Türkische Liga Elf Stürmer sollt ihr sein

Türkische Top-Vereine halten wenig von Sparpolitik und vom "Financial Fair Play" der Uefa. Sie kaufen Fußballstars auf Pump - und hoffen nicht zuletzt, dass das den Aktienwert hochtreibt.

DPA

Von "zenith"-Autoren Charlotte Joppien und Onur Keskin


Wer dachte, dass sich der türkische Fußball nach dem Skandal um verschobene Spiele im Jahr 2011 und einer wahrhaftigen Prozesslawine erst einmal durch Bescheidenheit das Vertrauen von Fans und Investoren zurückverdienen würde, sah sich im spätestens zu Jahresanfang 2013 getäuscht.

Galatasaray aus Istanbul verkündete im Januar die Verpflichtung des niederländischen Nationalspielers Wesley Sneijder: 7,5 Millionen Euro überweist der türkische Rekordmeister dafür an Inter Mailand, für den Rest der Saison 2012/13 erhielt der 28-jährige WM-Finalist ein Salär von 2 Millionen Euro, in den kommenden drei Jahren je 3,2 Millionen Euro sowie 25.000 Euro Auflaufprämie. Mit knapp 4 Millionen Euro Handgeld bei Vertragsunterzeichnung wurde dem Edelreservisten, der sein letztes Spiel am 25. September 2012 absolviert hatte, der Wechsel von Mailand nach Istanbul garniert. Sein bisheriger Arbeitgeber hatte ihn erst wieder aufstellen wollen, wenn er einer Gehaltskürzung von ursprünglich 6 Millionen Euro auf weniger als die Hälfte zustimmen würde. Inter Mailand, ebenso wie andere Clubs in Europa, versucht nach Einführung der "Financial Fair Play"-Vorgaben der UEFA im Jahr 2009 allzu teure Spieler abzustoßen und die Finanzen zu ordnen.

Ganz anders die Lage in der Türkei: Während Istanbul der Finanzkrise in Europa mit unverminderter Bautätigkeit trotzt, über einen zweiten Bosporuskanal nachdenkt und den neuen Flughafen am Schwarzen Meer zum größten seiner Art weltweit vorantreibt, gehen die türkischen Clubs auf Einkaufstour. Mit dem jüngsten Coup versucht Galatasaray, sich als Nummer eins gegen die Konkurrenten Fenerbahce und Besiktas durchzusetzen und auch auf europäischer Ebene ganz oben anzugreifen.

Die öffentliche Hand half Galatasaray

Neben der Einkaufstour auf dem europäischen Spielermarkt gönnt sich der Club dafür auch eine neue Heimstätte - dank dezenter staatlicher Bezuschussung. Das Grundstück des bisherigen Ali-Sami-Yen-Stadions im zentralen Stadtteil Mecidiyeköy gehört der Republik - durch den Bauboom der vergangenen Jahre ist sein Wert stark gestiegen. 2010 wurde es für 1,25 Milliarden Türkische Lira, umgerechnet etwa 500 Millionen Euro, an eine türkische Holding verkauft. Galatasaray bekam dafür von der Regierung ein einzugsfertiges Stadium in einem Außenbezirk Istanbuls serviert - die staatlich bezuschusste Wohnungsbaugesellschaft TOKI stemmte den Neubau nach Plänen des Stuttgarter Architekturbüros asp. Für etwa 7,5 Millionen Euro jährlich sicherte sich der größte Kommunikationsdienstleister des Landes die Namensrechte für die "Türk Telekom Arena" mit 52.000 Sitzplätzen. Die Fluglinie Pegasus und der Snackhersteller Ülker zahlten 4 beziehungsweise 2 Millionen Euro für ihre Firmennamen in Nord- und Osttribüne.

Ein gutes Geschäft, das Neider auf den Plan ruft: Konkurrent Fenerbahce etwa erinnert daran, Umbau und Erneuerung seines Stadions aus eigener Tasche gezahlt zu haben. Das Inonu-Stadium von Besiktas, zentral zwischen der Einkaufs- und Amüsiermeile "Istiklal Caddesi" und dem historischen Dolmabahce-Palast gelegen, befindet sich in baufälligem Zustand. Für Renovierungen, so der Sprecher des hoch verschuldeten Vereins im Gespräch mit "zenith", fehle bislang das Geld. Galatasarays neue Spielstätte, so Kritiker, verschaffe dem Verein daher einen Wettbewerbsvorteil und mache teure Ankäufe wie Wesley Sneijder überhaupt erst möglich.

Mit Gerüchten über den angeblichen Wechsel von Superstars wie Robinho oder Cristiano Ronaldo, das wissen Blattmacher, lassen sich in einem fußballverrückten Land wie der Türkei die Auflagen nach oben treiben. Tatsachlich kam am Ende dann meist die preiswertere Version der Ballkünstler heraus.

Bisher. Tut es die Türkei nun den chinesischen und arabischen Vereinen gleich, bei denen Altstars nach dem Zenit der Karriere noch eine lukrative Extrarunde drehen? So verdiente der Argentinier Gabriel Batistuta bei Al-Arabi in Katar 8 Millionen Euro; der Franzose Nicolas Anelka brachte es bei Shanghai Shenhua sogar auf 10 Millionen Euro pro Jahr.

Die Vereine zahlen sogar die Einkommensteuer für die Spieler

Selbst in den eigenen Reihen fragen sich viele, wie viel Prominenz in sportlicher Hinsicht überhaupt nötig ist: Schließlich, so heißt es in der Clubszene, habe Galatasaray mit Burak Yilmaz den Torschützenkönig des letzten Jahres und einen Stürmer europäischen Formats unter Vertrags.

Den Platz an der Sonne muss sich Yilmaz nun mit einem 35-jährigen Neuzugang von Shanghai Shenhua teilen: Kurz nach Sneijder unterschrieb der ivorische Star Didier Drogba bei Galatasaray - ausgestattet mit einem Grundgehalt von 2 Millionen für die restliche Saison 2012/2013; 4 Millionen gibt es für die kommende Spielzeit, 15.000 Euro Auflauf- und 4 Millionen Unterzeichnungsprämie.

Neben dem stattlichen Gehalt und den euphorischen Fans winken noch zahlreiche Extras; so werden die Kosten für Boliden und Benzin, Haus und Hauspersonal, Übersetzer und die Privatschulgebühren der Kinder der Stars übernommen. Die Vereine werben zudem mit dem Image der Metropole Istanbul; von der überproportionalen Dichte an Kultur, Unterhaltung und Nachtleben profitieren auch die Spieler.

So schön, so gut, nur: Wie lässt sich das alles finanzieren? Denn neben dem Gehalt und diversen Handgeldern übernehmen die türkischen Vereine auch gleich die Einkommensteuer ihrer Spieler, um den Wechsel in die Türkei attraktiver zu gestalten. Anders als die arabischen oder russischen Clubs sitzen die Träger türkischer Vereine nicht auf großen Öl- oder Erdgasvorkommen. Auch wenn der Wohlstand in der Türkei wächst: Milliardäre, die sich in ihrer Freizeit ihren eigenen Verein zusammenstellen, gibt es dort bislang nicht. GalatasarayP-räsident Unal Aysal versicherte denn auch pflichtschuldig: "Wesley Sneijder und Didier Drogba liegen in unserem Budget." So richtig abnehmen mochte man ihm das nicht, steht der Verein doch mit 273 Millionen Euro in der Kreide. Die Gesamtverschuldung der vier größten Vereine Fenerbahce, Besiktas, Galatasaray und Trabzonspor liegt zusammen bei unglaublichen 723 Millionen Euro. Damit sind ihre Schulden um ein Fünffaches höher als ihre Einnahmen.

Wie der öffentliche befeuerte Bauboom fußt auch die Einkaufswut der Vereine nicht unbedingt auf bodenständiger Haushaltsplanung, sondern in erster Linie auf einer Vision. Man stellt sich nicht den Tatsachen, sondern schafft einfach selbst welche. Den Istanbuler Traditionsverein Besiktas hat dieses Geschäftskonzept sogar an den Rand des Bankrotts gebracht. Unlängst bat die Vereinsführung ihre Mitglieder, doch bitte die offiziell lizenzierten Trikots - und keine gefälschte Ware von Straßenhändlern - zu kaufen. Man sei für das finanzielle Überleben dringend auf die Einnahmen angewiesen.

Einen Club zu ruinieren, ist kein Karrierehindernis

In der Saison 2010/11 hatte Besiktas den Spanier Guti Hernandez für ein Jahresgehalt von 3,5 Millionen Euro von Real Madrid losgeeist. In derselben Spielzeit wurde zudem der Portugiese Ricardo Quaresma nach Istanbul geholt. "Q7", so der Spitzname des Starstürmers, bekam 3,7 Millionen Euro pro Jahr zugesichert, sein alter Verein Inter Mailand erhielt 7,5 Millionen Euro Ablöse. Guti Hernandez wurde bereits nach einer Saison wegen angeblicher Leistungsverweigerung und Alkoholmissbrauchs gefeuert. In der Saison 2012/13 schließlich nahmen die finanziellen Probleme des Vereins ein solches Ausmaß an, dass alle Spieler Gehaltskürzungen hinnehmen mussten. Einige blieben, einige gingen, so wie Quaresma, der für ein Gehalt von 5 Millionen Euro zu Al-Ahli in die Vereinigten Arabischen Emirate wechselte.

Zu verantworten hat die riskanten Einkäufe der ehemalige Vereinspräsident Yildirim Demirören, der inzwischen zum Präsidenten des Türkischen Fußballverbands aufgestiegen ist. Einen Club in den Ruin zu wirtschaften, scheint kein Karrierehindernis zu sein. Und Besiktas steht mit dieser Mentalität nicht alleine dar.

Auch Fenerbahce, oft als das türkische Pendant zu Bayern München beschrieben, wirft mit Geld um sich. Der 32-jährige Niederländer Dirk Kuyt wurde 2012 mit einem Gehalt von 2,8 Millionen Euro und 17.500 Euro Auflaufprämie ausgestattet. Bereits in der Saison 2008/09 hatte Fenerbahce den damaligen Torschützenkönig der Primera Division, Daniel Guiza, für 17,4 Millionen Euro von Real Mallorca verpflichtet. Dem Spanier wurden 15 Millionen Euro für die kommenden vier Spielzeiten versprochen. Zwei Jahre später gab Fenerbahce Stürmer Guiza an den spanischen Verein FC Getafe ab - ablösefrei. Und auch den Vertrag mit dem brasilianischen Altstar Roberto Carlos über ursprünglich 5 Millionen Euro für drei Spielzeiten beendete Fenerbahce frühzeitig.

Angesichts solcher Haushalts- und Schuldenpolitik fragen sich manche, ob Istanbuls Fußballclubs am Ende darauf spekulieren, dass die Inflation bald wiederkehrt. Manche Ökonomen warnen bereits davor, dass diese Geißel, die man längst bezwungen glaubte, die türkische Wirtschaft demnächst heimsuchen könnte.

Aber hinter der Transferhysterie scheint noch etwas mehr als Geltungssucht zu stecken - ein Aktionismus des Managements, das zeigen will, dass es noch handeln kann. Viele der großen Vereine sind an der Börse notiert. Der Marktwert von Fenerbahce liegt bei etwa 427 Millionen Euro, jener von Galatasaray bei 239 Millionen Euro und Besiktas wird auf 91 Millionen Euro taxiert. Läuft es sportlich mal nicht rund, wirkt sich das umgehend auf den Aktienwert aus - und die Anleger verlangen Entscheidungen.

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe des Magazins "zenith"



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
experiencedsailor 14.07.2013
1. Ach, noch einmal jung sein,
ein bißchen kicken können und sich von einem türkischen Verein ein paar Millionen dafür bezahlen lasse. Vielleicht buchen die aber auch Jupp Heynckes, der mit seinen 68 Jahren unseren türkischen Freunden noch einmal das Trainerhandwerk erklärt. Dann könnte allerdings ein Wunder herauskommen - siehe GR Europameister unter Rehakles. Wir drücken die Daumen.
can_k 14.07.2013
2. Du
meinst wohl, so wie wir Galatasaray den Schalkies Fußball beigebracht haben.
rbn 14.07.2013
3. ist dies schon ein Beispiel
wie es in der EU weitergehen wird? Schöne Aussichten für die Einführung des Euros in Kleinasien
Mehmet Levent 14.07.2013
4.
Ich vergas, dass Italien, Spanien, Portugal, Griechenland in Kleinasien liegen.
sanhe 14.07.2013
5. Symptomatisch für derzeitige Wachstumskultur in der Türkei
Schön, dass endlich auch mal ansatzweise die Hintergründe des angeblich soliden türkischen Wirtschaftswachstums thematisiert werden, die da wären: Hemmungslose Verschuldung bei kreditinduziertem Wachstum. Man google hier exemplarisch einmal nach der exorbitanten Zunahme der Privatverschuldung und betrachte die Zusammensetzung der Finanzierung von Großprojekten. Es dürfte klar sein, dass dies -spät. bei Abzug von größeren Mengen an Fremdkapital- irgendwann im Zusammenbruch enden wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.