Fusionsverlierer Deutsche Börse "Der Kuchen ist verteilt"

Die New York Stock Exchange schafft durch die Fusion mit Euronext den weltweit größten Handelsplatz - und sticht im globalen Börsenpoker die Deutsche Börse aus. Die Frankfurter stehen nun als Verlierer da und müssen bald einen Partner finden.

Von Tim Höfinghoff


Hamburg - Die Grundlage für den Erfolg hat John Thain schon vor einigen Monaten gelegt: Erst hatte der Chef der New York Stock Exchange (NYSE) die US-Handelsplattform Archipelago übernommen und die 214 Jahre alte NYSE selbst an die Börse gebracht. Danach versuchte Thain, seinen Einfluss auch in Europa auszubauen. Durch den Zusammenschluss mit der Vierländerbörse Euronext schafft er den nun ersten transatlantischen Börsenbetreiber. Die Leitbörse von der Wall Street verbündet sich mit einem Anbieter, der nicht nur in Paris, sondern auch in Amsterdam, Brüssel, Lissabon und London aktiv ist.

Deutsche Börse: "Wachstumsoptionen erstmal abgeschnitten".
DPA

Deutsche Börse: "Wachstumsoptionen erstmal abgeschnitten".

Zwar heißt es, der Zehn-Milliarden-Dollar-Deal mit Euronext sei eine "Fusion unter Gleichen". Doch nach Einschätzung von Branchenkennern wird Euronext gegenüber der mächtigen NYSE an Einfluss verlieren. "Die NYSE wird sich durchsetzen", sagt ein Händler. Zumal Thain neuer Chef der Megabörse wird und die Unternehmenszentrale an der Wall Street bleibt.

Damit steht die Deutsche Börse Chart zeigen als großer Verlierer im globalen Börsenpoker da. Auch die Frankfurter hatten versucht, mit Euronext ins Geschäft zu kommen. Mit ihrer Elf-Milliarden-Dollar-Offerte boten sie sogar noch mehr als die New Yorker. Doch die Franzosen einigten sich lieber mit dem Branchenprimus aus Amerika.

Für die Deutsche Börse brechen nun schwierige Zeiten an: "Der Kuchen ist verteilt", sagt ein Händler. Mit dem Deal von NYSE und Euronext "fällt ein schönes Stück weg, das auch die Deutsche Börse gerne haben wollte". Auch Konrad Becker, Analyst bei der Privatbank Merck Finck, sagt, "dass die Wachstumsoptionen der Deutsche Börse erstmal abgeschnitten sind".

Mit der transatlantischen Fusion erreicht der Konsolidierungstrend in der Branche einen Höhepunkt. Erst im März hatte die US-Technologiebörse Nasdaq versucht, die London Stock Exchange (LSE) zu übernehmen. Nachdem die Briten ablehnten, sicherte sich die Nasdaq immerhin einen Anteil in Höhe von 25 Prozent an der LSE. Dies setzte den Nasdaq-Rivalen NYSE unter Handlungsdruck, die Marktführerschaft zu sichern.

Mächtige Börse

Die neue Megabörse wird eine mächtige Plattform schaffen: Anleger auf beiden Seiten des Atlantiks können zwölf Stunden lang Aktien, Optionen, Futures-Kontrakte und Anleihen handeln. Die NYSE Euronext soll ein Handelsvolumen von 21 Billionen Euro haben. Durch die Allianz versprechen die Börsen sich vor allem Kosteneinsparungen.

Gerade die großen institutionellen Anleger drängen darauf, den Handel effizienter, schneller und günstiger abzuwickeln. Im weltweiten Börsenpoker zählt so immer mehr Größe: Kleinere Handelsplätze, die nicht das nötige Volumen bieten, geraten ins Hintertreffen und werden selbst zu Übernahmekandidaten.

Der Deutschen Börse gehen langsam die Übernahmeziele aus. Der Versuch, selbst bei der LSE einzusteigen, hatte den ehemaligen Börsenchef Werner Seifert den Job gekostet. Sein Nachfolger Reto Francioni wird nicht riskieren, einen erneuten Anlauf zu unternehmen.

In der Branche heißt es, dass sich die Deutsche Börse zu lange auf Euronext konzentriert habe und den Franzosen noch Zugeständnisse machte, als sie längst einen Deal mit NYSE-Chef Thain einfädelten. "Thain ist ein erfolgreicher Übernahmemanager", lobt Analyst Becker. "Er hat seine Chancen genutzt." Nach Ansicht von Analyst Becker wird sich die Deutsche Börse nun eher in den USA nach Alternativen umsehen müssen. So könnten sich die Frankfurter mit der Terminbörse Chicago Mercantile Exchange verbünden.

Schaden für Europa

Regulierungsbehörden sowie Aktionäre von NYSE und Euronext müssen der Fusion noch zustimmen. Theoretisch wäre noch eine Übernahmeschlacht um Euronext möglich. So will sich die Deutsche Börse noch nicht geschlagen geben und "weiter auf einen Zusammenschluss hinarbeiten". Doch niemand rechnet damit, dass sie noch zum Zuge kommt - zumal Euronext-Chef Jean-Francois Theodore die Fusionsgespräche mit den Deutschen für beendet erklärt hat.

Das Vorpreschen von NYSE und Euronext hat nach Meinung von Experten auch den europäischen Börsen insgesamt geschadet. Die Europäer hätten die Chance vertan, einen eigenen mächtigen Börsenplatz zu schaffen: "Die europäischen Börsen sind der große Verlierer", so ein Händler. "Es wäre bombastisch gewesen, eine eigene große Börse in Europa zu schaffen."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.