Gastarbeiter in Dubai Luxuswelt aus Sklavenhand

Tausende südasiatische Gastarbeiter haben Dubai den Aufstieg in die Glamour-Liga der Weltmetropolen ermöglicht. Sie selbst haben nichts davon - nur Schulden, Hungerlöhne und miese Lebensbedingungen. Ein Bericht von Menschenrechtlern enthüllt die dunklen Seiten der Luxuswelt.

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Hamburg - Bauarbeiter Sattar aus dem indischen Rajasthan hat seinen Job in Dubai teuer erkauft. 80.000 indische Rupien, rund 1800 Dollar, musste er sich von Verwandten und Freunden leihen. So viel knöpfte ihm eine Arbeitsvermittlungsagentur für den Flug nach Dubai, Visum und Gesundheitstest ab. Sattar zahlte bereitwillig: Die Hoffnung auf ein geregeltes Einkommen für sich, seine Frau und seine drei Kinder war groß. Hoffnung auf ein besseres Leben.

Der 42-Jährige bekam einen Job in einem Bauunternehmen in dem Emirat. Auf das bessere Leben wartet er bis heute. Sattar ist einer von schätzungsweise einer halben Million Gastarbeitern, die auf Baustellen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) für einen Hungerlohn schuften. Menschenrechtsorganisationen sprechen bisweilen von moderner Sklavenhaltung.

Dank Menschen wie Sattar hat sich Dubai, das Vorzeigeemirat, zu einer Glitzerwelt entwickelt, in der es keine Bescheidenheit gibt. Hunderte Gebäude sind derzeit im Bau. Sie sollen größer, schöner und beeindruckender als alles bisher Dagewesene werden; es kann nicht genug Marmor und Gold sein. Die Gastarbeiter aus Indien, Pakistan, Bangladesh und Sri Lanka leben derweil unter menschenunwürdigen Bedingungen auf den Baustellen - zu acht in winzigen Gemeinschaftsunterkünften, wo die einzigen Möbel doppelstöckige Betten sind, die Toilette auf dem Flur. Später stehen an derselben Stelle Luxushotels, Glaspaläste und mondäne Hochhäuser.

"Türme bauen, Arbeiter betrügen"

Ein Bericht der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, der jetzt in New York veröffentlicht wurde, legt die düstere Seite einer Volkswirtschaft offen, die der Welt gerne ihre Erfolge präsentiert. Bebildert hat ihn der iranische Starfotograf Abbas.

Dem Bericht zufolge sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter nicht nur ausbeuterisch, sondern lebensbedrohlich. "Türme bauen, Arbeiter betrügen" ist der 58-seitige Report überschrieben. Die Organisation befragte Betroffene, Regierungsvertreter in der Hauptstadt Abu Dhabi, Diplomaten aus den Herkunftsländern der Gastarbeiter, Journalisten und Juristen, inspizierte Baustellen, Arbeitersiedlungen und Krankenhäuser.

Besonders beunruhigend sei die hohe Zahl der Todesfälle und Verletzungen unter Gastarbeitern, schreibt Human Rights Watch. Offizielle Zahlen veröffentlichte bislang nur Dubai: 2004 starben hier 34 Arbeiter, 2005 sogar 39. Einer Schätzung der Zeitschrift "Construction Week" zufolge, auf die sich die Menschenrechtsorganisation beruft, sollen aber in allen Emiraten allein im Jahr 2004 rund 880 Gastarbeiter ums Leben gekommen sein - 460 aus Indien, 375 aus Pakistan und 45 aus Bangladesh. Unklar sei, wie viele tatsächlich durch Unfälle starben. Möglich sei auch, dass viele von ihnen durch Hitzschlag ihr Leben verloren.

Nach Angaben der Menschenrechtler arbeiten rund 600.000 Gastarbeiter aus Südasien in den VAE allein im Baugewerbe, mehr als die Hälfte davon in Dubai. Zählt man andere Branchen hinzu, leben 2,7 Millionen ausländische Arbeitskräfte in dem Land, Verkäufer, Dienstleistungspersonal, Industriearbeiter, alles in allem 95 Prozent aller Arbeitskräfte in der dortigen Privatwirtschaft. Zusammen mit ihren Familienangehörigen machen Ausländer sogar 80 Prozent der 4,1-Millionen-Bevölkerung in den VAE aus.

Minibezahlung im Hochlohnland

Die Menschenrechtler beziffern den durchschnittlichen Lohn der ausländischen Bauarbeiter mit 175 Dollar im Monat. Dabei betrage das Durchschnittseinkommen pro Kopf und Monat in den VAE 2106 Dollar - Human Rights Watch spricht deshalb von einem klaren Fall von Ausbeutung. "Die Vereinigten Arabischen Emirate erleben einen der größten Baubooms der Welt", heißt es in der Untersuchung. Die Arbeiter hätten aber nichts davon.

Das Übel beginnt schon bei der Rekrutierung der Arbeiter, für die die Jobsuchenden bis zu 3000 Dollar zahlen müssten; wie Sattar leihen sich die meisten das Geld. Angesichts der niedrigen Löhne seien sie anschließend mehrere Jahre damit beschäftigt, ihre Schulden zu begleichen.

"Die häufigste Klage der Arbeiter ist aber, dass Löhne zum Teil gar nicht ausgezahlt werden", heißt es in dem Bericht. Die Bauunternehmen würden das Geld einfach zurückhalten - und die hoch verschuldeten Arbeiter damit erst recht in Bedrängnis bringen. Die Familien in den Heimatländern würden über Jahre nichts von dem Einkommen sehen. In manchen Fällen hätten die Arbeiter nicht einmal mehr genügend Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen - sie müssten noch mehr Schulden machen, um zu überleben.

Pässe konfisziert - aus Angst vor Arbeiterflucht

"Wir werden seit fünf Monaten nicht mehr bezahlt", zitiert Human Rights Watch einen Mann mit dem Namen Mahmoud A. Gemeinsam mit 22 Kollegen hat A. Beschwerde beim Arbeitsministerium eingereicht und den Arbeitgeber gebeten, den Arbeitsvertrag aufzulösen. "Die Firma hat angeboten, uns einen Monatslohn zu zahlen - und die restlichen Gehälter, die sie uns schuldet, im Gegenzug dafür, dass sie uns gehen lässt, zu behalten."

Dass Arbeitgeber in den Emiraten schon routinemäßig zwei Monatsgehälter und die Reisepässe der Gastarbeiter einbehalten, um so eine Flucht zu verhindern, rege selbst die Betroffenen nicht mehr auf - obwohl diese Praxis arabischen Gerichtsurteilen widerspricht. Die Menschenrechtler kritisieren, dass die Regierung nichts unternehme, solche illegalen Methoden im Umgang mit Mitarbeitern zu unterbinden.

Mit Protesten halten sich die Arbeitnehmer aus Angst vor Repressionen zurück. Im September 2005 kam es zum bislang größten Arbeiterstreik: Rund 800 Mitarbeiter von Al Hamed Development und Construction, einem der größten Bauunternehmen des Landes, legten ihre Arbeit nieder, weil sie seit Mai keinen Lohn mehr erhalten hatten. Arbeitsminister Ali bin Abdullah Al Kaabi schaltete sich ein und rief das Unternehmen öffentlichkeitswirksam auf, "innerhalb der nächsten 24 Stunden" die Löhne auszuzahlen. Human Rights Watch fand heraus, dass bis April 2006 nur zwei Monatslöhne nachgezahlt wurden - der Rest steht noch immer aus.

Regierung in Abu Dhabi droht Streikenden

Im März gelobte die Regierung in Abu Dhabi Besserung. Das Arbeitsministerium versprach, bis Ende des Jahres Gewerkschaften und Tarifverhandlungen zu erlauben. Bislang ist es bei dem Versprechen geblieben. Im September beschloss das Ministerium sogar, streikenden Gastarbeitern die Arbeitserlaubnis zu entziehen - und damit die Aufenthaltsgenehmigung, die in den meisten Fällen daran geknüpft ist. Zuvor hatte die Regierung Arbeiter aus dem Land geworfen, die verdächtigt worden waren, Streiks organisiert zu haben.

Das Hauptproblem, schlussfolgert Human Rights Watch, ist das Fehlen einer Zivilgesellschaft in den VAE. Es gebe niemanden, der Menschenrechtsverletzungen überwachen und kritisieren würde. Empfehlungen der Organisation an die Regierung in Abu Dhabi, zum Beispiel Unternehmen die Zusammenarbeit mit Rekrutierungsagenturen zu verbieten und eine unabhängige Kommission einzusetzen, die die Lage der Gastarbeiter untersucht, dürften daher auf fruchtlosen Boden fallen.

Der Uno-Botschafter der VAE in New York, Abdulaziz Nasser Al-Shamsi, hält die Kritik der Menschenrechtler für verfehlt. In einem Brief an Human Rights Watch schreibt er, schon der Begriff Gastarbeiter sei falsch. Schließlich seien diese Menschen ja nur für einen begrenzten Zeitraum in den Emiraten und würden nach Ablauf ohnehin wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Angesichts der kulturellen Vielfalt unter den ausländischen Arbeitern gebe es eben keine einheitlichen Regeln. Seine Definition von Gastarbeitern bleibt er allerdings schuldig.



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