G-8-Gipfel in Kanada: Obamas Schuldenstrategie verärgert Europa

Aus Toronto berichten und

Zum Auftakt des Doppelgipfels von Kanada bemühen sich die Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Industrienationen um Geschlossenheit. Doch die Idylle trügt - Amerika und Europa streiten über den richtigen Weg aus der Krise. Angela Merkels Idee einer Bankenabgabe ist schon jetzt kein Thema mehr.

US-Präsident Obama beim G-8-Gipfel: Es knirscht zwischen den USA und Deutschland Zur Großansicht
Reuters

US-Präsident Obama beim G-8-Gipfel: Es knirscht zwischen den USA und Deutschland

Das Deerhurst Resort in Huntsville schmiegt sich sanft in die traumhafte Landschaft der kanadischen Ferienregion Muskoka. Nur ein paar Schritte sind es bis zum See, dichte Wälder breiten sich über sanften Hügeln aus. Erholung pur - wenn nur die Mücken nicht wären, die auch vor den Mächtigen dieser Welt nicht halt machen.

Doch auch sonst trügt die Postkartenidylle, vor der sich die Staats- und Regierungschefs der acht größten Industrienationen am Freitagmittag gut gelaunt zum Familienfoto aufstellen. Schon der G-8-Gipfel, der von Samstag an in der Metropole Toronto zur Zwanziger-Runde erweitert wird, ist von Misstönen geprägt.

Es knirscht vor allem zwischen den USA und Deutschland. Zwar lobte Kanzlerin Angela Merkel die gute Atmosphäre bei den Gesprächen, auch mit Barack Obama. Doch der Streit über die richtige Wachstumsstrategie schwelt auch ohne offene Konfrontation weiter. Die Deutsche und der Amerikaner stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Zwei Denkschulen prallen aufeinander: Sparen oder Geld ausgeben? Kurzfristiges Wachstum oder lieber langfristige Haushaltsstabilisierung?

Furcht vor der Schuldensucht

Die Amerikaner wollen weiter die globale Konjunktur ankurbeln, auch um den Preis neuer Schulden. Sie möchten außerdem endlich mehr exportieren. Aber dafür müssten Länder mit Handelsüberschüssen wie Deutschland mehr konsumieren. Die Deutschen dagegen setzen angesichts der Erfahrungen mit der Griechenland-Rettung erst einmal aufs Sparen.

"Die Diskussion war nicht kontrovers, sondern sie war von gegenseitigem Verständnis geprägt", versuchte Merkel nach der ersten G-8-Arbeitssitzung die Wogen zu glätten. In der Sache jedoch bleibt sie unnachgiebig: "Intelligentes Sparen und Wachstum" müssten keine Gegensätze sein.

Eine deutliche Ansage der Kanzlerin, die Obamas Wachstumsmantra für ein politisches Manöver hält. Der Präsident muss vor den Kongresswahlen im November die für US-Verhältnisse gewaltige Arbeitslosenquote von fast zehn Prozent abbauen - koste es, was es wolle. Merkel aber befürchtet, dass die Schuldensucht unweigerlich in die nächste Krise führt. Lieber langsam, dafür aber nachhaltig wachsen, lautet ihr Credo.

Genervt hatte Merkel in den Tagen vor dem Gipfel daher die Angriffe aus den USA gegen das deutsche Sparpaket verfolgt. Erst hatte Obama die Europäer ermahnt, das Wachstum nicht abzuwürgen, dann prangerte sein Finanzminister Timothy Geithner immer wieder budget surplus nations wie Deutschland an - Länder mit Handelsüberschuss, die nicht genug konsumierten. Die Europäer warnten ihrerseits vor "aufgeblähtem Wachstum" nach US-Vorbild, ein "Dauerzustand mit Drogencharakter" sei das, ätzte Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Solche Töne gibt es im höflichen Club der Mächtigen natürlich nicht. Stattdessen wird man für die Abschlusserklärung einen Formelkompromiss finden, der jeden sein Gesicht wahren lässt - aber keinen klaren Kurs bestimmt. Der G-20-Gipfel von Toronto gilt ohnehin nur noch als Etappe vor dem nächsten Treffen in Südkorea.

Globale Bankenabgabe scheitert

Ganz verabschieden muss sich Merkel schon in Kanada von ihren Ideen einer globalen Bankenabgabe oder einer Finanzmarkttransaktionssteuer (siehe Kästen links). Gegen die Bankenabgabe sind nicht nur Industrieländer wie Kanada, Australien und Japan, deren Finanzsektor die Krise einigermaßen unbeschadet überstanden hat. Auch aufstrebende Schwellenländer wollen ihre Kreditinstitute nicht unnötig belasten. Und für die Umsatzsteuer auf Finanztransaktionen findet die Kanzlerin außerhalb Europas keine Verbündeten. "Man muss das so hart sagen", stellte sie ernüchtert fest.

Dafür will sie hart bleiben, wenn es ums Sparen geht. Und ihre Chancen, sich mit der Linie durchzusetzen, sind gar nicht so schlecht. Denn auch Obama steht trotz allem Getöse der Amerikaner mit seinem Wachstumskurs ziemlich einsam da.

Seine Wirtschaftsgurus aber verweisen immer noch auf die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise von 1929. Die historische Forschung zeige: Damals seien die Konjunkturpakete zu früh abgewürgt worden, das habe den Aufschwung gebremst.

Obamas Berater sehen sich nun als Väter des weltweiten Wiederaufschwungs. Dank "starken und koordinierten Handelns" sei eine Weltwirtschaftskrise verhindert worden, der Welthandel in den vergangenen 15 Monaten um über 20 Prozent gestiegen, schrieben Geithner und Präsidentenberater Larry Summers gerade im "Wall Street Journal".

Sie meinen natürlich: Dank unseres Handelns.

Doch die Amerikaner können sich nicht mehr so leicht durchsetzen, gerade nicht im Großformat G20. Der Schock des weltweiten Abschwungs schweißte die Runde zusammen. Nun brechen die Eigeninteressen der vielen Mitglieder wieder auf - und sorgen für offenen Streit. Die Chinesen sind dem in Toronto ausgewichen, indem sie geschickt ihre Währung kurz vor dem Treffen ein bisschen aufwerteten - was Amerikaner seit langem fordern. Daher kann sich Washington nun ganz auf die störrischen Europäer konzentrieren.

Skepsis gegenüber Europa

"Es geht auch um ein Wahrnehmungsproblem", sagt Jacob Kierkegaard vom Peterson Institute for International Economics in Washington. Merkel habe aus innenpolitischen Gründen das deutsche Sparpaket als gewaltig darstellen wollen. Bei näherem Hinsehen erstrecke es sich jedoch über Jahre, es sei weniger einschneidend.

Doch diese Nuance ist in den USA nicht angekommen. Ohnehin glaubt Forscher Kierkegaard, dass die Reformschritte der Europäer nach der Euro-Krise (siehe Kasten links) noch nicht gewürdigt würden - vor allem an den US-Finanzmärkten. "Dort ist die Skepsis gegenüber Europa immer noch gewaltig."

Doch die europäische Front steht geschlossen. Der Brite David Cameron, der Franzose Nicolas Sarkozy, sie alle unterstützen Merkels Linie. Die EU-Spitze forderte gerade "nachhaltige Staatsfinanzen" als zentrale Botschaft für den G-20-Gipfel.

In Amerika hingegen rückt die Sorge ums explodierende Haushaltsdefizit immer mehr in den Blickpunkt. Gerade hat der US-Kongress selbst Nothilfe für in Budgetnot geratene Bundesstaaten und Arbeitslose verweigert. Das Portemonnaie bleibt zu, so die neue Linie unter den Abgeordneten.

"Keynes ist tot in Washington, das staatliche Geldausgeben nicht mehr populär", sagt Tim Adams, unter George W. Bush im Finanzministerium Staatssekretär für internationale Angelegenheiten. "Dieser Trend wird sich noch verstärken, wenn die Republikaner bei den Kongresswahlen im November zulegen."

Also werde auch der Streit mit den Europäern eher rasch vorbei ziehen, glaubt Adams. Zu angreifbar sei Obamas Haltung. Eigentlich gehe es nur um den Zeitpunkt, auch die Amerikaner könnten schon nächstes Jahr aufs Sparen setzen.

Ohnehin entbehrt dieser Streit nicht einer gewissen Ironie. Knapp zwei Jahre nach Ausbruch der Weltfinanzkrise, die vor allem auf US-Spekulationen zurückging, gebären sich die Amerikaner in Wirtschaftsfragen wieder als Lehrmeister der Welt - obwohl sie bislang nicht einmal ein wirksames Gesetz gegen Wall-Street-Zocker verabschiedet haben.

"Das ist", lästert Finanzblogger Bill Zielinski, "als ob BP gerade dem Rest der Welt sagen wolle, wie man sicher nach Öl bohrt."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Was kann der G-20-Gipfel bewirken?
insgesamt 378 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
zynik 21.06.2010
"Wo tritt die Übermacht der Bankenlobby besonders zutage? Giegold: Erst jüngst wieder bei der Richtlinie AIFM, mit der die Investment- und Hedgefonds reguliert werden sollen. Da gab es eine unglaubliche Lobby-Schlacht. Alle Abgeordneten wurden massiv bedrängt, es gab insgesamt 1600 Änderungsanträge zum Vorschlag der EU-Kommission. Von denen hatte die Finanzindustrie rund 900 selbst verfasst. Ein entgegenstehendes progressives Lobbying gab es zu diesen Themen nicht." http://sueddeutsche.de/geld/interview-mit-sven-giegold-eine-unglaubliche-lobby-schlacht-1.962829 Und da glaubt noch jemand vom G-20-Gipfel wäre irgendetwas zu erwarten, ausser wortreiches Marionettentheater?
2. Die Politiker können es nicht besser als die Bankmanager
tschort 21.06.2010
Während der Wirtschaftkrise sind auch staatliche Banken Pleite gegangen, zum Beispiel die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Wenn die Politier der Meinung sind, dass sie die Banken besser als die Bankmanager regulieren können, wieso waren sie nicht in der Lage, ihre eigenen Banken effizient to überwachen?
3.
rolli 21.06.2010
Zitat von zynik"Wo tritt die Übermacht der Bankenlobby besonders zutage? Giegold: Erst jüngst wieder bei der Richtlinie AIFM, mit der die Investment- und Hedgefonds reguliert werden sollen. Da gab es eine unglaubliche Lobby-Schlacht. Alle Abgeordneten wurden massiv bedrängt, es gab insgesamt 1600 Änderungsanträge zum Vorschlag der EU-Kommission. Von denen hatte die Finanzindustrie rund 900 selbst verfasst. Ein entgegenstehendes progressives Lobbying gab es zu diesen Themen nicht." http://sueddeutsche.de/geld/interview-mit-sven-giegold-eine-unglaubliche-lobby-schlacht-1.962829 Und da glaubt noch jemand vom G-20-Gipfel wäre irgendetwas zu erwarten, ausser wortreiches Marionettentheater?
Merkel ist ja bereits bei der G7 abgewatscht worden was die Bankenabgabe angeht. Es wurde dort beschlossen, dass die Bankenabgabe erforscht werden soll. Merkel rechnet aber in ihrem Sparpaket bereits mit einigen Milliarden aus diesem Programm. Ich denke, dass das Ringen der Politik um das Primat zunichtegemacht wird, und dass der rasante Abstieg der Staaten in die Schuldenfalle erfolgen wird. Am Ende muss zwangsläufig eine Währungsreform und ein kommunistisches Regierungsprinzip herrschen. Kommunimsus für das Volk und Turbokapitalismus für die Wirtschaft. Der neoliberalismus ist genau darauf ausgelegt. rolli
4. Eingeschränkte Zustimmung
Reiner Weint 21.06.2010
Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind für mich größtenteils sinnvoll. Die Trennung von Investment- und Retailbanken: gut! Mehr Eigenkaptial für Banken als Risikopuffer - volle Zustimmung. TÜV für Finanzprodukte? Auf jeden Fall! Viele dieser Konstruktionen für einfache Endkunden sind schon in quasi betrügerischer Absicht konstruiert worden. Hedge Fonds regulieren? Wie will ein Staat etwas regulieren, von dem er nichts versteht? Hedge Fonds sollten ordentliche Bilanzen vorlegen, wie jede Bank und jedes andere Unternehmen. Diese Unterlagen sollten zumindest für die Investoren in einen HF verpflichtend einsehbar sein. Was heisst bewachen (in der Kopfzeile)? Wie soll das denn gehen? Staatliche Einmischung in die Geschäfte eines HF? Ich kann nicht mehr folgen. HF sind ja sowieso größtenteils in Steueroasen außerhalb der G20 Länder beheimatet. Rating Agenturen: Uneingeschränkte Zustimmung. Für den großen Einfluß der Agenturen sind sie bisher lausig reguliert und kontrolliert. Und es gibt keine wirkliche Konkurrenz unter ihnen. Was ich im Ton nicht verstehe: "Und die Investmentbanken sind bereits dabei, ein neues Spielcasino zu eröffnen, den Handel mit Rohstoffen". Organisierten Handel mit Rohstoffen gibt es seit Eröffnung der ersten Warenbörse 1409 in Brügge. Was ändert sich da jetzt? Was hat der Handel mit Rohstoffen mit einem Spielcasino zu tun? Dieser billige Tonfall konterkariert die sachlichen Argumente.
5. Das Gute und das Böse !
paoloDeG 21.06.2010
In Wahrheit wer die Krisen verursacht ist das Böse = die Netze organisierten Verbrechens und die Korruption! Der Teil von der Bevölkerung, der Freiheit Gleichheit und Würde respektiert, ist immer demselben Ritual unterworfen : die Krisen ausbaden! Dagegen und hingegen die Netze organisierten Verbrechens, einschließlich die Netze finanziellen Verbrechens, und Korruption immer mehr an Macht gewinnen und sie immer mehr Reichtum anhäufen! Es ist unbedingt notwendig, gegen diese ungerechten und barbarischen Praxen in Deustchland und in allen Ländern der Europäischen Union zu handeln! Man muß einen Präsidenten der Europäischen Union wählen, um dies zu ändern und um eine europäische FreiheitsArmee zu bilden, um die Tausende Milliarden Euro wiederzubekommen, die den Völkern gestohlen, betrogen und erspresst worden sind! Beim G-20-Gipfel dies vorbringen, damit alle anderen Staaten dasselbe tun! Europa braucht mich als President !
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema G20
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -21-
G20

Die G20 sind die Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften. Sie umfasst Industrie- und Schwellenländer. Die G20 repräsentieren rund zwei Drittel der Weltbevölkerung und 90 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts - folgende Länder gehören derzeit zu der Gruppe: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Türkei, USA. mehr auf der Themenseite...


Schulden in Europa
Gesamtverschuldung in Euro-Land
dpa
Mit der gigantischen Summe von mehr als sieben Billionen Euro sind die Euro-Länder verschuldet. Mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die Staaten jetzt einen riesigen Rettungsschirm von bis zu 750 Milliarden Euro für Länder gespannt, die mit dem Schuldenberg nicht mehr fertig werden und in Zahlungsschwierigkeiten geraten.
Deutschland
Die gesamtstaatlichen Schulden liegen bei mehr als 1,7 Billionen Euro. Das sind mehr als 70 Prozent des BIP. Erlaubt sind laut Maastricht-Vertrag 60 Prozent. Die jetzt schon gigantische Summe könnte bis Ende 2013 durch immer neue Kredite bei etwa zwei Billionen Euro liegen.

Allein 2010 lag die Neuverschuldung bei 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), erlaubt sind laut Maastricht drei Prozent. Um diese Schuldenberge wieder abzubauen, hat die schwarz-gelbe Koalition im Sommer 2010 ein Sparpaket aufgelegt. Ob dies allerdings ausreicht, ist fraglich. Denn der Bund muss von 2011 an jedes Jahr zehn Milliarden Euro sparen - allein um die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse einzuhalten.
Frankreich
Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 7,5 Prozent des BIP, die Gesamtverschuldungsquote bei 77,6 Prozent. In Euro ausgedrückt belaufen sich die Verbindlichkeiten auf mehr als 1,5 Billionen Euro. Die Regierung will die Staatsausgaben von 2011 bis Ende 2013 einfrieren. Jede zweite frei werdende Stelle im Öffentlichen Dienst wird nicht besetzt.

Die laufenden Ausgaben für den Staatsbetrieb sollen binnen drei Jahren um zehn Prozent gesenkt werden. Zudem will Paris Steuerschlupflöcher stopfen und so in zwei Jahren fünf Milliarden Euro mehr einnehmen. Eine Rentenreform soll außerdem das riesige Defizit in den Sozialkassen senken. Das Rentenalter in Frankreich liegt derzeit für das allgemeine Rentensystem noch bei 60 Jahren.
Spanien
Das Land hat einen Sparplan vorgelegt, der für die kommenden drei Jahre eine Senkung der Ausgaben um 50 Milliarden Euro vorsieht. Für 2010 und 2011 kündigte Madrid zusätzliche Einsparungen von 15 Milliarden Euro an. Erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes werden die Gehälter von Ministern und Beamten gekürzt. Staatliche Investitionen werden zusammengestrichen.

Die Neuverschuldung lag 2009 bei 11,2 Prozent des BIP. Die Gesamtverschuldung des Staates wurde zuletzt vom Finanzministerium auf 55,2 Prozent des BIP beziffert. Laut Eurostat sind es knapp 560 Milliarden Euro.
Portugal
Die Regierung überraschte 2010 mit der Ankündigung von Steuererhöhungen. Einkommensteuern sollen angehoben, Unternehmen mit einer zusätzlichen "Krisensteuer" von 2,5 Prozent auf alle Gewinne belastet werden. Die Mehrwertsteuer soll von 20 auf 21 Prozent steigen. Die Bezüge der Politiker und der Verwalter öffentlicher Unternehmen sollen um fünf Prozent reduziert werden.

Damit will Portugal sein Haushaltsdefizit von 9,4 Prozent des BIP auf sieben Prozent reduzieren. Die Gesamtschulden entsprachen 2009 rund 76,8 Prozent des BIP.
Italien
In Italien sind bislang keine größeren Sparpakete auf den Weg gebracht worden, obwohl das Land zu den großen Schuldensündern in der Euro-Zone zählt.

Der italienische Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat zwar angekündigt, dass ab 2011 gespart werden soll. Genaueres hat er bislang aber nicht erklärt. Italien hat in absoluten Zahlen einen Gesamtschuldenstand wie Deutschland von mehr als 1,7 Billionen Euro. In Relation zur Wirtschaftskraft ist der Schuldenberg aber weit größer: Er beträgt rund 114 Prozent des BIP.
Irland
Im Haushalt 2010 waren strikte Sparmaßnahmen vorgesehen. So wurden Gehälter im Öffentlichen Dienst um fünf bis 15 Prozent gekürzt. Die Sozialausgaben wurden um 760 Millionen Euro zurückgefahren, beim Arbeitslosengeld kam es zu Streichungen für bestimmte jüngere Altersgruppen.

Irland hat eine Gesamtverschuldung von mehr als hundert Milliarden Euro. Damit bewegt sich das Land nicht weit von der vorgeschriebenen 60-Prozent-Regel mit Blick auf das BIP. Allerdings lag die Neuverschuldung 2010 bei rund 30 Prozent.
Belgien
Der hohe gesamtstaatliche Schuldenstand von knapp 97 Prozent des Bruttoinlandsprodukt wird 2011 auf etwa 101 Prozent wachsen. Erlaubt sind nur 60 Prozent.

Wegen der politischen Krise - das Land stolpert von einer Regierungskoalition zur nächsten - ist Belgien politisch gelähmt. Größere Sparpakete sind nicht in Sicht.
Niederlande
Beim Schuldenberg stehen die Niederlande im Vergleich zu anderen Euro-Staaten gut da. Aber auch dort wird er wachsen - von knapp 61 Prozent des BIP 2009 auf annähernd 70 Prozent 2011.

Doch die Niederländer pochen auf Konsolidierung. Die Regierung identifizierte Sparmöglichkeiten bei den Staatsausgaben von rund 20 Prozent. Die EU würde eine Anhebung des Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre begrüßen, wie es in den Niederlanden debattiert wird.
Griechenland
Um eine Staatspleite abzuwenden und den unter Druck geratenen Euro zu verteidigen, haben die EU-Staats- und Regierungschefs ein einmaliges, 110 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Griechenland beschlossen.

2009 beliefen sich die Schulden des Landes auf 273 Milliarden Euro und damit auf 115 Prozent des BIP. Gegen heftigen Widerstand im eigenen Land hat die Regierung ein 30-Milliarden-Sparpaket durchgesetzt - Renten und Gehälter im Staatsdienst sollen gekürzt, Steuern heraufgesetzt werden.
Slowakei
Die Gesamtverschuldung lag Ende 2009 bei gut 22 Milliarden Euro, das entsprach 35,7 Prozent des BIP. Nur noch Luxemburg hat in der Euro-Zone einen kleineren Schuldenberg. Das Haushaltsdefizit 2009 von 4,3 Milliarden Euro erreichte aber mit 6,8 Prozent vom BIP einen Rekordstand und soll 2010 gesenkt werden.

Ein Sparprogramm der Regierung sieht großflächige Ausgabenkürzungen vor, aber keine Einschnitte bei Pensionen und im Sozialsystem. Kräftige Einsparungen gab es 2009 im Verteidigungsbudget.
Slowenien
Der Gesamtschuldenstand lag zuletzt bei 40 Prozent des BIP, also klar unter den erlaubten 60 Prozent. Problematisch sind jedoch das schleppende Wirtschaftswachstum und die steigende Arbeitslosigkeit. Ende 2009 überschritt die Arbeitslosenquote zehn Prozent.

Mit Konjunkturprogrammen wurde die Wirtschaft gestützt, das Haushaltsdefizit dürfte 2010 bei 6,1 Prozent des BIP liegen, nach 5,5 Prozent 2009. Das Sparprogramm ist noch nicht klar. Experten rechnen mit Kostensenkungen im öffentlichen Sektor, auch liegen in der Privatisierung von Staatsunternehmen noch Reserven.
Österreich
Mit Steuererhöhungen und strengen Sparmaßnahmen will Österreich seinen Staatshaushalt wieder auf Vordermann bringen. Als Ziel will die Regierung bis 2014 das Defizit von 4,7 auf 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts reduzieren. Bund, Länder und Gemeinden sollen bis zu 5,1 Milliarden Euro einsparen, dazu sollen die Bürger über mehr Steuern für höhere Staatseinnahmen sorgen.

Einig ist sich die Koalition aus konservativer ÖVP und sozialdemokratischer SPÖ aber bisher nur bei der Einführung einer Bankensteuer, die die alpenländischen Geldhäuser rund 500 Millionen Euro kosten soll. Insgesamt betragen die Schulden Österreichs derzeit etwa 66 Prozent des BIP.
Finnland
Mit einem Gesamtschuldenstand von 75 Milliarden Euro gehört Finnland nicht zu den Problemländern in der EU, was die Staatsfinanzen angeht. Die Regierung in Helsinki hat seit dem Euro-Start eine sparsame Haushaltspolitik geführt.

Auch deshalb stehen drastische Sparprogramme wegen der aktuellen Finanzkrise nicht auf der Tagesordnung. Seit längerem schon will die Regierung das Rentenalter heraufsetzen und die Rentenansprüche senken.

SPIEGEL-Analyse
Getty Images

Die Mächtigen der Welt treffen sich zum G-20-Gipfel, um die Finanzmärkte zu bändigen. Ein Erfolg ist ungewiss, dabei könnte ein schlichtes Fünf-Punkte-Programm künftige Krisen verhindern:

Gebot 1: Bändigt die Banken!

Gebot 2: Mehr Eigenkapital!

Gebot 3: Einen TÜV für Finanzprodukte!

Gebot 4: Bewacht die Hedgefonds!

Gebot 5: Kontrolliert die Rating-Agenturen!

Vor- und Nachteile der Finanzsteuer
Transaktionsteuer? Aktivitätsteuer? Zwei Konzepte werden diskutiert - ihre Vor- und Nachteile.
Transaktionsteuer: Vorteile
Der Staat könnte an den Finanzmärkten Geld abschöpfen. Wird die Steuer auf die gesamte Risikosumme erhoben, macht sie Spekulationen, die auf kurzfristige Kapitalumschichtungen ausgelegt sind, unattraktiver. Wird ein Wertpapier zum Beispiel einmal pro Jahr verkauft, beträgt die Steuer 0,2 Prozent. Wechselt das Papier einmal im Monat den Besitzer, würde für den Kapitalbetrag eine Steuer von 2,4 Prozent fällig. Wird der Betrag einmal wöchentlich transferiert, beträgt die Belastung schon 10,4 Prozent.
Transaktionsteuer: Nachteile
Firmen, die sich durch schnelles Umschichten von Anlagen gegen Währungsrisiken absichern, würden für umsichtiges Risikomanagement plötzlich bestraft.

Banken und andere Institute könnten die Kosten für die Finanztransaktionsteuer auf ihre Kunden abwälzen. Höhere Zinsen für Kreditnehmer sowie niedrigere Renditen für Sparer und Anleger wären die Folge. Das aber würde Investitionen, den privaten Konsum - und damit das Wirtschaftswachstum dämpfen.

Die Intransparenz an den Märkten wird tendenziell erhöht. Werden Geschäfte auf den regulären Finanzmärkten besteuert, könnten Händler vermehrt auf alternative Handelsplattformen wie Turquoise oder Chi-X ausweichen. Hier hat der Staat jedoch keinen Zugriff.
Aktivitätsteuer: Vorteile
Die Finanzaktivitätssteuer wäre wesentlich punktgenauer, da sie nur Gewinne und Gehaltszahlungen von Bankern besteuert.
Aktivitätsteuer: Nachteile
Die Einnahmen stünden vermutlich in keinem Verhältnis zum Kontrollaufwand, der nötig wäre, um die Abgabe einzutreiben. In den Finanzhäusern würden vermutlich Mittel und Wege gesucht, wie Gewinne aus Spekulationen in der Bilanz an anderer Stelle ausgewiesen werden könnten.

Fotostrecke
Erklärgrafiken: So funktioniert die Bankenabgabe

Fotostrecke
Erklärgrafiken: So zocken Hedgefonds
Fotostrecke
Erklärgrafiken: So funktionieren Leerverkäufe
Milliardenstütze für den Euro
Die EU hat sich auf ein beispielloses Rettungspaket geeinigt: Ein bis zu 750 Milliarden Euro schwerer Fonds für Euro-Wackelkandidaten soll Spekulanten abschrecken und die Währung schützen - die Konditionen im Überblick.
Milliarden-Auffangnetz

Für die klammen Euroländer stellt die Gemeinschaft bei Bedarf bis zu 750 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Die ersten 60 Milliarden Euro kommen direkt von der EU-Kommission.

Sollte dieses Geld nicht ausreichen, kommen dazu die 440 Milliarden Euro schweren Hilfen einer Finanz-Zweckgesellschaft (siehe unten).

Zusätzlich steuert der Internationale Währungsfonds (IWF)mindestens 250 Milliarden Euro bei.

Finanz-Zweckgesellschaft
Die Finanz-Zweckgesellschaft ist ein für die Euroländer völlig neues Instrument, das im Namen aller 16 Euroländer Geld leihen und an finanzschwache Staaten weiterleiten kann.
Die Euroländer selbst müssen das Geld dabei nicht auf den Tisch legen, sie treten vielmehr als Garanten für das zu leihende Geld auf.
Zinssatz
Wie im Fall von Griechenland wird es auch für das 750-Milliarden-Paket einen einheitlichen Zinssatz für alle bedürftigen Länder geben. Griechenland muss für seine Kredite fünf Prozent Zinsen (für drei Jahre) zahlen.
Konsolidierung
Schuldenländer verpflichten sich, künftig noch strenger auf die Sanierung der Staatshaushalte zu achten.
Finanzmarktregulierung

Die Euroländer wollen die Finanzmärkte stärker regulieren. Dazu zählen Derivate und Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern - und damit auch Staaten - bewerten.

Darüber hinaus versprechen sich die Staaten auch von der Einführung eines "Stabilitätsbeitrags" der Banken und einer weltweiten Abgabe auf Finanztransaktionen eine stärkere Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Finanz- und Schuldenkrise.