Wirtschaftskraft der G20 Die Bedeutung des Westens schrumpft

Die globalen Gewichte verschieben sich: Seit dem ersten G20-Treffen von 1999 sinkt der Beitrag der etablierten Industrienationen zur Weltwirtschaft kontinuierlich. Klare Gewinner sind nur zwei Nationen.

Chinesischer Hafen Qingdao (Archivbild)
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Chinesischer Hafen Qingdao (Archivbild)

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Eine Zahl illustriert die Bedeutung des G20-Gipfels in Hamburg: 73 Prozent. So groß ist der Anteil der "Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer" an der gesamten Weltwirtschaft. Dieser Wert ist erstaunlich konstant: Als 1999 zum ersten Mal die Finanzminister als G20 zusammenkamen, lag er ebenfalls bei 73 Prozent.

Verschoben haben sich allerdings die Gewichte innerhalb der G20, und zwar drastisch. Vor zwei Jahrzehnten entfielen noch mehr als 44 Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft (gemessen in Kaufkraftparitäten) auf den Klub der führenden Industrienationen um die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Kanada, die G7. 2016 sind es nur noch 31 Prozent.

Deutschlands Anteil hat von rund 5 auf 3,33 Prozent abgenommen. Die grafische Darstellung zeigt: Der Bedeutungsverlust der G7 hat sich nach der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008/2009 beschleunigt.

Dafür wird die Gruppe der Brics-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) immer wichtiger: Ihr Anteil an der Weltwirtschaft ist seit Gründung der G20 von 18,4 Prozent auf 31,2 Prozent gestiegen - und hat 2016 erstmals die G7 überholt. Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung Chinas von 7,1 Prozent auf 17,6 Prozent und Indiens (von 4,23 auf 7,3 Prozent). Die beiden asiatischen Mächte sind die einzigen Länder, die klar an Gewicht gewinnen konnten.

Die anderen Brics-Nationen Brasilien, Russland und Südafrika hatten in den vergangenen zwei Jahrzehnten hingegen mit zum Teil schweren Wirtschaftskrisen zu kämpfen - und konnten ihre Positionen in der Weltwirtschaft nicht nachhaltig verbessern. Ähnlich verhält es sich mit anderen Schwellenländern wie Mexiko oder der Türkei.

Wer die Treffen der G20 verfolgt, konnte in der Vergangenheit bereits Anzeichen für die Verschiebung der globalen Machtverhältnisse entdecken. Seltener als früher können die westlichen Industrienationen ihre Agenda durchsetzen. Ein Beispiel ist der Umgang mit Russland: Beim G20-Gipfel 2014 in Brisbane hätten Gastgeber Australien und viele westliche Staaten am liebsten Präsident Wladimir Putin ausgeladen, wegen der völkerrechtswidrigen Annexion der zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim. Doch die Brics-Staaten stellten sich quer. Mehr noch: Am Rande des Gipfels hoben sie sogar gemeinsam mit Russland eine eigene Entwicklungsbank aus der Taufe - als Gegengewicht zur von den etablierten Industrienationen dominierten Weltbank.

Hinzu kommt: Die alten Lager lösen sich auf, das Lager der Industrienationen tritt in Hamburg gespalten auf. US-Präsident Donald Trump greift den Freihandel an - und stellt sich damit gegen den Rest der G7.



insgesamt 104 Beiträge
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jumbing 06.07.2017
1.
Solange wir zulassen, daß die Chinesen in großem Stil und mit strategischem Kalkül deutsche Firmen aufkaufen und der deutsche Verbraucher chinesische Waren kauft, weil sie billig sind, wird sich dieser Trend ungehindert fortsetzen. Die Europäer durfen dann irgendwann froh, wenn sie den Chinesen die Schuhe putzen dürfen.
muellerthomas 06.07.2017
2.
Die Verwendung von Kaufkraftparitäten macht hier wenig Sinn. Damit kann das pro-Kopf-Wohlstandsniveau verglichen werden, nicht aber die Wirtschaftakraft mehrerer Volkswirtschaften. Dafür müsste man das nominale BIP verwenden. Dann aber zeigt sich, dass von den BRICS fast ausschließlich China an Gewicht zugelegt hat und mit Abstrichen Indien, BRS aber nicht. Und beim Westen zeigt sich, dass das Gewicht der USA stabil ist und zuletzt sogar gestiegen, während Westeuropa und Japan an Gewicht veloren haben. Der Vergleich Westen vs. BRICS täuscht somit gewaltig.
fabiofabio, 06.07.2017
3. Isoliert!
wurde Putin in Brisbane, wurde in allen westlichen Medien getrötet. Bilder kolpotiert, wie alleine Putin doch sei und wie er aus Australien abgehauen sei ( Abflug 3 Minuten vor Merkel). Und hier wird ja direkt eingestanden, dass nur Propaganda verbreitet wurde. Peinlich, eh?
kumi-ori 06.07.2017
4.
So ganz neu ist das nicht. Gemeinsam ist den aufstrebenden Industrienationen in Asien, dass den Unternehmen ein Menschenleben dort nicht besonders viel wert ist. Bhopal in Indien, der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh mit Tausenden von Toten oder der Großbrand bei einem Spielzeughersteller in China mit vergleichbarem Ergebnis sind der hohe Preis, den diese Völker zahlen. Mir scheint, dass man in China allmählich die Zeichen der Zeit erkennt, und versucht ohne wirtschaftlichen Machtverlust die Kurve zu kriegen. wie das in Indien weitergehen wird, darauf bin ich gespannt.
Akonda 06.07.2017
5. @ jumbing heute, 09:13 Uhr
So sieht es wohl aus! Billig geht vor Qualität.
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