FTD-Chefredakteur Klusmann im Gespräch "Mich interessiert das 'Handelsblatt' nicht, ich will wachsen"

Verluste macht sie noch immer - aber sie hat schon viel länger überlebt, als ihre Kritiker dachten: Die "Financial Times Deutschland" feiert kommenden Montag ihren fünften Geburtstag. SPIEGEL ONLINE sprach mit Chefredakteur Steffen Klusmann über Auflagenziele, Stärken der Konkurrenz - und die Gefahr, spießig zu werden.


Chefredakteur Klusmann: "Da braucht man an der Spitze einen, der immer wieder antreibt"
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Chefredakteur Klusmann: "Da braucht man an der Spitze einen, der immer wieder antreibt"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Klusmann, wir sind enttäuscht: Wir hätten gedacht, dass Sie in Ihrem Büro irgendwo noch die FTD-Erstausgabe vom 21. Februar 2000 haben, ordentlich eingerahmt an der Wand. Haben Sie sich etwa kein Exemplar aufbewahrt?

Klusmann: Meins liegt da oben, im Karton auf dem Schrank. Ich lass es da drin, es vergilbt ja sonst. (Klusmann steht auf, holt und öffnet den Karton.) Keine Attrappe, sehen Sie - mit wertvollem Inhalt. (Er nimmt eine eingerollte FTD heraus.) Diese Erstausgaben sind nummeriert, das ist schon was Besonderes.

SPIEGEL ONLINE: Die allererste Titelgeschichte war ja gleich die erste große Ente der FTD. Sie hieß: "Siemens plant radikalen Umbau mit Konzentration auf zwei Sparten". Davon haben wir bis heute nichts gemerkt.

Klusmann: Wir haben da tief in die Kristallkugel geblickt (lacht) - und uns ziemlich verguckt. Dieser Aufmacher hat uns zu Recht eine Menge Kritik eingetragen. Aber wir haben daraus gelernt. Vielleicht war es gar nicht schlecht, dass uns das am ersten Tag passiert ist und nicht im zweiten Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Ärger mit Titeln, die sehr überspitzt sind, hat die FTD ja bis heute.

Klusmann: In letzter Zeit nicht. Ich will nicht ausschließen, dass wir hin und wieder noch ein wenig übers Ziel hinaus schießen. Aber wir sind dabei, das zu justieren.

SPIEGEL ONLINE: Erst kürzlich hat Porsche eine Titelgeschichte bestritten, die auf einem Interview mit Vorstandschef Wiedeking basierte.

Klusmann: Manchmal sind Leute, die uns Interviews geben, am Ende überrascht, was sie da gesagt haben. Wenn in den Gesprächen was Überraschendes drin steckt, ziehen wir es hoch und packen es in die Überschrift. Das ist eine Stärke von uns. Es gibt Zeitungen, die verstecken das Spannende irgendwo auf Zeile 80.

SPIEGEL ONLINE: Lange gab es bei der FTD ja den "Scoop der Woche" - der Redakteur mit der besten Exklusiv-Geschichte bekam eine Flasche Champagner.

Klusmann: Das gibt es immer noch, jeden Freitag. Eine Flasche Hausmarke.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Druck, exklusiv sein zu wollen, verleitet aber wohl dazu, manchmal sehr wacklige Geschichten zu bringen.

Klusmann: Bei uns gilt: Jede Investigativ-Geschichte beruht auf mindestens zwei Quellen. Diese Scoops sind noch immer ein Erfolgskriterium, aber nicht das einzige. Ich will die Nachrichtenagenturen nicht mit Meldungen überfluten, nur weil sie exklusiv sind. Fürs Image ist wichtig, dass wir bei den großen Themen den Lead haben, die sich über zehn Tage, zwei Wochen entwickeln - wie die Krise bei Karstadt. Mindestens so wichtig ist, dass der Mix stimmt und wir gute Kommentare, Features und Magazingeschichten im Blatt haben. Die Tageszeitungen müssen sich weiterentwickeln, sonst werden sie von den Online-Portalen weg gefressen.

SPIEGEL ONLINE: Dass Ihre Zeitung überhaupt bis heute überlebt hat, hat ja viele Kritiker überrascht. Was wird in den nächsten fünf Jahren aus der FTD?

Klusmann: Es wird schwieriger und einfacher zugleich für uns. Wir haben uns inzwischen einen guten Ruf erarbeitet. Darauf kann man aufbauen. Hohe Auflagezuwächse zu schaffen, wird mit zunehmender Größe natürlich nicht leichter. Aber in fünf Jahren wollen wir in unserem Segment Marktführer sein.

SPIEGEL ONLINE: Was wohl nur klappt, wenn der jetzige Marktführer, das "Handelsblatt", weiter mächtig an Auflage verliert.

FTD-Erstausgabe mit Siemens-Ente: "Hin und wieder noch ein wenig übers Ziel hinaus"

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Klusmann: Ehrlich gesagt: Mich interessiert das "Handelsblatt" nicht, ich will wachsen. Das wäre doch eine armselige Haltung: zu hoffen, dass der Konkurrent wegbröckelt. Wir wollen jetzt im ersten Quartal zum ersten Mal eine Auflage von über 100.000 verkauften Exemplaren melden. Unsere Startauflage hätten wir dann verdoppelt. Das muss man erst mal schaffen in wirtschaftlich harten Zeiten.

SPIEGEL ONLINE: 100.000 Auflage im Geburtstagsquartal - das klingt fast zu schön. Müssen Sie Ihre Sonderverkäufe dafür noch mal kräftig erhöhen?

Klusmann: Wir würden dieses Ziel gerne erreichen, indem wir weiter bei der harten Auflage wachsen. Es fehlt ja nicht viel. Wir haben zuletzt 98.900 gemeldet.

SPIEGEL ONLINE: In der Branche wird jetzt schon gespottet, dass fast ein Drittel Ihrer Auflage aus Bordexemplaren bei Fluglinien und dergleichen besteht.

Klusmann: Das lässt mich kalt. Ich würde auch spotten, wenn ich bei einem Blatt arbeitete, dem die Auflage weg bricht - das lenkt von den eigenen Problemen ab. Die Leute in den Airlines sind genau die, die wir erreichen wollen. Beim Fliegen haben sie sogar Zeit zum Lesen. Und die Zuwächse bei unserer harten Abo-Auflage sind schon echt.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie? Konkurrenten sagen, dass ein großer Teil Ihrer Abonnenten Studenten sind - und die zahlen nicht den vollen Preis.



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