Umstrittene Gasförderung Nato-Chef verdächtigt Russland, Anti-Fracking-Bewegung zu steuern

Unterwandert der Kreml die Gegner der Schiefergasförderung in Europa? So jedenfalls verbreitet es Nato-Generalsekretär Rasmussen. Umweltschützer reagieren amüsiert bis zornig.

Von

Fracking-Gegner im Emsland (Archivbild von 2011): Vom Kreml gesteuert?
DPA

Fracking-Gegner im Emsland (Archivbild von 2011): Vom Kreml gesteuert?


Hannes Luck ist Idealist. Den ganzen Montag hat sich der 25-jährige Student aus Rostock um die Ohren geschlagen, um in der vorpommerschen Provinz zu demonstrieren. Mit 35 anderen Aktivisten der Bürgerinitiative Erdöl Barth. Gegen Testbohrungen von Central European Petroleum, welche die Protestierenden als Fracking bezeichnen; das Unternehmen spricht lieber von "hydraulischer Stimulierung". Das Grüppchen hat eine kleine Menschenkette vor der Bohrstelle gebildet, ein Foto geschossen. Dann haben die Aktivisten den Eingang wieder freigegeben und sind um das Gelände gelaufen, Hand in Hand. Es reichte für eine Meldung in der Lokalzeitung.

Aber nun hört Luck: Seine Initiative ist ein Werkzeug des Kreml. So jedenfalls verbreitet es Anders Fogh Rasmussen, der Nato- Generalsekretär. "Ich habe Verbündete getroffen, die berichten können, dass sich Russland als Teil seiner ausgeklügelten Informations- und Desinformationstätigkeiten aktiv mit sogenannten Nichtregierungsorganisation engagiert - also Umweltschutzorganisationen, die gegen Schiefergasförderung vorgehen", sagte Rasmussen am Donnerstag auf einer Veranstaltung in London. Ziel der Regierung in Moskau sei es, "Europas Abhängigkeit von importiertem russischen Gas aufrechtzuerhalten. Zumindest ist das meine Interpretation".

Es ist eine harte Interpretation, die der Däne da verbreitet. Seit Jahren protestieren Bürgerinitiativen und Umweltschützer gegen Erdgasförderung mit Hydraulic Fracturing, kurz Fracking. Bei dieser Technologie wird Gestein tief im Boden unter Einsatz eines Wasser-Sand-Chemikalien-Gemischs mit hohem hydraulischen Druck aufgebrochen, um an das Gas zu gelangen. Wegen technischer Fortschritte kann nun auch Gas aus sehr tiefen Schichten gefördert werden; die USA sind so zum weltgrößten Erdgasproduzenten aufgestiegen. Welche Langzeitfolgen das für die Umwelt hat, ist aber ungewiss.

"Wir hatten nie Kontakt mit dem Kreml oder Gazprom"

Und so haben sich in Deutschland mehr als 60 Bürgerinitiativen gegen Fracking gegründet. 250 Initiativen und Verbände stützen die Korbacher Resolution, die ein weitgehendes Verbot der Technologie fordert. Dazu allerdings wird es kaum kommen. Schon in den nächsten Wochen könnte ein neues Gesetz den Weg für Fracking in Deutschland ebnen.

Rasmussens Äußerungen irritieren die Anti-Fracking-Aktivisten. "Wir hier in Barth hatten nie Kontakt mit dem Kreml oder Gazprom", sagt Hannes Luck. "Diese Vorwürfe sind abstrus." Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz spricht von einer "unerträglichen Unverschämtheit": "Die Äußerungen von Rasmussen lesen sich wie eine ungewöhnliche Bewerbung für Posten in der Gasindustrie nach Ablauf seiner Nato-Tätigkeit." Schließlich gebe der 61-Jährige am 30. September sein Amt ab. Und ein Sprecher von Greenpeace sagt: "Russlands Regierung behauptet selbst seit Jahren, dass ausländische Agenten die Nichtregierungsorganisationen unterwandern." Nun stelle sich Rasmussen auf die gleiche Stufe wie Putin und unterhöhle mit derlei Äußerungen die Zivilgesellschaft.

Wirtschaftsminister Gabriel bereitet Fracking-Gesetz vor

"Ich warte noch immer auf Kaviar und Champagner aus Russland", witzelt Andy Gheorghiu. "Bei Krimsekt ist man heute ja leider sofort verdächtig." Der Mitinitiator der Korbacher Resolution lacht auf; Rasmussens Vorwürfe hätten ihn amüsiert, sagt er. Aber sie bereiten ihm auch Sorge: Solche Äußerungen könnten den Streit ums Fracking nur aufheizen, sagt Gheorghiu. In Rumänien etwa setze die Polizei schon oft Tränengas gegen Aktivisten ein. Und auch in Deutschland sieht es schlecht aus für die Fracking-Gegner.

Schon kommende Woche will das Bundeswirtschaftsministerium von Sigmar Gabriel (SPD) laut der "Frankfurter Rundschau" einen Gesetzesentwurf für Fracking ins Kabinett einbringen. Zwar plane Gabriels Behörde eine Umweltverträglichkeitsprüfung; grundsätzlich verboten werden solle Fracking aber nur in Wasserschutzgebieten. Laut Umweltverbänden wäre der Einsatz dann auf mehr als 80 Prozent der Fläche der Bundesrepublik möglich. "Wir haben mühsam eine Menge Expertise aufgebaut", klagt Gheorghiu. "Jetzt werden wir so diffamiert."

Die Nato distanziert sich vorsichtig von ihrem Generalsekretär

Die Nato distanziert sich vorsichtig von ihrem Generalsekretär. Rasmussen habe eine persönliche Meinung geäußert, nicht die offizielle Position des Bündnisses, sagte eine Sprecherin auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Wir teilen die Furcht einiger Verbündeter, dass Russland mögliche Projekte zur Schiefergasförderung in Europa behindern könnte, um Europas Abhängigkeit vom russischen Gas zu erhalten." Von Einflussnahme auf Bürgerinitiativen oder Umweltschützer ist keine Rede.

Ältere Aktivisten fühlen sich an die Friedensbewegung erinnert. Die wurde vor gut drei Jahrzehnten immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie werde von Moskau gesteuert. Versucht hat es der Kreml mehrmals, Beweise für eine entscheidende Einflussnahme gibt es aber bis heute nicht. "Herr Rasmussen soll entweder seine Pauschalverdächtigungen belegen oder sich entschuldigen", fordert Fracking-Gegner Gheorghiu. Er hat bereits einen entsprechenden Brief an den Nato-Chef aufgesetzt. Verschicken aber wird er ihn frühestens Mitte kommender Woche. "Die Abstimmung zwischen den Initiativen dauert immer so lange", entschuldigt er sich. "Das ist nun mal ein demokratischer Prozess."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
joG 20.06.2014
1. Dass Russland Industirespionage hier betreibt und die Interessen seiner Industrie....
.....unterstützt ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber die Anti-Fracking Leute zu unterstützen ist nicht besonders verwerflich. Wir unterstützen doch auch Gruppen in anderen Ländern, die Dinge tun, die der dortigen Elite schaden.
mansky 20.06.2014
2. Unglaublich!
Wenn Rasmussen so weiter Macht, d.h. sich dermaßen offensichtlich vor den Karren der US Öl- und Waffenindustrie spannen lässt, wird ihn bald niemand mehr ernst nehmen. Einen schlechteren Generals. hat die Nato bisher nicht gehabt. Bin gespannt, was seine Agende nach seinem Abgang ist, d.h. bei welcher westlichen Öl bzw. Waffenfirma er als Lobbyist anheuern wird.
diskretes Kontinuum 20.06.2014
3. Kalter Krieg 2.0
Klar, die USA haben Angst vor einem starken eurasischen Bündnis auf der "Weltinsel" so wie der Teufel vor dem Weihwasser. Da muss mit allen Mitteln ein Keil dazwischengeschlagen werden, wenn nötig mit Propagandatricks aus der Mottenkiste.
Walter Sobchak 20.06.2014
4.
Zitat von sysopDPAUnterwandert der Kreml die Gegner der Schiefergasförderung in Europa? So jedenfalls verbreitet es Nato-Generalsekretär Rasmussen. Umweltschützer reagieren amüsiert bis zornig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/fracking-und-nato-rasmussen-verdaechtigt-russland-ngos-zu-steuern-a-976451.html
Gehts noch? Alternative Energie ist Schiefergas jetzt also schon. Dass die Leute einfach kein giftiges Trinkwasser haben wollen, kommt dieser Kriegsorganisation wohl nicht in den Sinn? Natuerlich wissen die das ganz genau, aber irgendwie muss sich doch Russland in einen heissen Krieg ziehen lassen. Wann wird die NATO (SPON das wird gross geschrieben!) endlich aufgeloest? Und Köhler hatte also doch Recht mit NATO als Arm der Wirtschaft.
dschou 20.06.2014
5. Realitätsverlust
Ich halte es für unverantwortlich, daß Leute mit Realitätsverlust derart wichtige Positionen besetzen. Herr Rasmussen sollte sofort in Rente gehen, nicht erst im September !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.