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Freispruch zweiter Klasse: Mord am Bankier Gottes bleibt ungesühnt

In dem Prozess ging es um Mord, die Geheimloge P2 - und Millionenverluste der Vatikanbank. Vor 25 Jahren wurde Roberto Calvi, genannt der Bankier Gottes, erhängt aufgefunden. Nun sprach ein römisches Gericht das Urteil.

Rom - Der Fall gilt als eines der dunkelsten Kapitel der italienischen Kriminalgeschichte. Vor Gericht standen: ein sardischer Immobilienmakler mit guten Kontakten zu Ex-Premier Silvio Berlusconi, seine Freundin, ein Mafia-Buchhalter, der für andere Verbrechen bereits lebenslänglich sitzt, ein römischer Kredithai und ein ehemalige Bodyguard. Die Anklage lautete auf Mord, und zwar an Roberto Calvi, dem Bankier Gottes.

Der Bankier Gottes: Roberto Calvi hatte beste Kontakte in den Vatikan - und zur Mafia
DPA

Der Bankier Gottes: Roberto Calvi hatte beste Kontakte in den Vatikan - und zur Mafia

Calvi war Chef des Mailänder Kreditinstituts Banco Ambrosiano, das mehrheitlich der Vatikanbank gehörte. 1982 wurde er unter dubiosen Umständen an einer Londoner Brücke erhängt aufgefunden. Gestern schließlich ging der Prozess um seinen Tod zu Ende.

Um Calvi rankten sich immer wieder Mythen. Er soll ein Mitglied der sagenumwobenen Geheimloge P2 gewesen sein, außerdem soll er in Agentenhändel während des Kalten Krieges verwickelt gewesen sein. Dabei soll er große Summen aus dem Vatikan ins kommunistische Polen transferiert haben, um dort die Gewerkschaft Solidarnosc zu unterstützen. Vor allem jedoch soll Calvi beste Kontakte zur Mafia gehabt haben, die ihr Geld gerne in seinem Institut anlegte.

Von 1972 bis 1981 verstrickte sich der Bankier jedoch immer mehr in undurchsichtige Finanzgeschäfte. Dabei verschwanden in der Banco Ambrosiano insgesamt mehr als 1,3 Milliarden Dollar, allein für den Mutterkonzern, die Vatikanbank, belief sich der Schaden auf 250 Millionen Dollar.

Im Juni 1982 verließ Calvi Italien überstürzt. Begleitet wurde er von zwei Männern: Flavio Carboni und Silvano Vittor. Beide gehören zu den fünf Angeklagten, die bis gestern vor Gericht standen. Unter falscher Identität flüchtete der Bankier erst per Motorboot nach Jugoslawien, dann nach Österreich und von dort mit einem Privatflugzeug nach England. In London stieg er inkognito in einem billigen Hotel ab.

Der Sohn glaubte nie an einen Selbstmord

Der weitere Ablauf konnte auch durch den Prozess nicht einwandfrei geklärt werden. Fest steht nur so viel: Am 21. Juni 1982 entdeckte ein Londoner Büroangestellter, der gerade auf dem Weg zur Arbeit war, den toten Bankier unter der Londoner Blackfriars Bridge. Calvi hing an einem langen, orangen Nylonseil, seine Beine baumelten knapp über dem Wasser. In seinen Taschen hatte er rund 7000 Dollar in verschiedenen Währungen.

Um die Umstände seines Todes ranken sich seitdem wilde Gerüchte. Immer wieder wurde über Kontakte des Vatikan zur Mafia spekuliert. Offiziell nahmen die Behörden jedoch sechs Jahre lang an, dass sich der Bankier selbst getötet habe. Immerhin hatte Calvi am Tag vor seinem Tod den Vorsitz der Banco Ambrosiano aufgeben müssen, nachdem das Institut unter seinen Finanzgeschäften zusammengebrochen war. Einen Grund für einen Freitod gab es also. Sein Sohn Carlo glaubte aber nicht an die Selbstmord-Theorie und unternahm alles, um den Tod seines Vaters aufzuklären.

In den späten neunziger Jahren schließlich wiesen neue forensische Methoden immer deutlicher darauf hin, dass Calvi ermordet wurde. Die italienische Staatsanwaltschaft nahm das Verfahren daraufhin im Jahr 2002 wieder auf. Im Oktober 2005 begann der Prozess vor den Toren Roms in einem Gerichtsgebäude, das zu einer Festung ausgebaut worden war. Anderthalb Jahre sollte das Verfahren dauern.

Freispruch aus Mangeln an Beweisen

Staatsanwalt Luca Tescaroli vertrat die Ansicht, dass Carboni und Vittor den Bankier nach London gelockt hätten, wo er seinen Mördern übergeben werden sollte. Die drei anderen Angeklagten sollen dabei geholfen haben. Das Motiv: Calvi soll Gelder der Cosa Nostra veruntreut haben, zum Beispiel für seine Geschäfte in Polen. Möglicherweise haben seine Mörder aber auch gefürchtet, dass Calvi frühere Weggefährten aus der Geheimloge P2, dem Vatikan oder der italienischen Politik belasten könnte.

Die Richter folgten der Argumentation des Staatsanwalts jedoch nicht: Alle fünf Angeklagten wurden gestern Abend freigesprochen. Allerdings war es nur im Fall der angeklagten Frau ein Freispruch erster Güte. Bei den vier Männern reichte es nach Ansicht des Gerichts nur aus Mangel an Beweisen nicht für eine Verurteilung.

Staatsanwalt Tescaroli hatte für die Männer lebenslänglich gefordert. Möglicherweise will er nun in Berufung gehen. Insgesamt zeigte er sich aber zufrieden. Nach 25 Jahren sei es schon ein Erfolg, sagte er der britischen Zeitung "The Independent", dass "der Prozess überhaupt stattgefunden hat".

wal

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