Forgeard in Polizeigewahrsam Insiderskandal holt EADS ein

Eigentlich wollte sich der Konzern auf der Berliner Luftfahrtschau selbst feiern - doch dann kam die Hiobsbotschaft für EADS: Die französische Polizei hat den ehemaligen Co-Konzernchef Forgeard wegen Verdachts auf Insiderhandel in Gewahrsam genommen. Die Affäre wird dem Konzern gefährlich.


Paris/Berlin - So hatte sich die Führungsspitze von EADS und Airbus ihren Ausflug nach Berlin nicht vorgestellt. Eigentlich wollten sie auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin das Ende aller Turbulenzen ausrufen. "Wir erwarten auch 2008 wieder ein ganz starkes Jahr für Airbus und wollen in den kommenden 20 Jahren 24.000 Flugzeuge bauen", sagte Airbus-Chef Thomas Enders und rühmte die vollen Auftragsbücher des Konzerns - den hohen Ölpreisen und dem schwachen Dollar zum Trotz.

Airbus-Chef Enders auf der ILA: Unschöne Vergangenheit statt Jubelarien
AP

Airbus-Chef Enders auf der ILA: Unschöne Vergangenheit statt Jubelarien

Doch aus dem trotzigen Blick nach vorne wurde nichts. Am späten Nachmittag wurde bekannt, dass die Vergangenheit den Konzern mal wieder einholt - und dieses Mal heftiger als bisher. Die französischen Finanzermittler nahmen den ehemaligen EADS-Co-Chef Noël Forgeard in Polizeigewahrsam.

Der einstige "Mr. Airbus" wird verdächtigt, mit EADS-Aktien Millionengewinne gemacht zu haben, während der Konzern dem Markt Informationen über Probleme beim Super-Airbus A380 vorenthielt.

Der Termin der Vernehmung war lange bekannt. Überrascht waren Beobachter jedoch, dass die Polizei den ehemaligen Top-Manager so rigoros festsetzte. Zwar muss er nach französischem Recht nach zwei Tagen freigelassen oder einem Untersuchungsrichter vorgeführt werden. Allerdings wird vermutet, dass die Ermittler mit ihrem Vorgehen vor allem den Druck auf Forgeard erhöhen wollen, endlich auszusagen. Denn bisher hat er die Vorwürfe des Insiderhandels und der Markttäuschung stets als völlig irreal zurückgewiesen.

"Herr Forgeard ist Privatmann"

Im Konzern selbst tut man so, als ginge die ganze Affäre niemanden an. EADS selbst lehnte eine Stellungnahme ab. Auch bei der Tochter Airbus wollte man den Vorfall nicht kommentieren. "Herr Forgeard ist Privatmann, dazu können wir uns nicht äußern", sagte Airbus-Sprecher Tore Prang SPIEGEL ONLINE.

Das eiserne Schweigen hat einen Grund: Denn in den Insiderskandal um EADS-Aktienverkäufe ist neben Ehemaligen wie Forgeard praktisch die gesamte aktuelle Konzernführung verwickelt. Die Pariser Börsenaufsicht AMF, die seit letztem Herbst ermittelt, nennt unter anderem Airbus-Chef Thomas Enders, seinen Stellvertreter Fabrice Brégier und Chefverkäufer John Leahy. Die AMF hat ihre Dokumente der Justiz übergeben. Wenn die Justiz auch die aktiven Manager aufs Korn nehmen sollte - was von Medien vermutet wird -, dann werden sie viel Zeit für ihre Verteidigung benötigen.

Zeit, die sie nicht haben: Der Konzern kämpft derzeit mit dem größten Umbauprogramm seiner Geschichte, einer katastrophalen Verschlechterung der Kostenstruktur wegen der Dollarschwäche und einem beispiellosen Anstieg der Ölpreise, die seine Kunden in die Knie zu zwingen droht. Gleichzeitig hat Airbus große Mühe, die Produktionsprobleme bei der A380 zu lösen, das Zukunftsprojekt A350 anzuschieben und den Militärtransporter A400M rechtzeitig in die Luft zu bringen. Da wird von allen Managern höchster Einsatz verlangt.

Doch der Insiderskandal kostet nicht nur Energie, sondern sorgt für noch mehr Zündstoff in dem wieder aufflammenden deutsch-französischen Streit. Das ist gefährlich. Denn die vor zehn Monaten mühsam mit Hilfe von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Nicolas Sarkozy ausgehandelte neue Konzernführung ist ein empfindliches "deutsch-französisches Gesamtkunstwerk". So wurde EADS-Vorstandschef Louis Gallois zwischen einem deutschen Airbus-Chef und einem deutschen EADS-Präsidenten "eingemauert". Airbus-Chef Enders übergeordnet ist wiederum der Franzose Gallois und an Enders Seite steht ein französischer Stellvertreter. Sollten Köpfe rollen, könnte das ganze Führungsgebäude einstürzen. Die neue Entwicklung im Insider-Skandal kommt also zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

sam/dpa-AFX



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