Wirtschaft in Gaza Aufbau Nahost - die fast unmögliche Mission

Zerstörte Fabriken, kaum Strom, eine Wirtschaft in Trümmern: Bereits vor dem Krieg litten die Menschen in Gaza, jetzt hat sich die Lage noch einmal dramatisch verschärft. Ein Ende der Blockade könnte Besserung bringen, doch Israel sträubt sich.

Eselskarren vor brennendem Kraftwerk in Gaza: Die Wirtschaft liegt in Trümmern
REUTERS

Eselskarren vor brennendem Kraftwerk in Gaza: Die Wirtschaft liegt in Trümmern

Aus Tel Aviv berichtet


Die Besucher aus Europa waren ganz begeistert: "Die Stadt Gaza ist sehr reich an allen Dingen", schrieb ein Gast aus England. "Gaza ist eine lebenslustige und wohlhabende Stadt", urteilte ein Reisender aus Frankreich. Und ein Besucher aus Italien schrieb: "Gaza ist ein lobenswerter Ort. Ihre Früchte sind sehr gut. Es gibt gutes Brot und Wein." Die Stadt, von der die Chronisten in ihren Reiseerzählungen berichten, ist das Gaza des Mittelalters. Damals war der Ort eine bedeutende Hafenstadt, heftig umkämpft zwischen Muslimen und Kreuzfahrern.

Umkämpft ist Gaza immer noch, vom einstigen Reichtum ist nichts übrig geblieben. Nach mehr als vier Jahrzehnten israelischer Besatzung, sieben Jahren Blockade und mehreren Kriegen liegt die Wirtschaft buchstäblich in Trümmern. Nach Beginn einer erneuten Waffenruhe in der seit mehr als vierwöchigen Eskalation des Konfilkts ist das genaue Ausmaß der Zerstörung im Palästinensergebiet ist noch gar nicht absehbar.

Der Gaza-Streifen hat 2008/09 und 2012 bereits verheerende Angriffe überstanden, doch noch nie waren die Schäden so schwer wie jetzt. Es fehlt am Nötigsten. Schon vor dem jüngsten Krieg mussten die 1,8 Millionen Palästinenser im Gaza-Streifen im Schnitt acht Stunden pro Tag ohne Strom auskommen - derzeit sind es 20 Stunden. 40 Megawatt Strom kommen derzeit über Leitungen aus Israel nach Gaza, 32 Megawatt aus Ägypten. Das ist weniger als ein Drittel des Vorkriegsniveaus.

70 Prozent der Einwohner brauchen humanitäre Hilfe

Das palästinensische Wirtschaftsministerium geht davon aus, dass der entstandene Schaden zwischen vier und sechs Milliarden Dollar beträgt. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt des Gaza-Streifens liegt nach Angaben der Weltbank gerade einmal bei 2,9 Milliarden Dollar. Im Zuge der Militäroperation "Fels in der Brandung" tötete Israels Armee nicht nur mehr als 1800 Menschen und zerstörte mehr als 30.000 Wohnungen. Auch das einzige Kraftwerk, zahlreiche Wasserpumpstationen, Fabriken und Industrieanlagen wurden beschossen. Augenzeugen sprechen von 175 bis 250 Unternehmen, die nun vor dem Nichts stehen.

Eine funktionierende Wirtschaft, die über Exporte zum Wohlstand beitragen kann, hat sich in dem schmalen, dicht besiedelten Küstenstreifen in den vergangenen Jahrzehnten praktisch nie entwickelt. Bis Mitte der Neunzigerjahre war Gaza in erster Linie ein Reservoir für billige Arbeitskräfte. Zehntausende Palästinenser pendelten täglich nach Israel und verdienten dort ihr Einkommen. Dann sprengten sich palästinensische Selbstmordattentäter in Tel Aviv und Jerusalem in die Luft, und Israel machte die Grenzen dicht.

Noch schlimmer wurde die Lage für die Bevölkerung mit dem Beginn der israelischen Blockade des Gaza-Streifens. Inzwischen sind 70 Prozent der Einwohner auf humanitäre Hilfe angewiesen, die zum Großteil von den Vereinten Nationen bereitgestellt wird. Die Arbeitslosenrate lag im ersten Quartal 2014 offiziell bei 40,8 Prozent. Nach dem Krieg dürfte sie noch einmal deutlich nach oben schnellen.

Gaza durfte Datteln und Palmwedel ausführen

Derzeit lässt Israel nur humanitäre Güter in das abgeriegelte Gebiet: Lebensmittel, Wasser, Benzin, Medikamente. Als Besatzungsmacht, die Gazas Außengrenzen kontrolliert, ist Israel dazu völkerrechtlich verpflichtet.

Damit der Gaza-Streifen aber überhaupt so etwas wie eine wirtschaftliche Perspektive bekommt, müssten die Grenzen geöffnet werden. Derzeit darf praktisch gar nichts aus Gaza exportiert werden. Seit März 2012 haben nur 55 Lastwagen mit Gütern das palästinensische Gebiet verlassen dürfen - Datteln und Palmwedel ließen Israels Grenzkontrolleure passieren.

"Wenn ihr uns in Ruhe lasst, lassen wir euch in Ruhe", ist ein Versprechen, dass Israels Regierung den Menschen hinter dem Grenzzaun seit Jahren macht. Doch für die Palästinenser ist die israelisch-ägyptische Blockade selbst in Zeiten relativen Friedens ein alltäglicher Affront, der ein Leben in Würde und Ruhe fast unmöglich macht.

Israel will eine Lockerung der Blockade nur zulassen, wenn die Hamas im Gegenzug ihre Waffen abgibt und der Gaza-Streifen demilitarisiert wird. Die Regierung von Benjamin Netanjahu verweist darauf, dass Zement und andere Materialien, die seit 2012 über die Grenzen gelassen wurden, offenbar für den Bau von Tunneln zweckentfremdet wurden. Dabei ist derzeit noch unklar, wie das überhaupt passieren konnte: Damit Baumaterialien nach Gaza dürfen, muss vorher der Verwendungszweck genau belegt werden.

Israel rechtfertigt die Blockade mit Hinweis auf die Sicherheit seiner Bürger. Doch trotz der Abriegelung musste die Regierung dreimal ihre Soldaten in den Kampf gegen die Hamas schicken. Die Blockade hat dafür gesorgt, dass die Menschen in Gaza ein Leben ohne echte Perspektive führen. Die Menschen in Südisrael führen trotzdem ein Leben ohne echte Sicherheit.

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