G20-Absage an Protektionismus Handelskrieg vertagt

Die G20 bekennt sich zu offenen Märkten, unter Donald Trump ist das schon eine Erfolgsmeldung. Doch neue Konflikte stehen bevor - zum Beispiel im umkämpften Stahlmarkt.

Hafen in Hamburg
Getty Images

Hafen in Hamburg

Von


Am Donnerstagmittag sitzt Ann Cairns in Hamburg vor einem strahlend blauen Himmel, in dem noch keine Rauchschwaden oder Helikopter zu sehen sind. "Wir bleiben in engem Kontakt zu den Mächtigen", sagt die Britin. "Denn wir betreiben ein globales Geschäft, und für uns ist es sehr wichtig zu verstehen, wie wir das am besten tun können."

Cairns ist Vorstandsmitglied beim Kreditkartenkonzern Mastercard, der in rund 200 Ländern aktiv ist. Manager wie sie hatten an diesem Wochenende allen Grund, auf Hamburg zu schauen: In jener Stadt, die sich selbst wie keine andere in Deutschland über ihre Teilnahme am Welthandel definiert, drohte dessen Anhängern eine herbe Niederlage.

Die ist vorerst abgewendet. Im Abschlusskommuniqué schreiben die G20-Staaten, sie würden "die Märkte in dem Bewusstsein offenhalten, wie wichtig auf Gegenseitigkeit beruhende und für alle Seiten vorteilhafte Handels- und Investitionsrahmen und der Grundsatz der Nichtdiskriminierung sind", und "Protektionismus einschließlich aller unfairen Handelspraktiken weiterhin bekämpfen".

Bestenfalls ein Etappensieg

Was innerhalb des Staatenbündnisses bislang eine Selbstverständlichkeit war, gilt seit der Wahl Donald Trumps schon als Erfolg. Denn der neue US-Präsident sieht sein Land von Handelspartnern wie China oder Deutschland übervorteilt. Bei einem Vorbereitungstreffen in Baden-Baden hatten Trumps Leute das Bekenntnis zum Freihandel deshalb noch verhindert.

Der jetzige Beschluss ist für Wirtschaftsvertreter wie Cairns ein Grund zur Erleichterung. "Wir wollen, dass die Welt verbunden bleibt, und wir glauben daran", sagt die Mastercard-Managerin. Doch die Erklärung von Hamburg bedeutet bestenfalls einen Etappensieg, das räumte die Bundeskanzlerin am Ende des Gipfels selbst ein. "Das Thema bleibt auf der Tagesordnung", sagte Angela Merkel.

Zum einen wurde der zentrale Konflikt nur vertagt: Die US-Regierung wirft chinesischen und europäischen Stahlherstellern Dumpingpreise vor und hat deshalb mit Strafzöllen gedroht. Über ihre Verhängung will Donald Trump anhand eines offiziellen Berichts entscheiden. Sein Erscheinungsdatum ist unklar, die Nervosität entsprechend groß. Die EU könne "innerhalb von Tagen mit Gegenmaßnahmen reagieren", drohte Kommissionschef Jean-Claude Juncker in Hamburg. "Wir befinden uns in Kampfstellung."

Mastercard-Vorstandsmitglied Ann Cairns
Getty Images

Mastercard-Vorstandsmitglied Ann Cairns

Die G20 forderten nun selbst bis November einen Bericht an. In dem soll es um schon länger laufende Bemühungen gehen, Überkapazitäten im Stahlsektor abzubauen. Die notwendigen Informationen sollten bis August vorliegen, mahnte Merkel. Bis dahin sei es "nicht mehr so lange".

Selbst wenn sich Trump und der Rest der G20 beim Stahl zusammenraufen, werden viele Konflikte um Handelsthemen weiterschwelen. Zweifel an den Segnungen eines möglichst unregulierten Warenverkehrs hegt dabei nicht nur der US-Präsident. Auch unter den Demonstranten auf Hamburgs Straßen waren viele, die das Welthandelssystem in seiner heutigen Form für zutiefst unfair halten.

Wie hinkommen zur gerechteren Welt?

"Das ist ein Stillhalteabkommen", kommentiert Alexis Passadakis vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac die Gipfelbeschlüsse. Ungelöst bleibe etwa die Frage nach den hohen Handelsüberschüssen von Ländern wie Deutschland, die Trump ebenfalls scharf kritisiert hat. Die Attac-Aktivisten stimmen dem grundsätzlich zu, sehen die Lösung im Gegensatz zu Trump aber nicht darin, einfach mehr amerikanische Autos zu kaufen.

Deutschland könne beispielsweise die Löhne erhöhen oder seine Waffenexporte zurückfahren, sagt Passadakis. Und müsse die Bundesrepublik als Land ohne Kakaoanbau wirklich Exportweltmeister bei Schokolade sein? "In einer gerechten Weltwirtschaft wären das die afrikanischen Staaten."

Doch wie hinkommen zur gerechteren Welt? Unter den Demonstranten von Hamburg wollen viele den radikalen Bruch mit dem Kapitalismus. In Foren wie G7, G20 oder auch Weltwirtschaftsforum sieht man den Markt dagegen naturgemäß weiter als Teil der Lösung.

So reiste Mastercard-Managerin Cairns nach Hamburg, um am Rande des Gipfels die Ausweitung eines gemeinsames Projekts mit dem "World Food Programme" der Uno vorzustellen: Zusammen will man in armen Ländern insgesamt 100 Millionen Schulmahlzeiten finanzieren.

Statt einfach Notrationen zu verteilen, sollten Lebensmittel dabei verstärkt vor Ort mit elektronischen Bezahlkarten erworben werden, erzählt Cairns. Das verhindere nicht nur Betrug, sondern kurbele auch die lokale Wirtschaft an. Dass sich Mastercard so nebenbei auch neue Märkte erschließt, bestreitet die Managerin nicht. "Das passt zu unserem Geschäftsmodell."



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
curiosus_ 08.07.2017
1. Unfaire Handelspraktik
---Zitat von David Böcking--- "....einschließlich aller unfairen Handelspraktiken weiterhin bekämpfen" ---Zitatende--- So etwas wie _die hohen Deutschen Leistungsbilanzüberschüsse aufgrund von Lohndumping im Euro_ (http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/deutsches-exportmodell-wer-nicht-hoert-kriegt-trump-thread-557341-11.html#postbit_51471008). Und das: ---Zitat von Passadakis--- Deutschland könne beispielsweise die Löhne erhöhen ---Zitatende--- http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/drohender-handelskrieg-wie-deutschland-seine-importe-rasch-steigern-kann-thread-560729-17.html#postbit_51756426]_Ist auch nicht sonderlich durchdacht._
kuac 08.07.2017
2. Zu wenig
Das ist alles viel zu wenig für 150 Millionen Euro und so viel Ärger fur die Bewohner von Hamburg. Muss das sein? Ein Privatunternehmer würde für dieses Ergebniss keine 150 Millionen Euro ausgeben. Weil er sein eigenes Geld ausgeben muss!
curiosus_ 08.07.2017
3. Unfaire Handelspraktik
---Zitat von David Böcking--- "....einschließlich aller unfairen Handelspraktiken weiterhin bekämpfen" ---Zitatende--- So etwas wie _die hohen Deutschen Leistungsbilanzüberschüsse aufgrund von Lohndumping im Euro_ (http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/deutsches-exportmodell-wer-nicht-hoert-kriegt-trump-thread-557341-11.html#postbit_51471008). Und das: ---Zitat von Passadakis--- Deutschland könne beispielsweise die Löhne erhöhen ---Zitatende--- _Ist auch nicht sonderlich durchdacht._ (http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/drohender-handelskrieg-wie-deutschland-seine-importe-rasch-steigern-kann-thread-560729-17.html#postbit_51756426)
hansriedl 09.07.2017
4. Protektionismus
Wenn es um einen umkämpften Stahlmarkt da ist schon mal Protektionismus angebracht, oder?? Das geht nur bei Handels Giganten, kleine Länder müssen alles schlucken. Welthandel müsse „fair“ ablaufen, fordert Trump, und das bedeutet bei ihm: Auge um Auge, Zoll um Zoll. Er sehe es als „oberste Pflicht, alles zu tun, was den Interessen der Amerikaner nützt“. Das ist zwar im Kern plumper Nationalismus. Dass Trump das Argument der „Fairness“ so stark in den Vordergrund stellt, gibt allerdings zugleich einer alten Debatte neuen Schwung und führt zu einer zentralen Frage jenseits der Tagespolitik: Gibt es guten Protektionismus? „In den USA droht ein protektionistischer Amoklauf“ 2017 wird für die Wirtschaft zu einem Jahr der Risiken. Wohin driftet die deutsche Konjunktur? Und wie sollte Europa auf Donald Trump reagieren?
Liberalitärer 09.07.2017
5. Kanalarbeit
Zitat von curiosus_So etwas wie _die hohen Deutschen Leistungsbilanzüberschüsse aufgrund von Lohndumping im Euro_ (http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/deutsches-exportmodell-wer-nicht-hoert-kriegt-trump-thread-557341-11.html#postbit_51471008). Und das: http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/drohender-handelskrieg-wie-deutschland-seine-importe-rasch-steigern-kann-thread-560729-17.html#postbit_51756426]_Ist auch nicht sonderlich durchdacht._
So ist das und die sächsichen Schwerter stehen hinter der PM und Hamburg kann das Scheissegal sein, denn ob Importe oder Exporte, it does not matter. Nicht weil wir gerne (Handels)Krieg führen, es wird immer unvermeidlicher mit diesem Überschuss. Und wir werden auf britischer Seite kämpfen. Die PM war noch nett, aber eigentlich klar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.