Gasprom-Media Der nimmersatte Gigant

Russlands kremltreuer Energiegigant Gasprom ist längst auch eine Größe im Mediensektor. Nachdem er mehrere TV-Kanäle, Radiosender und Zeitungen übernommen hat, liebäugeln seine Manager nun mit neuen Zukäufen. Droht vor den nächsten Wahlen die Monopolisierung der russischen Medien?

Von André Ballin, Moskau


Moskau - Russlands Presse spekuliert derzeit über den Verkauf von zwei einflussreichen Tageszeitungen: Die "Komsomolskaja Prawda" und der "Kommersant" sollen ihren Besitzer wechseln. Als möglicher Käufer gilt der Gasprom-Konzern, der als Monopolist auch das russische Gasgeschäft kontrolliert. Wie ein Krake hat er seine Arme in immer weitere Sektoren der russischen Wirtschaft ausgestreckt. Von Öl- über Finanzunternehmen bis hin zu einer Medienholding spannen sich die verschiedenen Aktivitäten des Giganten.

Gasprom-Zentrale: Kritische Medien auf Linie gebracht
DPA

Gasprom-Zentrale: Kritische Medien auf Linie gebracht

Die Gasprom-Media AG ist nur eines der vielen Tochterunternehmen. Sie ist für die Verwaltung der verschiedenen, dem Konzern unterstehenden Medien verantwortlich. Der jährliche Umsatz der Media-Holding liegt inzwischen bei über 600 Millionen Dollar, der Reingewinn bei knapp 100 Millionen.

Wichtigster Besitz der Aktiengesellschaft ist der Fernsehsender NTW und die dazugehörenden Reklame- und Kinoproduktionsgesellschaften. Es ist das Erbe des ehemaligen Medien-Oligarchen Wladimir Gussinski, das sich Gasprom in einer harten Übernahmeschlacht zu Beginn der Putin-Ära im Auftrag des Kremls aneignete.

Vordergründig ging es dabei um finanzielle Auseinandersetzungen, denn Gussinski schuldete Gasprom immerhin gut 200 Millionen Dollar. Dass der Erdgasriese freilich im Auftrag der Kremlführung aktiv wurde, ist heute kein großes Geheimnis mehr. Der zuvor kremlkritische Sender NTW (der allerdings auch nur dann aktiv wurde, wenn es den Geschäftsinteressen Gussinskis entsprach) wurde auf Linie gebracht.

Mit NTW, dem Satellitenkanal NTW Plus und dem Unterhaltungssender TNT ist Gasprom-Media im russischen TV-Sektor gut aufgestellt. NTW wird bei der Zuschauerquote allenfalls noch von den staatlichen Sendern "Perwij Kanal" und "Rossia" übertroffen. TNT zielt mit seinen seichten Seifenopern und den Reality-Shows à la Big Brother auf das jüngere Publikum zwischen 18 und 45 Jahren. Das ist gut für die Werbeeinnahmen. Politische Berichterstattung spielt bei TNT keine Rolle.

Das ist das Privileg des Radiosenders "Echo Moskaus", der auch Jahre nach seiner Übernahme durch Gasprom-Media kaum etwas von seiner Kritikfähigkeit eingebüßt hat. Politische Beobachter sind sich uneins über den Status des Senders. Während die einen dem Sender lediglich eine Feigenblattfunktion zuschreiben, begründen andere Experten die Unabhängigkeit des Senders mit der starken Person des Chefredakteurs Alexej Wenediktow, der sich im Gegensatz zum ehemaligen Chefredakteur von NTW, Sergej Kisseljow, nicht in schmutzige "Informationskriege" hineinziehen ließ.

"Echo Moskaus" sendet inzwischen weit über die Grenzen der russischen Hauptstadt hinaus. Doch das Konzept des reinen Informationssenders spricht nur eine kleine Anzahl von Hörern an. Weitaus populärer sind die ebenfalls zu Gasprom-Media zählenden Radiostationen "Perwoje populjarnoje radio" ("Erstes populäres Radio") mit täglich 350.000 Zuhörern und "Radio Next", das allerdings nur in Moskau sendet. Die Radiosparte der Medien-Holding wird durch Relax-FM und City-FM vervollständigt. Weitere Sender sollen allerdings noch hinzukommen.

Zukauf beim Nickel-Milliardär

Neben den elektronischen Medien hat Gasprom-Media auch den Pressemarkt gut abgedeckt. Zum Imperium gehört das Verlagshaus "7 dnjej" ("7 Tage"), das sowohl politische Journale als auch auflagenstarke Fernseh- und Frauenzeitschriften herausgibt. Die Gesamtauflage der Zeitschriften liegt bei knapp 60 Millionen Exemplaren. Damit ist "7 dnjej" einer der Marktführer in Russland.

Außerdem zählen die bekannten Tageszeitungen "Tribuna" und "Iswestija" und die Petersburger Regionalzeitung "Tschas Pik" zu Gasprom-Media. Die "Iswestija" übernahm die Gruppe erst im vergangenen Jahr vom Multimilliardär Wladimir Potanin. Potanin machte sein Geld in der russischen Buntmetallbranche. Doch wie es in den neunziger Jahren üblich war, hielt sich der Oligarch auch seine eigenen Medien. Das ihm gehörende Verlagshaus Prof-Media ist eines der größten in Russland.

Im Gegensatz zu den Mediamagnaten Gussinski und Beresowski trat Potanin nie in Konflikt mit dem Kreml. So durfte er sein Medienimperium behalten. Nun sieht es allerdings so aus, als wolle sich der 45-Jährige freiwillig davon trennen.

So scheint sich für Gasprom-Media ein großes Geschäft anzubahnen. Die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda", die Potanin gehört, soll nämlich für schätzungsweise 300 Millionen Dollar den Besitzer wechseln.

Die Auflage der Zeitung liegt täglich bei ungefähr vier Millionen Exemplaren in Russland und weiteren Staaten der früheren Sowjetunion. Die dicke Wochenbeilage kommt sogar auf zehn Millionen Leser. Damit ist das Blatt vor den wichtigen Duma- und Präsidentschaftswahlen 2007 und 2008 ein begehrtes Übernahmeobjekt. Die "Komsomolskaja Prawda" ist ein Massenagitator, der sich schon zu Sowjetzeiten bewährt hat. Auf die politische Elite hat das Blatt allerdings wenig Einfluss. Diese Lücke könnte Gerüchten zu Folge das Wirtschaftsblatt "Kommersant" füllen, das hohen Einfluss unter dieser Leserschaft besitzt.

Gasprom-Media hat allerdings bestritten, dass es sich mit dem derzeitigen Eigner Badri Patarkazischwili, einem alten Partner des Exilmagnaten Boris Beresowski, in Verhandlung befinde. Beide stehen in Russland auf der Fahndungsliste, weil sie in den neunziger Jahren illegale Exportgeschäfte mit Lada-Pkw gemacht haben sollen.

Außerdem ist die Kaufsumme mit 350 Millionen Dollar für die vergleichsweise niedrige Auflage der Zeitung relativ hoch. Denn neben dem politischen Nutzwert muss Gasprom-Media auch an wirtschaftliche Rentabilität denken. Die russische Fachzeitschrift "Reklame-Industrie" will von dem baldigen Börsengang der Gasprom-Tochter erfahren haben. Insofern sind Zukäufe nur dann nützlich, wenn sie den Kapitalwert des Unternehmens erhöhen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.