Galileo Deutsche Unternehmen haben Start fast verpennt

Der erste Start eines Galileo-Satelliten bedeutet für deutsche Technologie-Hersteller: Rasch überlegen, wie sie das Projekt nutzen wollen. Denn inzwischen sind so viele Länder an dem Vorhaben beteiligt, dass die Europäer um ihren Wissensvorsprung bangen müssen.

Von Benjamin Triebe


Köln - Obwohl Galileo eine europäische Idee ist, ist es längst kein europäisches Projekt mehr. Die EU kann die Vorherrschaft des mächtigen amerikanischen GPS nicht allein brechen, sie braucht politische Verbündete. Im September einigte sich die EU auf eine Zusammenarbeit mit Indien, zuvor hatten sich schon China, Israel und die Ukraine an dem Projekt beteiligt.

Galileo-Testsatellit vor dem Start: Vor allem die Chinesen wollen nicht nur Handlanger sein
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Galileo-Testsatellit vor dem Start: Vor allem die Chinesen wollen nicht nur Handlanger sein

Die neuen Partner geben Geld und bereiten alles dafür vor, dass sich Galileo in ihren Ländern ohne Probleme nutzen lässt. Verhandelt wird derweil noch mit Argentinien, Südkorea, Malaysia und einigen anderen Staaten.

"Galileo soll als weltweiter Standard etabliert werden. Es ist strategisch klug, andere Länder hinter sich zu bekommen", sagt Alexander Mager, Vice President Business von Galileo Industries, dem Koordinator der Satelliten-Entwicklung. "Aber diese Länder werden das nicht umsonst machen", fügt er hinzu. Fest stehe schon jetzt: "Die Massenproduktion der Endgeräte wird nicht in Europa stattfinden."

Vor allem die Chinesen sind nicht bereit, sich mit bloßen Handlangerdiensten zufrieden zu geben - immerhin haben sie bereits Investitionen von 200 Millionen Euro für das Projekt zugesichert. Wie Brancheninsider berichten, zeigten Konzerne aus der Volksrepublik großes Interesse am Bau der Atomuhren, die für die Präzision des Galileo-Signals verantwortlich sein werden. Europas Raumfahrtindustrie hat sich geschworen, in kritischen Bereichen nicht mit außereuropäischen Partnern zu kooperieren. Doch der Schwur schützt nicht vor der Angst. 

"Der Abfluss von Kerntechnologie bereitet uns Bauchschmerzen", so Galileo-Experte Mager. Auch Sascha Lange von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin warnt: "Wenn die Chinesen mit eingebunden sind, kann man sich vorstellen, wer die Galileo-Produkte später anbieten wird." Bereits jetzt besteht an der Uni Peking ein Forschungszentrum, das sich Galileo widmet. Chinesische Parter haben Aufträge für die Entwicklung von Anwendungen unter anderem für die Fischerei erhalten - weitere werden folgen.

"Der Weg, den die deutsche Industrie zu oft gegangen ist"

Dabei setzt die EU in das Vorhaben große wirtschaftliche Hoffnungen. Man geht davon aus, dass sich für Galileo-Empfänger und Galileo-Dienstleistungen ein gigantischer Markt entwickelt. 150.000 Arbeitsplätze sollen dadurch allein in Europa geschaffen werden. Damit in Deutschland die Joboffensive gelingt, muss der Mittelstand den Jobmotor spielen.

Doch dort ist man sich der Herausforderung noch nicht bewusst. "Wir müssen dafür sorgen, dass die kleinen und mittleren Unternehmen der Branche eine Vorstellung von den Galileo-Möglichkeiten bekommen", sagt Michael Sandrock, Vorsitzender von TelematicsPRO. In diesem Verein sind rund 100 Firmen organisiert, die mit Datenverarbeitung und Nachrichtentechnik ihr Geld verdienen. Sandrock warnt: "Wer jetzt wartet, geht den Weg, den die deutsche Industrie schon zu oft gegangen ist" - immerhin haben sich chinesische Hersteller auch in Bereichen wie Unterhaltungselektronik oder beim Bau von Haushaltsgeräten in nur wenigen Jahrzehnten an die Weltspitze vorgearbeitet.

Der Kampf um den Standort für Massenproduktion der Galileo-Geräte lässt sich schon nicht mehr gewinnen - dafür sind die Bedingungen in China zu verführerisch. Und im Wettbewerb um die besten Galileo-Entwicklungen ist schnelles Handeln nötig. Das Problem: Ein kleiner Forschungsbetrieb mit dünner Personaldecke kann nicht mal eben eine Projektgruppe für eine Entwicklung abstellen, deren Grundlage erst 2010 existiert.

Deswegen haben vier Unternehmensverbände aus Berlin und Brandenburg im Sommer das Galileo Anwendungszentrum in der Hauptstadt gegründet. Dort sollen die 300 vertretenen Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen gemeinsam nach Innovationen suchen. Zu einer ersten Diskussionsrunde mit Vertretern von Galileo aus Brüssel und des Raumfahrtkonzerns EADS kamen rund 90 Firmenchefs - mehr als erwartet.

"Münchner Sippschaft"

Auch die fernöstliche Konkurrenz war ein Thema: Einige der Raumfahrtvertreter berichteten, sie seinen auf China-Reisen von den Gastgebern mit Fragen geradezu überrannt worden. Der Wissenshunger im Reich der Mitte ist gewaltig. Klar ist: "Der Wettbewerb wird hart. Dem können wir nur standhalten, wenn wir zusammen kämpfen", sagt Peter Hecker, Vorsitzender des Verbands der GeoInformationswirtschaft.

Laut Ulrich Theis vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) planen die Asiaten sogar ein eigenes GATE-Programm. Ursprünglich ist GATE ein deutsches Projekt, finanziert vom Bundesforschungsministerium. Es will Firmen und Universitäten ermöglichen, bereits jetzt mit dem Galileo-Signal zu forschen - lange bevor alle Satelliten im Orbit sind. Durch GATE wird sich die süddeutsche Stadt Berchtesgaden im Sommer 2006 in ein großes Labor verwandeln, in dem  Wissenschaftler und Ingenieure auf 65 Quadratkilometern die Zukunft simulieren. Sechs Sendemasten werden auf den Hügeln um die Stadt das Galileo-Signal ausstrahlen - ganz so, als seien die Satelliten schon unterwegs. Gegen eine Gebühr können Forscher und Ingenieure dort ihre Galileo-Erfindungen auf Tauglichkeit testen.

Eigentlich perfekte Bedingungen, um sich für den Kampf um die besten Galileo-Innovationen zu rüsten. Aber schon gibt es Streit darüber, wie förderlich das Projekt für den Technologie-Mittelstand wirklich ist. GeoInformations-Vertreter Hecker bemängelt, kleine Betriebe - zudem nichtbayerische - hätten es schwer, dort einen Fuß in die Tür zu bekommen. Branchenvertreter aus Norddeutschland teilen diese Einschätzung. Einer spricht sogar von der "Münchner Sippschaft". Bei GATE werden diese Vorwürfe zurückgewiesen.
Im Gegeneinanderkämpfen hat man bereits Weltniveau.



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