Gastkommentar: Konsum ist geil

Von Christoph Keese

Der Kanzler appelliert an die Kaufbereitschaft der Deutschen. Mit Recht: Sie geben zu wenig Geld aus.

Irgendein Pressesprecher oder Fernsehregisseur hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeredet, sich für seine Neujahrsansprache auf ein Schwenkpodest vor die Glasfenster seines Amtes zu setzen. So sahen die Zuschauer diesmal keinen Staatsmann hinter dem Schreibtisch, sondern einen drehfreudigen Kanzler, der Karussell durch das 180-Grad-Panorama des Regierungsviertels fuhr.

Rabatt-Wahn: Der Konsum mau, die Sparquote bedenklich hoch
DDP

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Auch inhaltlich wagte Schröder etwas Neues: Nachdem er seit Jahren in der Rolle des zentralen Watschenmannes für die Konjunktur-Malaise steckt und in den vergangenen neun Monaten von allen Seiten Beschwerden für sein Reformprojekt Agenda 2010 entgegengenommen hat, erinnerte er die Bürger anlässlich des Jahreswechsels an ihre eigene Verantwortung für das Wirtschaftsklima. Er forderte sie in vorsichtigen Worten zu mehr Konsum auf.

Die Reaktion auf diesen Vorstoß fiel nüchtern bis ablehnend aus. Viele Leitartikler warfen Schröder vor, die Verantwortung für die Stagnation zu leugnen und dem Volk Unmögliches abzuverlangen. Ein Vorwurf, der ins Leere geht. Man muss kein Kennedy sein und nicht fordern, jedermann solle, bevor er etwas vom Staat verlangt, erst einmal fragen, was er selbst für den Staat tun kann. Ganz ohne Wir-sind-das-Volk-Pathos lässt sich ökonomisch gut begründen, warum Konsum im Jahr 2004 die erste Bürgerpflicht sein sollte.

Auf zur Konsum-Offensive

Drei Gründe sprechen für tatkräftige Hilfe der Basis. Erstens: Bei allem Ärger über die lange Dauer des parlamentarischen Prozesses, den die Agenda 2010 durchlaufen hat, und bei aller Unzulänglichkeit des Ergebnisses lässt sich nicht leugnen, dass Politik und Staat sich bewegen.

In den neunziger Jahren waren vor allem die Privatunternehmen durch Struktur- und Globalisierungskrisen herausgefordert und haben sich saniert. Zum Beispiel die Automobilindustrie erfand sich vor rund zehn Jahren komplett neu und steht seitdem blendend da. Der öffentliche Sektor hingegen erkannte den Anpassungsdruck lange nicht und schob seine ungelösten Probleme gefährlich unbesorgt vor sich her.

Inzwischen ist die Politik des Aussitzens einem Wettlauf um Reformen gewichen. Wegen des demokratischen Prozesses zwar langsam, unter dem Strich aber erfolgreich, wird der Umbau des öffentlichen Sektors ausfallen. Wenn Firmen und Staat Bereitschaft zum Wandel zeigen, ist es nur legitim, nach dem Beitrag der privaten Haushalte zu fragen.

Jeder Bürger muss durch die Folgen von Rezession und Massenarbeitslosigkeit Opfer bringen - keine Frage. Doch dieses passive Leiden kann eine aktive Rolle nicht ersetzen. Mit dem Argument "Wir mussten doch schon so viel ertragen" lässt sich ein Aufruf zu mehr Engagement nicht abwehren.

Die gegenwärtige Stagnation ist auch eine Folge verbreiteter Passivität. Durch Stillhalten, flaches Atmen und leises Beten für den Aufschwung wird kein Boom ausbrechen. Aktive, zuversichtliche Bürger sind unverzichtbar für eine Volkswirtschaft. 2004 wäre ein gutes Jahr, um von den Zuschauerplätzen aufzustehen, das Nörgeln sein zu lassen und auf optimistisches Konsumverhalten umzuschalten.

Zweiter Grund: Die Deutschen sparen zu viel und entziehen dem Konsum damit zu viel Geld. In den USA liegt die Sparquote - also der Anteil des Sparens der privaten Haushalte am verfügbaren Einkommen - bei 3,3 Prozent, in Deutschland nach dem jüngsten Bericht des Sachverständigenrats bei elf Prozent.

Von 1994 bis 2000 war die deutsche Sparquote kontinuierlich von zwölf auf unter zehn Prozent gesunken, doch seit dem Crash der New Economy steigt sie wieder an. In den USA lag der Wert im vergangenen Jahrzehnt nie über 8,7 Prozent. Die Deutschen nehmen mit ihrem Hang zum Sparen eine Ausnahmestellung ein, was laut Sachverständigenrat "dämpfend auf die Konsumgüternachfrage" wirkt und ein "Ausdruck großer Unsicherheit" ist.

Arbeitslosigkeit durch Sparwut

Zwangsläufige Folge des besessenen Sparens sind massiv sinkende Konsumquoten. Wenn der eine aufhört, dem anderen die Früchte seiner Arbeit abzukaufen, gibt es bald keine Arbeit mehr. Konsum ist praktizierte Nächstenliebe - er schützt den Job des Nachbarn und versetzt diesen in die Lage, seinerseits Arbeitsplätze zu retten.

Die Steuersenkung, die jetzt in Kraft tritt, erhöht zwar das verfügbare Einkommen der Haushalte, aber noch nicht ihren Konsum. Dieser steigt erst durch die willkürliche Entscheidung der Bürger, ihr Geld nicht auf die hohe Kante zu legen, sondern auf den Markt zu tragen. Für diese Entscheidung ist kein Kanzler und kein Parlament verantwortlich - es ist die alleinige Pflicht des Einzelnen.

Dritter Grund: Konsum in der Gegenwart verbessert die wirtschaftliche Lage jedes Bürgers in der Zukunft. Man kann zwar argumentieren, Schröders Konsumaufruf stünde im Widerspruch zu den ständigen Appellen der Politik, mehr für die eigene Altersversorgung zu tun. Wer für das Alter spart, so das Argument, könne nicht konsumieren. Doch das ist ein Scheinwiderspruch.

Das Ansparen heutiger Arbeitsleistung in Form von Geld führt nicht zum erhofften Wohlstand im Alter, wenn die Bundesrepublik auf dem Weg dorthin ihre ökonomische Grundlage zerstört. Zugespitzt gesagt: Die Rente der Babyboomer wird nicht dadurch sicherer, dass alle ihr Geld wegsperren und ab 2024 beherzt ausgeben. Ein gesundes Maß an Sparen ist gut, alles was darüber hinausgeht, ist eine Wohlstandsillusion.

Gesund ist eine Sparquote von vielleicht sechs oder acht Prozent. Um dorthin zu kommen, gibt es nur einen Weg: Kreditkarten entriegeln und einkaufen gehen.

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