Fusion Krankenkassen-Vorstand bekommt 273.000 Euro plus Dienstwagen

Deftige Gehaltserhöhungen, Streit um einen Vorstand - die gefeierte Fusion der Techniker Krankenkasse mit der Internet-Kasse IKK-direkt wird zur teuren Posse. Die neue Krankenversicherung ist die größte Deutschlands, gelohnt hat sich der Zusammenschluss auch für die Manager.


Hamburg - Für hanseatische Bescheidenheit ist die Techniker Krankenkasse (TK) in Hamburg nicht gerade ein leuchtendes Beispiel. Hoch über dem Eingang der Zentrale im Stadtteil Barmbek ließen die Verantwortlichen kürzlich ein gigantisches Transparent aufhängen. "TK - Deutschlands beste Krankenkasse" steht darauf.

TK-Chef Klusen: Dienstwagen, üppige Versorgung, Bonus
Techniker Krankenkasse

TK-Chef Klusen: Dienstwagen, üppige Versorgung, Bonus

Stolzer noch als auf das Ergebnis des Tests einer Zeitschrift, das nun an der gläsernen Fassade gefeiert wird, ist das Unternehmen aber auf eine Zahl: 7,2 Millionen Versicherte zählt die TK seit Jahresbeginn, als sie mit der ehemaligen Internet-Krankenkasse IKK-direkt fusionierte. Damit hat sie alle ihre Konkurrenten abgehängt. Der bisherige Marktführer, die Barmer, kommt auf rund 6,8 Millionen Kunden.

Die neuen Partner würden gut zueinanderpassen, versicherte TK-Chef Norbert Klusen schon im vergangenen Herbst zufrieden, und weil die Kassen-Hochzeit auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gut ins Konzept passt, die die Zahl der Versicherungen ohnehin reduzieren will, waren sich alle Beteiligten schnell einig. Die Fusion, versprach Klusen, verschaffe der Kasse eine "bessere Marktposition", so dass sie günstigere Preise bei Ärzten und Apotheken durchsetzen könne.

Inzwischen freilich zeigt die Vernunftehe unschöne Züge. Intern steht Klusen gleich mehrfach unter Druck. Gut verhandelt hat der Manager nämlich wohl vor allem in eigener Sache. Die Bezüge der Vorstandsspitze sind so erfreulich gestiegen, dass sich nun das Bundesversicherungsamt (BVA), Ulla Schmidts Kassenaufsicht, eingeschaltet hat. Ärger gibt es aber vor allem, weil die TK zwar gerne die gut 800.000 meist jungen und deshalb gesunden Versicherten der Internet-Kasse übernommen, aber deren Chef, Ralf Hermes, anders als im Fusionsvertrag vorgesehen, vor die Türe gesetzt hat. Seit Wochen liefert sich die Kasse mit dem Manager einen bizarren Rechtsstreit um den Posten.

Dabei hat es Klusen eigentlich Hermes zu verdanken, dass sich die Fusion für ihn so richtig gelohnt hat. Der Ex-IKK-direkt-Chef gilt als schillernde Figur im Gesundheitsbusiness. Manche halten ihn für eloquent, Kritiker eher für skrupellos. Der Manager hat schon einige Krankenkassen geführt, manchmal gar mehrere gleichzeitig - wie jemand, der zur gleichen Zeit für Volkswagen, Opel und Daimler arbeitet.

Im vergangenen Jahr leitete Hermes neben der Internet-Kasse auch noch den IKK-Landesverband Nord und die IKK-Nord, eigentlich ein Konkurrenzunternehmen. Sein TK-Gehalt errechneten die Verantwortlichen deshalb gleich aus drei Einkommen. Unter dem Strich kamen 238.000 Euro heraus.

Kritik vom Bundesversicherungsamt

Bei so viel Großzügigkeit sollte auch Klusen nicht darben. Obwohl bereits 61 Jahre alt, erhielt er einen neuen Anstellungsvertrag, der sechs Jahre läuft - falls er nicht zuvor in Ruhestand geht - und ihm 273.000 Euro im Jahr garantiert, zuzüglich Dienstwagen und üppiger Versorgungsregelung. Im vergangenen Jahr musste er noch mit 245.000 Euro auskommen. 50.000 Euro Bonus obendrauf gab es für die Abwicklung der Fusion. Auch Klusens gleichaltriger Stellvertreter Helmuth Doose ist nun dank des Hermes-Effekts mit 252.000 Euro Grundgehalt und Zulagen Krösus unter Deutschlands Kassenmanagern.

Allenfalls 210.000 Euro stünden Klusen zu, hat hingegen das Bundesversicherungsamt errechnet. Die Bezüge orientierten sich nicht "am Maß des Notwendigen", beanstandet das BVA in einem vertraulichen Schreiben. Vergleichsmaßstab für Kassenchefs könne nicht die freie Wirtschaft sein, sondern nur die eigene Branche.

Ihn selbsr dagegen hätten die TK-Verantwortlichen so schnell wie möglich loswerden wollen, vermutet Hermes. Jedenfalls: Kaum hatte er seinen Job im Januar angetreten, landete bei der Versicherung ein Prüfbericht des BVA, der unschöne Details aus dem Innenleben der ehemaligen Internet-Kasse offenbarte. Die Kontrolleure monieren überhöhte Provisionen an Versicherungsmakler und unwirtschaftliche Werbeausgaben. Vor allem aber zeigt das Papier, dass die Internet-Kasse keineswegs so solide gewesen war, wie es den Anschein hatte.

10.000 Euro - Monat für Monat

Mit einem besonders günstigen Beitragssatz war es Hermes zwar gelungen, meist junge, gesunde Kunden zu locken. Doch im Herbst vergangenen Jahres drohte die Pleite. Der Manager freilich wusste sich zu helfen. Im Oktober schrieb Hermes als IKK-direkt-Chef ("Mit freundlichen Grüßen Ralf Hermes") einen Brief an sich selber als Chef des IKK-Landesverbands ("Sehr geehrter Herr Hermes") und bat um "solidarische Finanzhilfe", einen Überbrückungskredit.

Anfang Februar sprachen Hermes und Klusen unter vier Augen über den BVA-Bericht. Über den Inhalt der Unterredung gibt es unterschiedliche Darstellungen. Klar ist nur, Hermes unterschrieb anschließend eine Aufhebungsvereinbarung, die ihm für sechs Jahre 10.000 Euro pro Monat garantierte, ohne jede Arbeit. Als das öffentlich wurde, widerrief er die Regelung. Hermes sagt, Klusen habe ihm mit fristloser Kündigung gedroht, nur deshalb habe er unterschrieben. Klusen bestreitet das und spricht von "übler Nachrede".

Obwohl die meisten Vorwürfe in dem Bericht der TK längst bekannt gewesen sein müssen - schließlich hatte sie im vergangenen Jahr die Bücher des Fusionskandidaten intensiv geprüft -, entband der Verwaltungsrat Hermes von seinem Amt. Wegen eines Formfehlers wiederholte er die Zeremonie im März sogar noch einmal und beschloss auch gleich eine Amtsenthebung, die aber formal noch nicht gültig ist.

Da traf es sich gut, dass die Aufsichtsbehörde jetzt auch bei der Vorstandswahl von Klusen, Hermes und Doose im Januar Regelverstöße gefunden zu haben glaubt. Aus "Gründen der Rechtssicherheit" wiederholte der Verwaltungsrat deshalb am vergangenen Freitag die Wahl von Klusen und Doose. Hermes war zu der Abstimmung nicht eingeladen worden.



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Seite 1
Bulgakow, 10.04.2009
1.
Zitat von sysopDie Vorstände deutscher Krankenkassen bekommen zum Teil üppige Gehälter, plus Dienstwagen und Bonus. Ist das gerechtfertigt? Oder sollte das Geld anderweitig eingesetzt werden?
Nehmen wir eine Krankenkasse mit einer Million Mitgliedern und vergleichen wir: Wie viel verdient der Vorstand einer Firma mit 1 Million Kunden? Und wie viel verdient der Vorstand einer entsprechenden Krankenkasse? Ich finde, diese Art der Debatte wird übertrieben. Die meisten Kassenvorstände verdienen nicht viel mehr als mancher Facharzt. Kassenvorstände gibt es nur wenige, Ärzte aber sehr viele. Wer sparen will, der sollte nicht bei Postionen anfangen die weniger als 1% der Gesamtausgaben ausmachen. Damit löst man keine Probleme.
camba 10.04.2009
2. Krankenkassen-Manager?
Eher Verwaltungsangestellte, dann sie haben ja keinen Gestaltungsspielraum. Sie müssen das umsetzen, was ihnen vom Bundesgesundheitsministerium vorgegeben wird. Daher ist das Gehalt übermäßig überzogen. Reine Abzockerei.
Marlett5 10.04.2009
3.
Zitat von sysopDie Vorstände deutscher Krankenkassen bekommen zum Teil üppige Gehälter, plus Dienstwagen und Bonus. Ist das gerechtfertigt? Oder sollte das Geld anderweitig eingesetzt werden?
Oh Mann. Lassen wir jetzt die Foristen auf die Kassenchefs los? Mal sehen, ob nun Beiträge wie zum Thema "Verdienen Ärzte genug?" kommen ;)
Hilfskraft 10.04.2009
4. Dienstwagen und Bonus.
Zitat von sysopDie Vorstände deutscher Krankenkassen bekommen zum Teil üppige Gehälter, plus Dienstwagen und Bonus. Ist das gerechtfertigt? Oder sollte das Geld anderweitig eingesetzt werden?
Deswegen brauchen wir doch so viele Krankenkassen! Damit es möglichst viele Vorstände gibt. Ministerin Schmidt faselt von Konkurenz. Entweder weiß sie nicht, was sie da von sich gibt oder sie unterstützt diese Abzocke der Versicherten. Es ist alles nur noch zum Kotzen. Die nächste Wahl läuft ohne mich. Demokratie adieu! H.
MasterMurks 10.04.2009
5. Wurst!
Mir ist es völlig egal, was Vorstände, Manager und sonstige Großverdiener im Monat nach Hause schleppen, so lange das Unternehmen läuft. Oder um es mit Vince Ebert zu sagen: Was soll die ganze Neiddebatte? Wenn ein 25-jähriger Einkommensmillionär seine Mannschaft in die Championsleague bolzt, dann ist er ein Held und wird als solcher gefeiert. Wenn ein 60-jähriger Einkommensmillionär seine Firma an die Weltspitze führt, dann ist er ein gieriger Egomane, dessen Gehalt sofort beschnitten gehört! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass JEMALS eine Debatte über die Gehälter von Spitzensportlern mit derartiger Innbrunst geführt wurde, wie dieser Tage alle Welt auf Manager und Vorstände eindrischt, obwohl diese mehr können (sollten) als sich mit 21 anderen um einen Ball zu kloppen oder stundenlang im Kreis zu brettern!
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