Prozess gegen F1-Chef: Ecclestone rollt aus

Von Ralf Bach

Formel-1-Chef Ecclestone: Gezeichnet von 40 Jahren Formel-1-Business Zur Großansicht
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Formel-1-Chef Ecclestone: Gezeichnet von 40 Jahren Formel-1-Business

Er gilt als legendärer Zampano der Formel 1, doch in diesen Tagen wirkt Bernie Ecclestone wie ein müder alter Mann. In München steht ihm nun auch noch ein Prozess wegen Bestechung bevor. Das dürfte den Abschied des 82-Jährigen beschleunigen.

Was hat man Bernie Ecclestone, 82, nicht schon alles unterstellt? Die fabelhafteste Legende: Mister Formel 1 habe vor 50 Jahren seine ersten Millionen gemacht, weil er der bis heute nicht geschnappte Kopf der Posträuber sei, die am 8. August 1963 kurz die Beatles aus den Schlagzeilen verdrängten.

Die Räuber stoppten damals einen Zug der Royal Mail und erbeuteten umgerechnet 47 Millionen Euro. Wenn Mr. Ecclestone von den Verdächtigungen hört, grinst er nur hintergründig, dementiert nicht, bestätigt aber auch nicht. Ihm gefällt jedenfalls, dass man ihm einen solchen Coup zutrauen würde.

Kaum jemand polarisiert mehr in der Welt des großen Sports und Business. Auf der einen Seite gilt Ecclestone als Regisseur, der die Formel 1 zum größten Sportspektakel neben der Fußball-WM und den Olympischen Spielen gemacht hat. Der sich nicht nur selbst zum Multimillionär machte, sondern auch den Teambesitzern der Formel 1 Reichtum bescherte. Einer, der sich an Zusagen hält. Ein Handschlag oder ein schlichtes "Wir machen das" genügen da völlig.

Andererseits sagt man ihm auch nach, dass er Mittel anwendet, die in der allgemeinen Geschäftswelt durchaus als halbseiden angesehen werden. Dass Ecclestone nun in Deutschland wegen Bestechung und Beihilfe zur Untreue angeklagt wird, passt zu diesem Image.

Sein Arbeitszimmer in der Londoner Princess Gate Nummer 6, schräg gegenüber dem Hyde Park, sagt eine Menge über ihn aus. Ein großer, ovaler Glastisch mit zehn Stühlen füllt den Raum aus. An der Wand hängt ein Riesenposter mit allen Playboytiteln. In einer Nische, aber doch nicht zu übersehen, steht eine kleine Bronzestatue, der "World Business Award", den Ecclestone 2003 von Michail Gorbatschow überreicht bekam. Auf einem Glastisch liegt eine echte Handgranate ohne Zünder.

"Wir fühlen uns sehr gut von ihm vertreten"

Ecclestones Kompetenz steht außer Frage. "Es gibt niemanden, der mehr Wissen und Erfahrung in der Formel 1 vereinigt, " sagt Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko, "wir fühlen uns sehr gut von ihm vertreten und bei uns ist jemand solange unschuldig, bis er schuldig gesprochen wird."

Ecclestone war Manager von Jochen Rindt, führte als Teambesitzer Brabham 1981 und 1983 zu zwei WM-Titeln, veranstaltet selbst Formel-1-Rennen. Es gibt keinen Bereich, bei dem er sich nicht auskennt. Sein Problem ist etwas anderes: Das, was er als Gewohnheitsrecht sieht, was er in 40 Jahren Formel 1 gelernt hat, ist nicht unbedingt das Recht, wie es in den Gesetzbüchern steht. Diese Gratwanderung könnte Ecclestone jetzt zum Absturz bringen.

Und das, obwohl Mr. E, wie ihn seine Angestellten respektvoll nennen, ein Meister der Psychologie ist. Er mag Leute mit Mut, mit eigener Meinung und hat Respekt vor Menschen, die nicht nur Ja und Amen sagen, weil sie gerade Bernie Ecclestone gegenüberstehen. Davon gibt es allerdings nicht viele. Das weiß Ecclestone auch. Er manipuliert Menschen, weil er sie durchschauen kann.

Beispiel Niki Lauda: Ecclestone arbeitet mit ihm, schätzt ihn, kennt aber auch die dunkle Seite seines Charakters: "Niki ist jemand, den rettest du vor dem Ertrinken und dann verklagt er dich, weil du ihn beim Rettungsversuch verletzt hast."

Gezeichnet von circa 40 Jahren Formel-1-Business

In letzter Zeit wirkt Ecclestone müde. Gezeichnet von circa 40 Jahren Formel-1-Business, gezeichnet vom Prozess in München, gezeichnet von den alltäglichen kleinen Scharmützeln an der Rennstrecke. "Ich mache es den anderen nicht einfach, mir aber auch nicht." So bezeichnet Ecclestone in Kurzform sein Tun. Am Nürburgring vor zehn Tagen wirkte er erschöpft. Sein Händedruck war nicht mehr so kräftig wie gewohnt. Die weißen Haare waren länger als gewöhnlich, flatterten im Wind. Zeit für den Frisör hatte er nicht. Den Grund liefert er gleich mal mit: "Ich stehe etwa um 7 Uhr auf, dann stürze ich mich gleich in die Arbeit. Das Ende des Tages ist immer offen."

Die Fortsetzung seiner Arbeit auch. Die Indizien, dass Ecclestone Ende des Jahres in den Ruhestand geht, vermehren sich. Er hat jetzt den für ihn nervigen Prozess in München am Hals, zudem zu Hause in England die englische Steuerbehörde. Selbst engste Mitarbeiter glauben mittlerweile daran, dass Ecclestone seinen Posten als Chefvermarkter bei der Formel-1-Gesellschaft CVC zur Verfügung stellt, damit die Gesellschaft endlich an die Börse gehen kann.

Es sind Kleinigkeiten, die für Ecclestone-Kenner wichtige Indizien für den bevorstehenden Abschied liefern. Beispielsweise, dass er seinen geschätzten Leibkoch Karl-Heinz Zimmermann kaum noch zu Rennen kommen lässt.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Phänomenal
erichheini 17.07.2013
Dieser Titel ist phänomenal gut gesetzt !
2. Bernie hat
nemensis_01@web.de 17.07.2013
aus der modernen F1 erst das gemacht, was sie Heute ist. Ein milliardenschweres, global florierendes Unternehmen. Und sein Lebenswerk dürfte auch ohne ihn Bestand haben, da bin ich mir sicher. Und was die Bestechung betrifft, würde ich sagen dumm das. Nicht die Bestechung, nein, dumm das, dich dabei erwischen zu lassen. Das können andere besser. Da muss Bernie noch viel lernen, wenn er denn die Zeit noch hat. Hier in Deutschland will der Bakschisch versteuert sein.
3. So what?
statler&waldorfmuppets 17.07.2013
Ecclestone wird es nicht lieben, aber im Endeffekt kann es ihm egal sein. Er wird wohl kaum monatelang in einem deutschen Gerichtssaal auftauchen.
4.
servadbogdanov 17.07.2013
Da hat die Justiz mal wieder schön gepennt. Bei den Vorwürfen hätte man ihn eigentlich bei seinem letzten Deutschlandaufenthalt in U-Haft nehmen müssen.
5. Welcher
tomatosoup 17.07.2013
Die Formel von der Beschleunigung des Abschieds des 82-Jährigen ist makaber. Erst am Ende der Glosse findet sich die Auflösung. Ich jedenfalls wünsche Ecclestone noch viele schöne Lebensjahre, mit oder ohne Formel II.
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