiel wird in diesem Jahr wohl einen gewaltigen Verlust erwirtschaften, gleichzeitig muss der Konzern Milliarden ausgeben, um neue, umweltschonendere und damit zukunftsfähigere Modelle zu entwickeln. Ein solcher Spagat kann auch das stärkste Unternehmen überfordern.

Wenn die Entwicklung sich nicht wesentlich bessert, was sehr wahrscheinlich ist, hat Daimler zu viele Arbeiter und zu viele Werke. Noch werden die Probleme durch die Kurzarbeit überdeckt, aber auch die kostet Geld - und macht nur Sinn, wenn die Probleme zeitlich begrenzt sind. Bleibt die Nachfrage, wie sie ist, wird Daimler um einen drastischen Personalabbau nicht herumkommen. Der wiederum kostet Geld, das möglicherweise fehlt, um neue Motoren und Modelle zu entwickeln.

So wie Daimler geht es vielen, und nicht alle werden die Probleme aus eigener Kraft lösen können. Gut möglich, dass sich am Ende einige Hersteller zusammenschließen, vielleicht werden auch manche ganz verschwinden - wenn die Regierung das zulässt.

Staat muss Wandel steuern

Wenn der Staat aber - wie im Fall Opel - immer wieder eingreift, konserviert er Strukturen, die nicht zukunftsfähig sind. So verschiebt die Abwrackprämie die Probleme nur mit Hilfe etlicher Milliarden in die Zukunft. Sobald sie ausläuft, fällt die Branche umso tiefer. Die Rechnung geht nicht auf. Der Staat darf nur dann helfen, wenn er sich dem notwendigen Wandel der Wirtschaft nicht entgegenstellt, sondern ihn steuert. Er sollte die Strukturen nicht konservieren, sondern dazu beitragen, sie sinnvoll zu verändern. So sinnvoll, dass die Welt auch in Zukunft deutsche Produkte kauft, weil sie besser sind als andere.

Weil sie die Probleme der Zukunft, die Energieverschwendung und den Klimawandel, lindern helfen. Wenn der Staat das Geld künftiger Generationen einsetzt, dann für Zukunftsinvestitionen, von denen diese Generationen auch profitieren. Sonst werden sie von der Schuldenlast erdrückt. Die deutsche Wirtschaft steht vor ihrem tiefgreifendsten Wandel seit Jahrzehnten.

"Wir müssen das Automobil neu erfinden", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche. Das ist richtig und untertrieben zugleich: Er muss Daimler neu erfinden, so wie Deutschland seine Industrie neu erfinden muss.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 243 Beiträge
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Seite 1
archelys, 09.07.2009
1. ???
Zitat von sysopStell Dir vor, es ist Krise, und keiner schaut hin: Experten und Politiker ignorieren die schlechten Konjunkturdaten und klammern sich stattdessen an den "Silberstreifen am Horizont". Diese Hoffnung ist absurd. Will die deutsche Wirtschaft eine Chance haben, muss sie sich grundlegend erneuern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,635229,00.html
Ein Kommentar von Armin Mahler, den ich nicht begriffen habe. Vielleicht bin ich zu dumm, vielleicht gibt`s da aber auch nichts zu begreifen.
CaptainSubtext 09.07.2009
2. !
---Zitat von Artikel--- Stichwort Überkapazitäten: Stichwort Exportlastigkeit: ---Zitatende--- Stimmt beides. ---Zitat von Artikel--- Stichwort veraltete Produkte: Die deutsche Industrie lebte glänzend davon, ihre Produkte immer besser zu machen, sich ganz auf die Bedürfnisse der Kunden einzustellen. So baut sie die besten Autos der Welt und die besten Maschinen der Welt - für den Kunden von heute. ---Zitatende--- Wer entscheidet was die Produkte von morgen sind? Armin Mahler ist es gewiss nicht! Und selbst wenn das Auto von (über?)morgen wirklich mit alternativen Energien angetrieben werden sollte, braucht man zu deren Herstellung immer noch die "besten Maschinen der Welt". Die deutschen Hersteller haben in den zurückliegenden Jahren größtenteils glänzend agiert, da sie auf den Markt reagiert haben. Vielleicht haben sie sich in eine Sackgasse manövriert, galube ich aber nicht und ich sehe keinen Grund warum sie nicht auch in Zukunft auf den Markt reagieren können sollten.
Mogambo 09.07.2009
3. genau so
Also ich finde, diesem Artikel ist nichts hinzuzufügen. Er trifft nach meiner Meinung den Nagel auf den Kopf.
danny_a 09.07.2009
4. Verlieren?
Schon seltsam. Es ist noch nicht allzu langer her als spiegel online schrieb das zu viele gut ausgebildete Leute das Land verlassen würden. Heute nennt man jene Leute Überkapazitäten. Diese "Überkapazitäten" verlassen nun zunehmend das sinkende Schiff BRD. Zumindest aus sicht der Schweiz sieht man das ganz deutlich. Deutschland ist nicht mehr in der Lage seine Ingenieure und Konsorten zu halten. Grund ist wie immer das Geld und, was neu dazu kommt: Lebensqualität. (http://www.sf.tv/sendungen/rundschau/index.php?docid=20090708) Eigendlich eine Entwicklung die ich nicht gut finde denn unser CH-Multikulte lebt von Gesunden Verhältnissen und das Verhältnis Deutsche / Schweizer stimmt hier schon lange nicht mehr. Schade eigendlich denn die Nordländer waren hier anfangs höchst Willkommen. Will die BRD wieder attraktiv für seine eigenen Bürger sein muss einiges gehen. Der Moderne D-Mensch will nicht mehr so viel Steuern abgeben müssen, wobei sich der Kreis mit dem Umdenken wieder schiesst.
der nachdenkende 09.07.2009
5. Umprofilierung der Wirtschaft
Warum wurden die für die Rettung von OPEL eingesetzten Staatsgelder(geborgten Steuergelder)nicht eingesetzt, um, im Interesse des Erhalts von Arbeitsplätzen, diese Werke auf neue, zukunftsträchtige Produkte umzustellen? Es ist doch überall in der in die Krise gekommenen Wirtschaft sichtbar, dass die Gier des Privateigentümers (der Kapitalisten, Anteilseigner, chare holder und wie sie noch alle heißen) weitsichtige, rechtzeitige Innovationen in die gesellschaftlich bedeutsamen Produktionsanlagen hemmt bzw. verhindert. Und ausbaden sollen dieses profitgierbetriebe Versäumnis der Privateigentümer wieder mal die lohnabhängigen Beschäftigten! Wann wachen die Menschen in diesem Land, die nicht zu der Klasse der Kapitaleigner gehören, endlich auf und erkennen, wie sie auch von der herrschenden Politik verarscht werden?
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