Führungsstreit Deutsch-französische Ehekrise bei Airbus

Das Jahr 2006 sollte mit der Auslieferung des weltgrößten Passagierflugzeugs A380 ein Jubeljahr für Airbus werden. Doch von guter Stimmung ist nichts zu spüren, stattdessen kriselt es gewaltig. Die Gräben zwischen französischem und deutschem Management werden tiefer - mal wieder.

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Hamburg - Der europäische Gedanke kann bei der European Aeronautic Defense and Space Company (EADS Chart zeigen) bisweilen ziemlich anstrengend sein. Der französische Staat hält 15 Prozent an dem Airbus-Mutterkonzern, DaimlerChrysler Chart zeigen 22,5 Prozent, der französische Mischkonzern Lagardère 7,5 und das spanische Unternehmen Sepi gut fünf Prozent. Entsprechend kompliziert ist die Organisationsstruktur.

Franzosen und Deutsche wollen in allen wichtigen Gremien vertreten sein, Spanier und Briten auch ein Wörtchen mitreden. Überall soll es Werke geben, die Produktion möglichst gerecht verteilt sein. Und an der Spitze der Airbus-Mutter EADS, im Kern aus der Fusion der deutschen DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) und der französischen Aerospatiale Matra hervorgegangen, sollen stets ein Franzose und ein Deutscher stehen - offiziell gleichberechtigt.

Doch harmonisch lief es in der deutsch-französischen Flugzeugbau-Ehe eher selten - weder nach Konzerngründung im Jahr 2000 mit Rainer Hertrich und Philippe Camus an der Spitze, noch jetzt, mit Noël Forgeard und Thomas Enders als EADS-Chefs. Bei Airbus und der Airbus-Mutter gibt man sich zugeknöpft über die gespannte Situation, die das europäische Vorzeigeunternehmen alles andere als vorzeigbar erscheinen lässt.

"Es gab heute verschiedene Gespräche und Meetings", heißt es lapidar bei EADS auf die Frage, wie den aktuellen Problemen - Lieferverzögerungen beim Prestigeflieger A380, drohende Milliardenverluste durch Abbestellungen, erzwungene Neugestaltung der A350, der Vorwurf des Insiderhandels im Topmanagement und bei Großaktionären - begegnet werde. Von "Krisentreffen" könne keine Rede sein, sagt ein EADS-Sprecher in München. Die Sprachregelung lautet: Arbeitstreffen. Mehr sagt niemand öffentlich. Die Mitarbeiter bei Airbus haben Sprechverbot.

Doch die Verärgerung ist groß und hinter vorgehaltener Hand nennt so mancher Airbus-Mitarbeiter das Risiko beim Namen: Noël Forgeard. Der Franzose, der gemeinsam mit dem Deutschen Thomas Enders den EADS-Konzern führt, wird gleich für mehrere Krisen verantwortlich gemacht. So hat er Mitte März EADS-Aktien im Wert von 2,5 Millionen Euro verkauft - vor Bekanntwerden der Lieferschwierigkeiten beim A380 und vor dem Crash der EADS-Aktie, bei dem der Konzern zeitweise sechs Milliarden Euro an Wert verlor. Ebenso haben der französische Co-Aufsichtsratschef Arnaud Lagardère, Sohn des verstorbenen EADS-Mitbegründers Jean-Luc Lagardère, und EADS-Anteilseigner DaimlerChrysler jeweils 7,5 Prozent ihrer Anteile vor Bekanntwerden der Produktionsengpässe veräußert.

Noch ist der Vorwurf des Insiderhandels nicht entkräftet, die Behörden in Frankreich und Deutschland gehen der Sache nach. Die französische Börsenaufsicht AMF ermittelt seit heute in Toulouse. Der machtbewusste Forgeard will von den Problemen im eigenen Konzern nichts gewusst haben. "Ich bin schockiert von der Schuldvermutung, der ich ausgesetzt bin", zitiert ihn heute die Zeitung "La Tribune". Einen Seitenhieb erhielt er von seinem Co-Chef Enders, der betont, er habe keine Aktien verkauft - trotz des damals hohen Kurses.

Mitarbeiter in Hamburg verärgert

Die Hamburger Airbus-Mitarbeiter ärgert besonders, dass Forgeard den Standort Hamburg für die Lieferprobleme verantwortlich macht. Es gebe "eine ziemlich starke Konzentration von Problemen in Hamburg", hatte Forgeard vergangene Woche erklärt. Die Wellen schlugen hoch, Forgeard entschuldigte sich: "Ich bedauere, öffentlich das Werk in Hamburg als Kern der Produktionsprobleme genannt zu haben." In dem kritisierten Werk hört man genau hin: "Der entschuldigt sich für die öffentliche Nennung von Hamburg als Schuldigen. In der Sache hat der aber seine Kritik nicht zurückgenommen", sagt ein Airbus-Mitarbeiter gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Das ist eine riesengroße Frechheit."

Auch ein ehemaliger Airbus-Manager aus Hamburg sieht den Grund für die Lieferprobleme im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE woanders, nämlich bei der Programmleitung für den Airbus A380, die die Produktion koordinieren soll - und an deren Spitze der Franzose Charles Champion steht. "Es ist schon verwunderlich, weshalb Herr Forgeard Herrn Champion so sehr in Schutz nimmt, obwohl er der Verantwortliche für die reibungslose Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Werken ist."

In Hamburg hakt es nach Angaben von Mitarbeitern tatsächlich am Einbau der Kabelleitungen für die Flugzeugelektrik sowie für Telefonie und Internet. Der größte Knackpunkt ist demnach der extrem große Koordinationsbedarf zwischen den Werken und die Tatsache, "dass man den Airlines viel zu viel zugestanden hat". In der Euphorie über den A380 habe man den Kunden "alles Mögliche versprochen, aber nicht gesagt, dass das Zeit kostet". "Jetzt kann man nicht sagen, dass das Airbus-Werk in Hamburg-Finkenwerder alleine die Schuld an dem Dilemma trägt", sagt der Ex-Manager.

"Man muss schrecklich puhlen"

Dabei ist das Kabelproblem längst bekannt: Nach SPIEGEL-Informationen vom November 2005 war bereits klar, dass die Kabelbäume nicht in die vorgesehenen Schächte passen, da deren Querschnitt zu klein eingeplant wurde. "Es gibt Schwierigkeiten", sagte schon damals eine Quelle in Hamburg, man müsse "schrecklich puhlen", um die Kabel durch die Schächte zu bekommen. Hinzu kommt, dass die Fluggesellschaften Sonderwünsche anmelden, die beim Verlegen der Kabel berücksichtigt werden müssen.

Aber die Not mit dem A380 ist viel größer: Das Flugzeug ist nach Expertenmeinung zu schwer, verbraucht folglich mehr als die von Airbus zugesagten 2,9 Liter Kraftstoff pro Passagier und 100 Kilometer. Lufthansa geht in seinen Berechnungen von 3,2 Litern aus - immerhin zehn Prozent mehr als vom Hersteller angegeben. "Sollte das Flugzeug im Betrieb mehr als vom Hersteller angegeben verbrauchen, sind Entschädigungszahlungen fällig", sagt ein Branchenkenner. Außerdem rechne Airbus damit, dass es einen Markt für 1200 bis 1500 Flugzeuge vom Typ A380 gibt. Erzrivale Boeing gehe eher von einem Bedarf von 300 oder maximal 400 Exemplaren aus - und liegt damit womöglich näher an der Wirklichkeit.

Denn fest geordert wurden bisher nur 159 Stück, und seit einem Jahr sind keine weiteren Bestellungen eingegangen. Airbus muss aber nach alten Berechnungen mindestens 250 Stück verkaufen, um in die schwarzen Zahlen zu kommen. "Rechnet man nun noch Entschädigungszahlungen für Mehrverbrauch und Lieferverzögerungen sowie mögliche Abbestellungen mit hinein, könnte das Flugzeug zum wirtschaftlichen Desaster für Airbus werden. Die müssen womöglich mehr als 300 Stück verkaufen, um überhaupt einen Cent zu verdienen." Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber erklärt heute, von den Lieferschwierigkeiten betroffen zu sein. Zu Konsequenzen machte er keine Angaben - noch nicht.

Ein- oder zweiköpfige Führungsstruktur?

Die Nerven liegen nun blank bei dem Flugzeugkonzern. Und erneut wird geraunt, man müsse die Organisationsstruktur "verschlanken" - womit meist gemeint ist, die Doppelspitze bei EADS abzuschaffen.

Bereits Großaktionär Jean-Luc Lagardère hatte bis zu seinem Tod im Jahr 2003 die Doppelspitze Hertrich-Camus kritisiert, weil er lieber den damaligen Airbus-Chef Forgeard als alleinigen EADS-Vorstandsvorsitzenden gesehen hätte. Als Forgeard schließlich an die Spitze des Mutterkonzerns wechseln sollte, entfachte er selbst eine Diskussion um die Doppelspitze. Es sei Zeit, sagte er 2003, wie bei Airbus auch bei EADS eine "klassische Führungskonstruktion mit nur einem Chef einzuführen". Auf Druck von DaimlerChrysler wurde daraus nichts, Forgeard musste sich den Job mit dem Rüstungsexperten Enders teilen.

Auch bei der Frage, wer Forgeard bei Airbus folgen soll, entbrannte ein Streit zwischen französischer und deutscher Seite. Mit Gustav Humbert setze sich erstmals ein Deutscher durch. "Die Franzosen denken, EADS sei ein rein französisches Unternehmen, nur weil der französische Staat beteiligt ist", sagt ein Hamburger Airbus-Mann. "Die vergessen, dass es hier um einen europäischen Konzern geht."

Noch steht die EADS-Doppelspitze, aber Forgeards Stuhl wackelt. Frankreichs Industrieminister Francois Loos zufolge wurde heute in München auch über Forgeards Zukunft im Konzern gesprochen. Lob wird es wohl nicht gegeben haben. Die Gespräche endeten ohne Entscheidung.



Forum - Airbus A380 - Technisches Wunderwerk oder fliegender Wahnsinn?
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Seite 1
Joachim Baum 27.04.2005
1.
---Zitat von sysop--- Die Heckflosse so hoch wie das Brandenburger Tor, ein Elefant wirkt winzig dagegen: Mit dem Airbus 380 beginnt eine neue Dimension der Gigantomanie in der Luftfahrt. Zu erwartende lange Boardingzeiten und heikle Sicherheitsszenarien für den Riesenflieger dämpfen bei manchen die Vorfreude. Möchten Sie mit dem neuen A 380 fliegen? Fasziniert Sie die Technik oder schreckt sie eher ab? ---Zitatende--- Ich warte erst mal ab, ob er heute wieder heil runterkommt ...
Dominik Menakker, 27.04.2005
2. Fahr doch Fahrrad!
Ach, sind wir wieder soweit? Alles neue ist per se Wahnsinn. Was wir nicht kennen macht uns Angst? Die Franzosen sind stolz wie Oskar, wenn ihr Riesenbaby heute abhebt. Die Deutschen prozessieren gegen eine Startbahn. Es ist mal wieder soooooooo typisch. Ach ja, und zur Hauptfrage. Natürlich freue ich mich auf den Vogel. Jeder der viel und gerne fliegt wird das tun.
DJ Doena 27.04.2005
3.
Ich habs in meinem Leben bisher nur in verschiedene Boings geschafft, noch nie in einen Airbus, aber wenn es um den Wettstreit Europa vs. USA geht, dann steh ich natürlich voll und ganz auf dem Boden des "alten Europas". Was ich bedauerlich am neuen 380 finde, ist, dass die Fensterchen wieder verdammt klein zu sein scheinen. Herrje, es muss doch möglich sein, ein Flugzeug zu konstruieren, dass mehr als nur diese Bullaugen zum rausgucken hat...
Peter Jelinski, 27.04.2005
4.
---Zitat von DJ Doena--- Ich habs in meinem Leben bisher nur in verschiedene Boings geschafft, noch nie in einen Airbus, aber wenn es um den Wettstreit Europa vs. USA geht, dann steh ich natürlich voll und ganz auf dem Boden des "alten Europas" ---Zitatende--- Mir geht es genauso. Ich brauche noch den 747 um alle Boeing Modelle zu kennen, und hoffe bald in einem Airbus zu sitzen.
webwiese, 27.04.2005
5.
---Zitat von Dominik Menakker--- Die Franzosen sind stolz wie Oskar, wenn ihr Riesenbaby heute abhebt. Die Deutschen prozessieren gegen eine Startbahn. Es ist mal wieder soooooooo typisch. ---Zitatende--- Kann Ihnen nur 100%ig zustimmen. Wann hören wir endlich auf, ständig das Miese zu suchen? Wir preisen den Technologiestandort und stellen gleichzeitig seine Ergebnisse in Frage! Thema: Einen vor und zwei zurück! Zur Sache: Der A380 ist die konsequente Fortführung der Flugzeugtechnologie. Mit steigendem Flugverkehr werden auch größere und rationalere Flugzeuge gebraucht. Waren es nicht die Saudis, die schon vor dem Jungfernflug nach noch größeren Fliegern gerufen haben? Ich wünsche Airbus viel Erfolg, auch - und gerade - um im Wirtschaftswettkampf mit unseren "Freunden" aus den USA nachwievor wettbewerbsfähig bleiben zu können. Gruß Christian Wiese
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