Von Anne Seith und Philipp Wittrock
Berlin - 5000 Sicherheitskräfte marschieren auf. Das Zentrum der Stadt wird mit einem sechs Kilometer langen Stahlzaun abgeriegelt. Banken und Unternehmen lagern ihre Geschäfte schon mal vorsichtshalber aus - und Attraktionen wie der 553 Meter hohe CN-Tower, Torontos Wahrzeichen, werden gesperrt.
An diesem Wochenende wird die kanadische Metropole einer Festung gleichen. Zwei Mega-Gipfel finden hier und in Huntsville vor den Toren der Stadt statt, die acht und die 20 größten Volkswirtschaften treffen sich - kurz G8 und G20 genannt. Eine Doppelkonferenz, die 870 Millionen Euro kostet. Und bei der schon vorher die Frage aufgeworfen wird, ob sich der Aufwand wirklich lohnt.
"Ich glaube, dass diese Treffen wichtig sind", sagt Angela Merkel. "Das persönliche Gespräch ist nicht durch Videokonferenzen und Telefonate zu ersetzen." Dass am Ende das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt, will die Kanzlerin allerdings auch nicht versprechen. Lieber dämpft sie am Donnerstag wenige Stunden vor der Abreise nach Nordamerika die Erwartungen.
"Licht und Schatten" werde es bei den Beratungen über schärfere Regeln für die Finanzmärkte geben, sagt Merkel der ARD und lenkt schon mal den Blick auf das nächste Treffen - im November im südkoreanischen Seoul könne man eher mit konkreten Beschlüssen rechnen, sagt sie.
Tatsächlich deutet gerade wenig darauf hin, dass in Toronto Geschichte geschrieben wird. In offenen Briefen haben einige Staats- und Regierungschefs vor dem Gipfel ihre Positionen zu den anstehenden Streitfragen fixiert, sich dann am Telefon zugesichert, jegliche Differenzen seien halb so schlimm, nur um anschließend schriftlich wieder die Fronten zu verhärten.
Vage Formelkompromisse in der Abschlusserklärung
Sparen oder Schulden machen? Die Banken wegen der Finanzkrise zur Kasse bitten oder nicht? Finanztransaktionen besteuern - ja oder nein? Auf diese weltweit schon lange diskutierten Fragen wird wohl auch der Gipfel von Toronto klare Antworten schuldig bleiben. Schon jetzt zeichnet sich eine Abschlusserklärung voller Formelkompromisse ab, mit der jeder Staats- und Regierungschef sein Gesicht wahren kann.
Nachrichtenagenturen zitieren aus einem Textentwurf, der den Spagat zwischen den Wachstumsforderungen der USA und den Sparprioritäten in Europa versucht. "Die haushaltspolitischen Herausforderungen in vielen Ländern sorgen für Volatilität an den Märkten, könnten die Erholung ernsthaft gefährden und die Aussichten für das langfristige Wachstum schwächen", steht dann da.
Genauso vage die Sätze zur umstrittenen Bankenabgabe und Transaktionssteuer: "Weitere Maßnahmen sind noch immer nötig, um die zugrundeliegenden Ursachen der globalen Finanzkrise anzupacken und eine verantwortlichere und transparentere Bankenbranche zu fördern."
Über die Formulierungen müssen die kanadischen Gastgeber mit Merkel, Barack Obama, Dmitrij Medwedew und Co. am Wochenende verhandeln.
SPIEGEL ONLINE zeigt, wer mit welchen Positionen in die Beratungen geht:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Staatsverschuldung | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH