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13. April 2013, 18:55 Uhr

Innovationsforschung

Vielfalt bringt mehr Fortschritt als Spezialisierung

Von und

Schwellenländer wie Russland und Brasilien hängen die Bundesrepublik beim Wachstum ab? Keine Sorge: Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Deutschland auch in Zukunft die Nase vorn haben könnte. Zugleich räumen Wissenschaftler mit uralten Freihandels-Dogmen auf.

Hamburg - Maschinen, die eigenständig die Produktion steuern und ihre Fehler korrigieren. Roboter, die selbst von einem Werkstück zum nächsten fahren und das Fließband endgültig ins Industriemuseum verbannen. Glaubt man den Trends, die auf der Hannover Messe präsentiert werden (siehe Fotostrecke), steht uns eine neue industrielle Revolution bevor.

So wie die Dampfmaschine einst eine jahrzehntelange Phase ungebrochenen Wirtschaftswachstums einleitete, sollen nun intelligente Bauteile und Roboter in den kommenden Dekaden für einen wahren Wirtschaftsboom sorgen. Das Bundeswirtschaftsministerium geht davon aus, dass die Digitalisierungsrevolution die Produktivität der deutschen Industrie um 20 Prozent steigern kann.

Ob diese Prognose aber jemals eintritt, weiß niemand. Denn woher Wirtschaftswachstum wirklich kommt, ist bis heute eine der umstrittensten Fragen unter Volkswirten. Lange vertrauten Wissenschaftler auf das Modell des Ökonomen Robert Solow, der dafür 1987 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Zwar identifiziert Solow Fortschritt als langfristig wichtigste Quelle für Wachstum - doch wie dieser Fortschritt entsteht, darüber schweigt sich sein Modell aus. Seitdem haben sich Generationen von Wirtschaftsforschern an diesem Rätsel abgearbeitet.

Einige Wissenschaftler verfolgen jetzt einen neuen Ansatz: Sie glauben, dass die Produktvielfalt einer Volkswirtschaft über ihre Innovationskraft und damit ihre langfristigen Wachstumsaussichten entscheidet. Der Physiker Luciano Pietronero von der Universität La Sapienzia in Rom sagt jenen Ländern eine rosige Zukunft voraus, deren Wirtschaft sich auf viele unterschiedliche Sektoren stützt und komplexe, weltweit gefragte Produkte herstellt. "Labil ist der Wohlstand hingegen überall dort, wo er an einigen wenigen Produkten hängt", so Pietronero - etwa am Öl in Saudi-Arabien.

Wichtig ist die "Ökonomische Fitness" eines Landes

Ähnlich argumentiert Ricardo Hausmann, Harvard-Professor und einer der führenden Entwicklungsökonomen der Welt: Sein "Index der wirtschaftlichen Komplexität" listet Produkte nach der Zahl der Länder, die diese Produkte exportieren. Rohöl und Kakaobohnen rangieren ganz unten, viele Länder bieten sie an. Röntgengeräte oder Spezialmaschinen für die Industrie liegen an der Spitze der Komplexitätspyramide. Hausmanns Analysen zeigen: Die Länder, die 1998 viele dieser komplexen Güter exportierten, wuchsen in den folgenden zehn Jahren schneller. "Je größer die Vielfalt des Know-hows in einer Gesellschaft und je größer die Vielfalt an komplexen Produkten, die sie hervorbringt, desto besser", sagt Hausmann.

Diese Erkenntnisse rütteln an einem Dogma der Wirtschaftswissenschaften: Jenem bereits 1817 von David Ricardo vorgelegten Konzept, wonach Nationen ihren Wohlstand am besten mehren, wenn sie sich auf jene Produkte spezialisieren, die sie am billigsten herstellen können. David Ricardos Theorie steht hinter dem gesamten politischen Konzept der Handelsliberalisierung. Doch wie die Spezialisierung die langfristigen Wachstumsaussichten einer Volkswirtschaft beeinflusst, dazu hat Ricardo keine Aussage gemacht.

Die Intention hinter Hausmanns und Petrolinos Ansatz besagt nun: Billiger kann immer jemand anderes produzieren. Was China gestern war, ist heute Vietnam und morgen vielleicht Kenia. Und wer nur auf Rohstoffexporte setzt, schaut in die Röhre, wenn ihre Abnehmer ihr Gas plötzlich aus ihrem eigenen Boden fracken - oder gar keine fossilen Brennstoffe mehr brauchen. Dauerhaft wächst ein Land dagegen, wenn seine Unternehmen Marktführer in zahlreichen Nischen sind, die für ihre einzigartigen Produkte hohe Preise durchsetzen können. Pietronero nennt das "Ökonomische Fitness".

Deutschland mit seinen zahllosen versteckten Champions, den meist mittelständischen Weltmarktführern bei Autostandheizungen oder Rollhundeleinen, halten beide Wissenschaftler deshalb für topfit. Von den Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China), die in den letzten Jahren rapide gewachsen sind, prophezeit Petrolino nur zweien eine goldene Zukunft: Während die Industrien in Indien und China über ihr Dasein als verlängerte Werkbank des Westens hinausgewachsen seien und inzwischen auch selbst Innovationen hervorbrächten, hätten Russland und Brasilien von ihren Rohstoff-Einnahmen zu wenig in kluge Köpfe und gute Ideen investiert.

Behalten die Ökonomen recht, wird die Klasse der industriellen Produktion eines Landes im 21. Jahrhundert über die Masse siegen. Billiglöhne und miese Arbeitsbedingungen sind dann kein Wettbewerbsvorteil mehr, weil Roboter einfache Tätigkeiten auch selbst erledigen können - egal, wo sie stehen.

Wer also hinter den intelligenten Maschinen, die derzeit die Hannover Messe dominieren, den Wohlstand der Zukunft vermutet, liegt vermutlich gar nicht so falsch.

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