G-20-Treffen in Toronto Gipfel der Verschwendung

Ein künstlicher See, Vogelzwitschern vom Band, Vorkoster für die Bankette: Um sein Image zu polieren, lässt sich Kanada den G-20-Gipfel in Toronto mehr als eine Milliarde Dollar kosten. Auf die Staatenlenker wartet ein wahres Schlaraffenland - in dem sie über die Wirtschaftskrise debattieren sollen.

Von , New York

ddp/ Ontario Tourism

Die Region Muskoka ist sich ihres Charmes bewusst. "Wir werden Sie bei Ihrem ersten Besuch in Bann schlagen", verspricht das Fremdenverkehrsamt des Erholungsgebiets im Nordosten Kanadas.

Mit diesem ehrgeizigen Motto hofft das Trapper-Paradies bald auch die G-8-Staatschefs zu verführen, die Ende Juni in diesem Waldidyll tagen werden, zweieinhalb Autostunden nördlich von Toronto. Der Lake Muskoka mit seinen alten Indianer-Jagdgründen wird sich dazu ebenso herausputzen wie das luxuriöse Deerhurst Resort, in dem die Delegationen der acht Teilnehmerstaaten sich versammeln - USA, Kanada, Russland, Japan, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien.

Schon jetzt ist das Hotelareal von einem vier Millionen Dollar teuren Sicherheitszaun umgeben. Dahinter befindet sich eine Hockeybahn, ein Swimmingpool und ein Golfplatz, falls US-Präsident Barack Obama und seine Kollegen Freizeitausgleich brauchen.

Die Frage ist nur: Lohnt sich all der Aufwand? Denn die Regierungschefs werden nur ein paar Stunden in Muskoka weilen, bevor sie weiterhasten nach Toronto, zum anschließenden, wesentlich bedeutsameren G-20-Gipfeltreffen. Auch von den mehr als 3000 Journalisten, die für den kanadischen Doppel-Gipfel akkreditiert sind, darf nur ein handverlesenes 200er-Trüppchen in Muskoka dabei sein. Der Rest muss in Toronto auf Videoschirme starren, 225 Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt.

Naturgetreue Nachbildung der Wildnis

Damit aber den Medien das "Erlebnis Muskoka" - dunkle Seen, rauschende Kiefern, historische Dörfer - nicht völlig verwehrt bleibt, hat sich Kanada etwas ganz Besonderes ausgedacht: Es bildet die Wildnis in Toronto originalgetreu nach, inklusive Wäldern und schimmerndem See - in einer Halle des Direct Energy Centers, des G-20-Konferenzkomplexes.

Fast zwei Millionen Dollar lässt sich Kanadas konservative Regierung diese 2000 Quadratmeter große Natur-Installation kosten, eine Provinz-Attrappe inmitten einer Millionen-Metropole. Herzstück des Medienzentrums soll der künstliche See sein - nur wenige Schritte vom echten Lake Ontario entfernt.

Der Ersatzsee hat einen richtigen kleinen Pier sowie ringsum die bekannten "Muskoka Chairs" - bequeme Ruhestühle, um den Reportern die harte Gipfel-Berichterstattung zu erleichtern. Ein Panoramaausblick auf eine naturgetreue Landschaftskulisse, projiziert auf eine digitale IMAX-Leinwand, und ein Soundtrack singender Vögel vervollständigen die Urlaubsstimmung.

Gefühltes Motto: Rezession als Spaßerlebnis

Das Wellness-Gefühl steht in scharfem Kontrast zu den ernsten Themen des G-20-Gipfels am 26. und 27. Juni: Finanzmarktreform, Konjunkturprogramme, Welthandel. Reales Motto: Harte Zeiten, harte Maßnahmen. Gefühltes Motto: Rezession als Spaßerlebnis.

Die Kosten des "Kanada-Pavillons" sind freilich nur ein Bruchteil des Gesamtaufwands für den kostspieligen Doppel-Gipfel - weshalb der "Toronto Star" über den "vergoldeten Gipfel" höhnt. Mehr als 1,1 Milliarden Dollar investiert Kanadas Regierung, um die Kurzveranstaltung über die Bühne zu bringen - das Zehnfache dessen, was das amerikanische Pittsburgh für das vorherige G-20-Treffen im September 2009 ausgegeben hat.

Da ließ Kritik natürlich nicht lange auf sich warten. "Die Verschwendung von Steuergeldern für 18 Sitzungsstunden ist enorm", empörte sich der linksliberale Oppositionsabgeordnete Rodger Cuzner. Das Kunstsee-Diorama sei dabei nur die Krönung staatlicher Prasserei.

In der Tat verschlingt der "fake lake" allein mehr als 208.000 Dollar. Hinzu kommen eine Meeting-Cafeteria (218.000 Dollar), 4-D-Installationen (292.000 Dollar), die "audio-visuelle Projektion" (147.000 Dollar), Lohnkosten (398.000 Dollar) und das Honorar für die Designfirma (407.000 Dollar).

"Wir haben die Pflicht, eine adäquate Kulisse zu bieten"

"Es werden Tausende Besucher aus der ganzen Welt kommen", verteidigte Ministerpräsident Stephen Harper die Selbstinszenierung vor dem kanadischen Unterhaus. "Dies ist ein klassischer Versuch unsererseits, das Land zu vermarkten." Außerdem sei das Ganze gar kein See, sondern nur ein "Wasser-Element".

Als Gastgeber habe Kanada die "Pflicht", den Medien "eine adäquate Kulisse zu bieten", ergänzte Außenminister Peter Kent. Der echte See vor der Tür reicht dafür offenbar nicht aus.

Doch die Skeptiker verstummen nicht. So fordert die Protestgruppe Council of Canadians, den Gipfel komplett abzusagen, zumindest aber den Kunstsee nach dem Regierungschef "Harper's Folly" (Harpers Unsinn) zu taufen. Liedermacherin Jennifer Smith veralbert die Organisatoren bereits mit einem YouTube-Video, das den Folk-Hit "If I Had a Million Dollars" umdichtet: "If I had a billion dollars / I'd build you a lake."

Peinlichkeiten bleiben der Regierung nicht erspart

Der Löwenanteil der Gipfelausgaben entfällt jedoch auf Sicherheitsmaßnahmen: 933 Millionen Dollar. Allein für 2,8 Millionen Dollar sollen die mobilen Telefonnetze elektronisch gestört und das gesamte Konferenzzentrum so zum Funkloch gemacht werden. Auch hat die Regierung Einsatzpläne für chemische, biologische, sogar nukleare Notfälle erarbeitet. Und natürlich werden die Speisen der Staatschefs vorgekostet. Kosten: 1,2 Millionen Dollar.

Doch auch bei den Sicherheitsplänen bleiben der Regierung keine Peinlichkeiten erspart. So stellte sich heraus, dass die Security-Firma aus Vancouver, die die 1100 privaten Wachleute für den Gipfel zur Verfügung stellt, in Ontario nicht lizenziert ist.

Weitere 160 Millionen Dollar fließen in Gastronomie, Infrastruktur und Personal. Die Journalisten bekommen Blackberrys geschenkt. Der nationale Lifestyle-Konzern Roots staffiert die Delegierten mit teuren Spezial-Ledertaschen aus. Das Gipfel-Ambiente wird von mehreren "Hofkünstlern" aufgehübscht.

Ein skurriler Kostenblock sind auch die Fototapeten für die Rednerbühne. Hauptmotiv: Torontos Skyline und das Staatssymbol Kanadas, das rote Ahornblatt. Das schlichte Kunstwerk kostet satte 1,1 Millionen Dollar.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
frubi 18.06.2010
1. .
Zitat von sysopEin künstlicher See, Vogelzwitschern vom Band, Vorkoster für die Bankette: Um sein Image zu polieren, lässt sich Kanada den G20-Gipfel in Toronto mehr als eine Milliarde Dollar kosten. Auf die Staatenlenker wartet ein wahres Schlaraffenland - in dem sie über die Wirtschaftskrise debattieren sollen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,700720,00.html
Selten wird so viel Geld für einen Haufen Schauspieler ausgegeben.
Arthi, 18.06.2010
2. .
Zitat von sysopEin künstlicher See, Vogelzwitschern vom Band, Vorkoster für die Bankette: Um sein Image zu polieren, lässt sich Kanada den G20-Gipfel in Toronto mehr als eine Milliarde Dollar kosten. Auf die Staatenlenker wartet ein wahres Schlaraffenland - in dem sie über die Wirtschaftskrise debattieren sollen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,700720,00.html
Staatenlenker? Soll ja wohl ein Witz sein, dann dürfte die Marionette Merkel wohl nicht dabei sein. Natürlich wollen die Könige und Kaiser weiter schlemmen wärend sie über die Sparmassnahen zum Wohl des Volkes beraten.
Pinarello, 18.06.2010
3. Wenn schon dann bitte schlechte Schauspieler!
Zitat von frubiSelten wird so viel Geld für einen Haufen Schauspieler ausgegeben.
Also bitte, wenn schon das für einen Haufen schlechter Schauspieler! Soviel Präzision muß schon sein, wird doch diesen hochbezahlten Wichtigtuern seit gut 2 Jahren mehr als deutlich angezeigt, wer auf dieser Welt das Sagen hat und wer Nicht! Die Nichts zu sagen haben treffen sich jetzt in Toronto, wahrscheinlich um gegenseitig Händchen zu halten und mal gründlich auszuweinen!
Meckerliese 18.06.2010
4. das allerletzte
Sowas ist doch wohl das allerletzte. Muss man so viel Geld wegen ein paar Deppen zum Fenster rauswerfen? Was könnte man mit einer Milliarde alles Gutes tun. So blöd ist die Menschheit inzwischen. Ich fass es nicht. Hoffentlich bleiben denen die Bissen im Halse stecken.
mopsfidel 18.06.2010
5. Wie zu Kaiser Nero's Zeiten
Ich bekomme einen immer größeren Koller auf dieses verschwenderische Regierungsvolk. Oben wird in Champagner gebadet, während unten der Pöbel sich sein Essen nach Hartz-IV-Kochbüchern zusammenstreicht. Kaiser Nero wurde auch nachgesagt, dass er den Brand selbst gelegt hat, um den Palast danach neu errichten zu können. Kostete ihn persönlich ja nichts. Und was früher die Christenverfolgung war, ist heute die Hetze gegen "Raubkopierer" und den kleinen Schwarzarbeiter. Die Presse kuscht größtenteils, weil sie es medienpolitisch muss oder keinen Mumm (mehr) hat. Und Nero war zu seiner Zeit ebenso "betriebsblind" wie die heutigen Volksvertreter. Gut ist nur, was dem eigenen Umfeld gut tut. Den Pöbel kann man notfalls auch mit Waffengewalt zurück drängen. Nero hat sich zum Schluss ja selbst das Leben genommen. Das waren noch Zeiten.
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