Französisch-Guayana Die Währung des Waldes

Im Dschungel von Französisch-Guayana geht der Euro um: Das neue Geld erobert Europas wilden, wilden Westen.

Von , St. Georges


"Barbouza", sagte die Stimme am Telefon, "Barbouza wird auf Sie warten. C'est un Mitsubishi blanc." Aber Barbouza wartet nicht. Am Südufer des Approuague am Rande des Fleckens Regina lungern zwei Dutzend Marketender des Dschungels, Boote fahren hin und wieder, fünf Euro nehmen die Fährleute pro Tour, zur Not auch zehn brasilianische Real. Nirgends Barbouza, kein Fahrer, kein Mitsubishi.

Am Südufer, im Wrack eines Renault-Kastenwagens, sitzt eine Familie und verkauft aus einer Styroporbox Heineken und Coca-Cola zu einem Euro pro Dose. Der Verkäufer, ein Junge, trägt Hosen geschneidert aus einer gestreiften Nylontasche. "Kennst du Barbouza?" - "Ja, er wird kommen." - "Wo ist er?" - "Gerade gefahren. Aber er kommt wieder. Immer."

Stunden vergehen, ein Nissan-Pick-up spritzt in den rostbraunen Uferschlamm. Nicht Barbouza, aber der Fahrer nickt und zeigt den erhobenen Daumen. 30 Euro kostet die Passage nach St. Georges am Oyapok, bar und im voraus. Der Fahrer hat dicke Bündel des neuen Geldes in der Hosentasche. Er spricht portugiesisch, französisch, etwas drittes und etwas viertes. Die grünen Hunderter kennt er noch nicht.

Sie gefallen ihm nicht. Er sagt, in verschliffenem Französisch: "Na, was haben wir hier?" Reibt den Schein, hält ihn ins Gegenlicht des verhangenen, gleißenden Himmels. Gibt Wechselgeld, widerwillig. Den Daumen auf Französisch-Guayana. So heißt dieses Land.

So heißt der Fleck, links unten auf den neuen Scheinen. Den Fünfern, Zwanzigern, Hunderten, immer im Kästchen gleich rechts neben dem griechischen Schriftzug "Euro", das ist es: Französisch-Guayana. Departement Frankreichs, Nummer 973, in Übersee. Europas wilder Westen. 91.000 Quadratkilometer Fläche, dreimal so groß wie Belgien, Dschungel fast das ganze Land, eingeklemmt zwischen Brasilien und Surinam am Atlantik, 150.000 Bewohner. Ihre Währung heißt jetzt wie in Darmstadt, Triest oder Gent: Euro.

Es war im Morgendämmern des 13. August 2001, als ein Frachter der französischen Marine die Cayenne vorgelagerten Remire-Inseln passierte und im Hafen anlegte, um seine Ladung zu löschen. Fünf blaue Container, in Le Havre eingeschifft und via Guadeloupe gereist, gefüllt mit sehr speziellem Schüttgut: 90 Tonnen Cent- und Euromünzen, 22 Millionen Stück, zweifarbige Einer, Zweier, kupferglänzende Fünfer, falschgoldene Fünfziger. In Münzen sechs Millionen Euro brachte das Schiff für Französisch-Guayana.

Als seine Silhouette über den amazonasbraunen Küstengewässern stand, drückte dicke Luft auf Cayenne, fast 32 Grad Celsius heiß, und Didier Grebert eilte mit einem Festkomitee zum Strand, dazu 50 Gendarmen, Gewehr bei Fuß. In klebenden Oberhemden und feuchten Krawatten standen die Herren des Staates Spalier. Das Kleingeld war da. Bienvenue la monnaie. "Natürlich mussten wir improvisieren, wie Sie sich denken können", sagt Direktor Grebert, 42, letzter Mann der französischen Staatsbank in Übersee. Er sitzt in Cayenne, der räudigen Hauptstadt, in einem abgedunkelten Chefbüro, Rue Christophe Colombe Nummer 8, und erzählt die größte Geschichte seines Lebens. Didier Grebert, geboren in einem Kaff an der belgischen Grenze, brachte der neuen Welt das neue Geld.



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