Gärtner in Detroit: Ackerbau in der Pleitestadt

Aus Detroit berichtet

Fotostrecke: Urbane Landwirtschaft versus Gemeinschaftsgärten Fotos
Anne Fritsch

Kartoffeln statt Einkaufszentrum, Obst statt U-Bahn: In der entvölkerten US-Pleitestadt Detroit erobern Kleingärtner die leeren Flächen. Doch auch Agrarunternehmen greifen nach den Böden. Es droht ein Kampf um Konzepte und Ideologien.

So wie in der Georgia Street sieht Detroit fast überall aus: Auf weniger als der Hälfte der Grundstücke stehen noch Häuser, viele sind verlassen, überwuchert, ausgebrannt und verfallen. Menschen sieht man nicht. An einer Ecke aber, auf einer der freien Flächen, sind Gemüsebeete angelegt, stehen junge Obstbäume, ein Mann schiebt eine Schubkarre voller Muttererde über den Fußweg. Auf einem handgemalten Schild steht: Georgia Street Community Garden.

Angelegt hat den Garten Mark Covington. Als er seinen Job verlor, zog er zurück in seine Heimatstadt Detroit. Er ärgerte sich über den Schutt auf dem Grundstück in der Nähe seines Elternhauses: "Ich wollte aufräumen, dachte mir aber: Das wird gleich wieder zugemüllt." Also legte er einen Gemüsegarten an. Es ging ihm nicht nur um Sauberkeit: Er wollte das Viertel vor dem Verfall retten, die Menschen zusammenbringen, vermitteln, was es bedeutet, Nahrung selbst anzubauen.

Bald tat sich eine Gruppe zusammen, pflanzte Gemüse und Obstbäume, legte einen kleinen Park mit Gewächshaus und Kinderspielplatz an. "Mit Erfolg", sagt Covington. "Das Viertel hat jetzt ein Zentrum."

Es ist diese Idee von Gemeinschaft, die Hunderte ähnliche Gartenprojekte in Detroit gedeihen lässt - unterstützt von der Organisation "Keep Growing Detroit", in der Mark Covington mittlerweile im Vorstand sitzt.

Geschäftsführerin Ashley Atkinson steckt die Ziele hoch: "Wir wollen für Detroit Lebensmittelautarkie erreichen." Mehr als 50 Prozent des hier verzehrten Obstes und Gemüses sollen innerhalb der Stadtgrenzen geerntet werden, "von Detroitern für Detroiter". Die Organisation versorgt schon mehr als 1400 Gärten, davon 900 regelrechte Stadtfarmen, mit Saatgut, Setzlingen und Infos.

Detroit, die "Essenswüste"

Die Gärten passen ins Konzept: Zwei Jahre lang hat ein Team aus Stadtplanern, Unternehmern und Bewohnern an einem Zukunftsentwurf für Detroit gearbeitet. Unter dem Titel "Detroit Future City" veröffentlichten sie den ersten Plan, der akzeptiert, dass die Stadt nicht mehr wie einst zwei Millionen Einwohner haben wird. Die Neunutzung von freien Flächen nimmt viel Raum in dem 350-Seiten-Konzept ein, als Orte der Zusammenkunft, Stärkung von Gemeinschaft und zur Produktion.

Die Selbstversorgungsidee ist tief in der Stadt verwurzelt: Ende des 19. Jahrhunderts steckte Detroit schon einmal in einer tiefen Wirtschaftskrise. Der damalige Bürgermeister Hazen Pingree rief Grundbesitzer dazu auf, den hungernden Familien freie Grundstücke zur Verfügung zu stellen, damit die Armen dort Kartoffeln und Gemüse anbauen konnten. Andere Städte wie New York, Boston oder Chicago ahmten den "Potato Patch Pingree" getauften Plan nach.

Auch heute fehlt es den Armen in Detroit an Lebensmitteln, die Stadt gilt als "Food Desert", als Essenswüste: Weil es im Stadtgebiet kaum Supermärkte gebe, gleichzeitig aber kaum Busse, seien arme Familien, die sich kein Auto leisten könnten, darauf angewiesen, sich von Fastfood zu ernähren. Ketten wie McDonald's oder Dunkin' Donuts gebe es nämlich fast überall - so schreiben es Organisationen wie "Detroit Food Justice" oder das "Detroit Black Community Food Security network". Gemüsegärten seien notwendig, um die Menschen in der Stadt mit Vitaminen zu versorgen.

"Die Menschen wollen kein Gemüse"

Mike Score hält das für Unsinn. Er ist in Detroit aufgewachsen und hat den jahrzehntelangen Niedergang seines Viertels beobachtet: Hier bekommen besonders viele Menschen Essensmarken, einen Lebensmittelladen aber gibt es nicht. Mit einem Freund wollte Score den ehemaligen Markt wiederbeleben. Er schrieb einen Businessplan, kaufte Obst und Gemüse und stellte Stände auf dem alten Markt auf. "Sechs Wochen lang haben wir nichts verkauft", bilanziert Score. "Seitdem weiß ich, dass die Menschen kein Gemüse wollen."

Mike Score wurde zum Gegenspieler von Menschen wie Covington und Atkinson. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Score in der Landwirtschaft. Er beriet Getreidebauern, arbeitete in Afrika und kehrte schließlich in seine Heimatstadt zurück. An der Universität von Michigan gab er Vorlesungen und erstellte Businesspläne für landwirtschaftliche Unternehmungen.

Die gescheiterte Marktidee ließ ihn nicht los, er wollte die leeren Grundstücke Detroits kommerziell nutzen und in großem Stil bewirtschaften: "Ich wollte mehr als eine Farm, ich wollte die Stadt besser machen." Vier Jahre lang versuchte er vergeblich die Finanzierung zu stemmen - dann kam das Geld zu ihm. Der Multimillionär John Hantz gab ihm den Auftrag, einen Businessplan für einen Agrarbetrieb innerhalb der Stadtgrenzen zu erstellen. Score lieferte, und Hantz ernannte ihn zum Geschäftsführer von Hantz Farms.

John Hantz hat mit einem weitverzweigten Finanzkonzern ein Vermögen gemacht und lebt in einem der schönsten Viertel im Südosten der Stadt, dem Indian Village. Hier lässt sich die alte Größe von Detroit spüren: Eine Villa reiht sich an die nächste, alte Baumriesen spenden Schatten. Auf dem Weg zur Arbeit, 35 Kilometer quer durch die Stadt, beobachtete Hantz den Niedergang der Stadt und wollte das weder hinnehmen noch einfach wegziehen. Das Testfeld, ein Rechteck von 2,5 Quadratkilometern, ist nur ein paar Straßen von seinem Haus entfernt.

Ursprünglich wollten Hantz und Score "die größte städtische Farm der Welt" aufbauen, mit Hightech-Gewächshäusern, Obstplantagen und Weihnachtsbaumpflanzungen. Weil sich die Stadt aber erst im April 2013 dazu entschlossen hat, den Anbau von Lebensmitteln zu erlauben, ist Hantz Farms vorerst in die Holzwirtschaft eingestiegen und pflanzt jetzt Bäume. Die Flächen, die das Unternehmen bereits besitzt, sind vom Schutt gesäubert und werden regelmäßig gemäht. Das Viertel, durch das die Hantz-Gärtner mit ihren Aufsitz-Rasenmähern knattern, verändert sich. Wie öffentliche Parks sehen die Flächen aus, und das sei auch das eigentliche Ziel, sagt Score. Hantz und er wollten die Stadt lebenswerter machen. "Das verwirrt die Leute", sagt Score, "große Konzerne tun so etwas nicht."

Zehn Prozent Rendite mit Holz

Aber natürlich wird Hantz auch mit diesem Projekt Gewinn machen: "Mit dem Holz werden wir jährlich fünf bis zehn Prozent Rendite einfahren", sagt Score, dafür investiert das Unternehmen fünf Millionen Dollar. Es ist eine Langzeitinvestition: Der Zyklus für den Holzanbau beträgt 40 bis 60 Jahre. Sofort dagegen könnte die Firma Speisepilze anbauen, Blumen und Büsche für Gärten züchten, die Flächen könnten sie für Events und Festivals vermieten, für Hochzeiten oder Abschlusspartys. "Für Unternehmer gibt es viele Möglichkeiten", sagt Score, und genau das ärgert die zahllosen gemeinnützigen Organisationen.

Denn so lauter die Motive von Hantz und Score auch sein mögen, sie haben es geschafft, die Stadtverwaltung davon zu überzeugen, ihnen das benötigte Land zu einem Spottpreis zu überlassen. Hantz kann freie Flächen für umgerechnet 64 Cent pro Quadratmeter von der Stadt erwerben. Die gemeinnützigen Initiativen tobten: Sie dürfen das Land, das sie seit Jahren bestellen, nicht kaufen - und können nicht von möglichen Wertsteigerungen profitieren.

Setzen sich die Gemeinschaftsgärten durch, die Tausenden Detroitern eine Beschäftigung geben, aber keine Arbeitsplätze schaffen oder Steuern generieren? Oder das Konzernmodell von Hantz, mit wenigen Beschäftigten und industrieller Bewirtschaftung? Sicher ist: Die Versorgung von Ballungszentren war schon immer kompliziert und die Bedeutung von urbaner Landwirtschaft dürfte in den kommenden Jahrzehnten steigen. Detroit könnte als städtisches Versuchslabor das Vorbild sein für viele Großstädte weltweit. Während sich Gemeinschaftsgärten vor allem bei hippen Stadtbewohnern weltweit durchsetzen, steigt auch das Interesse an Großprojekten wie jenes von Hantz Farms.

Die US-Stadt Cleveland beispielsweise, deren Bevölkerung ähnlich stark schrumpft wie in Detroit, hat sich das Modell schon präsentieren lassen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. La Fayette Garden fehlt
cybergino 17.08.2013
In diesem interessanten Beitrag fehlt der Hinweis auf den Downtown Detroit auf dem Gelände des ehemaligen La Fayette Buildung geschaffenen Areals mit Gemüse, Kräutern und Blumen. Die Ernten werden einer Hilfsorganisation zur Verfügung gestellt.
2. Daumen hoch ,für die Kleingärtner ...
kampftier 17.08.2013
Finde ich Super
3. Back to nature
s_v_l 17.08.2013
Zitat von sysopAnne FritschKartoffeln statt Einkaufszentrum, Obst statt U-Bahn: In der entvölkerten US-Pleitestadt Detroit erobern Kleingärtner die leeren Flächen. Doch auch Agrarunternehmen greifen nach den Böden. Es droht ein Kampf um Konzepte und Ideologien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/gartenbewegung-gegen-agrarkonzern-detroit-veraendert-sich-a-916535.html
Respekt für die Initiativen der Bürger. Wenn die Großindustrie den Bach runter geht, rudert man zurück und hilft sich selbst. Ob das so - relativ unbürokratisch - auch bei uns möglich wäre? Ich bezweifle es.
4.
Freidenker10 17.08.2013
Hoffe der Rest der USA folgt bald!
5. Nicht nur Landwirtschaftsprojekte
bigkahoona 17.08.2013
Auch in der Energiegewinnung werden solche Nachbarschafts- und Gemeinschaftsprojekte in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Weg von der Abhängigkeit der zentralen Versorgung und dem Preisdiktat der Großkonzerne, hin zur Selbstversorgung. Das wird den Energielobbyisten und den Politmarionetten in ihren Diensten natürlich nicht schmecken. Man darf auf Widerstand von dieser Seite gefasst sein. http://www.zweitausendeins.de/rob-hopkins-energiewende-das-handbuch.html
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Wirtschaft in den USA
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 56 Kommentare
Fotostrecke
Pleitestadt Detroit: Von der Motor City zur Bike City

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite

Fotostrecke
Bankrottes Detroit: "Tiefpunkt der Stadt"