Führungswechsel bei der Bahn Mehdorn rüffelt Tiefensee

Angriff zum Abschied: Hartmut Mehdorn kritisiert die schlechte Zusammenarbeit mit Verkehrsminister Tiefensee. Der SPD-Mann habe "schon immer mit der Bahn gefremdelt", sagt der scheidende Konzernchef - und sieht sich selbst als Opfer. Es habe eine "Agenda gegeben, mich wegzukriegen".


Berlin - Zum Abschied gibt's noch einmal Saures: Hartmut Mehdorn hat zum Ende seiner Amtszeit Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) kritisiert. "Herr Tiefensee hat von Beginn an mit der Bahn gefremdelt", sagte der scheidende Chef der Deutschen Bahn der "Bild"-Zeitung. "Vielleicht hat er sich geärgert, dass er nicht mein Chef war. Die Bahn ist eben eine Aktiengesellschaft, ich werde vom Aufsichtsrat kontrolliert. Ich bin dem Unternehmen verpflichtet und nicht einer Behörde."

Ex-Bahn-Chef Mehdorn: "Agenda, mich wegzukriegen"
DDP

Ex-Bahn-Chef Mehdorn: "Agenda, mich wegzukriegen"

Auf die Frage, ob der Leipziger Tiefensee mit den Prinzipien der freien Marktwirtschaft gefremdelt habe, sagte Mehdorn: "Bisweilen drängt sich dieser Eindruck schon auf."

Mehdorn wehrte sich erneut gegen Vorwürfe in Zusammenhang mit der Datenaffäre. "Es gab eine Agenda, mich wegzukriegen, und das ist gelungen", sagte er. "Es wurde und wird der Eindruck vermittelt, dass unsere Mitarbeiter systematisch bespitzelt wurden. Das entspricht zwar bis heute nicht den Tatsachen, und das wird aus meiner Sicht auch den Abschlussberichten unabhängiger Ermittler belegen."

Er wolle nicht bestreiten, dass bei der Korruptionsbekämpfung Fehler gemacht worden seien. Daraus müssten für die Zukunft Lehren gezogen werden. "Ich bleibe aber dabei: Es wurde von DB-Mitarbeitern nichts Strafbares getan", sagte Mehdorn. Er habe von den Vorgängen nichts gewusst. "Ich habe ein reines Gewissen."

Mehdorn pochte zudem auf Auszahlung seines Vertrages. "Ich will keine Abfindung. Ich habe einen Vertrag mit der Bahn, und der muss erfüllt werden. Nicht mehr und nicht weniger", sagte er. Berichten zufolge war eine Abfindung in Höhe von 4,9 Millionen Euro im Gespräch. Mit dieser sollen demnach alle Ansprüche aus Mehdorns Vertrag abgegolten werden. Mehdorns Vertrag läuft eigentlich bis Mai 2011. Er hatte darauf gepocht, dass die finanziellen Bestimmungen des Vertrages voll erfüllt werden.

Seine Arbeit bilanzierte Mehdorn in der "Bild"-Zeitung mit den Worten: "Richtig stolz bin ich auf zweierlei: dass in meiner Zeit nicht einem Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt wurde und dass die Bahn als eines der ersten Unternehmen die Löhne in West und Ost angeglichen hat." Als Fazit könne man von einem "Erfolgsmodell Deutsche Bahn" sprechen.

In Rente gehen wolle er nicht. "Das ist bei mir wie bei einem Spitzensportler", sagte Mehdorn. "Der muss erst mal abtrainieren nach der Wettkampfzeit."

Grube soll mit Daimler über Pension streiten

Mehdorns Nachfolger wurde am Samstagmittag gekürt. Der Aufsichtsrat berief den bisherigen Daimler-Manager Rüdiger Grube zum neuen Bahn-Chef, wie der bundeseigene Konzern am Samstag mitteilte. Grube soll seinen Posten am 1. Mai antreten.

Neuer Bahn-Chef Grube: Streit über Bezüge
DPA

Neuer Bahn-Chef Grube: Streit über Bezüge

Laut "Financial Times Deutschland" (FTD) rangelt Grube derzeit noch mit Daimler über die Auszahlung seiner Pension. Demnach habe der Autokonzern, bei dem Grube zuvor gearbeitet hat, im Aufhebungsvertrag festgelegt, dass Grubes Ansprüche vollständig gegen jene bei der Bahn angerechnet werden. Der Manager hat diese Klausel laut Insidern übersehen.

Für Grube soll es um Versorgungszahlungen von mehreren 100.000 Euro jährlich gehen. Die Bahn will Grubes Bezüge laut "FTD" allerdings nicht aufstocken. "Das ist Grubes Problem", hieß es dazu.

Sprecher beider Konzerne wollten sich zu den Vorfällen nicht äußern. Sie verwiesen auf die Zuständigkeit der Aufsichtsräte.

Mehdorn, 66, stand fast zehn Jahre an der Spitze des letzten großen Staatskonzerns. Nach massivem Druck von Politik und Gewerkschaften hatte er Ende März seinen Rücktritt erklärt. Hintergrund waren immer neue Vorwürfe in der Affäre um massenhafte Kontrollen der Daten von bis zu 170.000 Beschäftigten im Namen der Korruptionsbekämpfung.

Grube und Mehdorn sind alte Bekannte. Sie kennen sich aus einer gemeinsamen Zeit beim Flugzeugbauer Airbus in Hamburg - Mehdorn war von 1989 bis 1992 Vorsitzender der Geschäftsführung, Grube leitete sein Büro.

ssu/AFP/ddp



insgesamt 469 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Reziprozität 02.04.2009
1.
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
Man weiss sehr wenig ueber Herrn Grube und kann sich demzufolge der Beurteilung nicht sicher sein. Dies gilt nicht fuer Herrn Sarrazin, der ja auch als Kandidat gehandelt wurde. Dem haette ich es zugetraut.
uwp-berlin 02.04.2009
2.
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
... es können qua Herkunft und Qualifikation sowieso nur die Kameraden der Automobilindustrie oder die Herren der Luftflotte für das sorgen, was die Schiene braucht. Von Danaergeschenk sollte da keiner reden.
Rainer Eichberg 02.04.2009
3.
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
Der ewige Fehler ist doch zu glauben, daß Entscheidungen von einer einsamen Person an der Spitze getroffen werden. Herr Grube hat sich anderswo längst seine Meriten verdient. Jetzt steht er halt der Bahn vor. Na und? Das ist wie dem Bundeskanzler oder dem Bundes-Horst: Die müssen vor die Kamera treten und was rein sprechen. Am Entscheidungsprozess sind sie doch nur marginal vertreten.
chagall1985 02.04.2009
4. Meine Einschätzung von Mehdorn!
Er hat es geschafft die Bahnhöfe vom Schmuddelimage zu befreien (zumindest die grossen). Er hat es geschafft, dafür zu sorgen das man sich gerne in die Bahn setzt. ER hat aus vergammelten IC hochmoderne ICE gemacht. Wo er absolut versagt hat: Es ist keine Leistung mit einem quasi Monopolisten Gewinn zu machen wenn man ständig die Preise über der Inflationsrate erhöht. Es ist absolut verfehlte Politik ICE3 zu kaufen und die auf strecken fahren zu lassen wo sie genauso dahinkriechen wie ein IC. Dabei aber 40% mehr Geld kosten. Ein schicker und moderner Bahnhof ist auch wenig wert wenn die Preise für die Ticktets ständig steigen und die Ausfälle und Verspähtungen auch nicht besser werden. Ein ICE Fahrpreis bei dem man einem Stehplatz im Gang mit 5 Cm Bewegungsfreiheit bekommt ist eine Frechheit. Das Tarifsystem der Bahn ist ebenfalls auf Mehdorn Mist gewachsen und eine absolute Frechheit und Caos pur. Alleine die Trennung der Fahrpreise bei Schalter und Internetbuchung sind keinem zu vermitteln. Nicht das die Preise sich nicht unterscheiden dürfen! Aber das ein Schaltermitarbeiter keinen Zugriff und keine Ahnung von Internetangeboten hat ist ein Witz!! Im Grunde steht die Bahn durch Mehdorn am Abgrund! Begründung: Die Bahn ist ein Zomie ähnlich wie die Lufthansa in den 90'er Jahren. Wenn der erste grosse Konkurrent kommt und wie Ryanair die BRanche durchwirbelt trudelt die Bahn in den Abgrund. Die Menschen wollen schnell, verlässlich und günstig von einem Ort zum anderen kommen. Die Bahn ist durch die mangelnden Hochgeschwindigkeitsstrecken nicht schnell. Die Bahn ist nicht verlässlich. (KOnkurrenten wie die NWB machen es vor) Und günstig ist die Bahn schon gar nicht! Ich komme mit dem Flieger von Bremen nach Finnland für den Preis den die Bahn nach Hamburg verlangt!
Sgt_Pepper, 02.04.2009
5. ?
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
Ob Herr Grube der richtige Mann für die DB ist, sollte man in ca. einem Jahr wissen. Das heute zu beantworten, ist unmöglich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.