Gazprom-Doku Hinter den Kulissen des Energiegiganten

Der Dokumentarfilmer Hubert Seipel hat Gazprom porträtiert und ist weit in das Innenleben des russischen Megakonzerns eingedrungen. Herausgekommen sind großartige Bilder einer fremden Welt - und die Einsicht, dass das Unternehmen lange nicht so mächtig ist, wie die Deutschen glauben.

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Hamburg - Es gibt wohl kaum ein globales Unternehmen, das einen so schlechten Ruf hat wie Gazprom. Der russische Gasgigant stehe für Korruption, gigantische Selbstbereicherung einer neuen russischen Business-Elite und kriminelle Strukturen, erklärte etwa der deutsche Publizist Jürgen Roth. Die Geschäfte mit Europa hält der Journalist Hans-Martin Tillack für eine Invasion, und aus dem einst als Reformkanzler gelobten Altkanzler Gerhard Schröder wurde im Handumdrehen Gazprom-Schröder, als dieser nach seiner Amtszeit in den Aufsichtsrat eines Gazprom-Tochterunternehmens wechselte.

Gazprom-Zentrale in Moskau: Überschätzter Moloch
WDR

Gazprom-Zentrale in Moskau: Überschätzter Moloch

Und dann ist da noch dieser Streit mit der Ukraine, jenem sich gerne klein und unschuldig gerierenden Land, das die Deutschen so gerne haben, weil es vor ein paar Jahren friedlich für die Demokratie kämpfte. Gazprom hatte dem Land im Januar kurzerhand das Gas abgedreht, weil die Ukraine nicht mehr zahlte, Moskau sprach von Diebstahl, und der Westen sorgte sich mal wieder um die Abhängigkeit von russischer Energie und der Allmacht des russischen Staatskonzerns.

Dieses Großunternehmens hat sich nun der Dokumentarfilmer Hubert Seipel angenommen. "Gigant Gazprom - Die Deutschen und ihr Gas aus dem Osten" heißt die Co-Produktion von ARD, WDR und NDR, die für den Grimme-Preis nominiert ist. Herausgekommen ist ein beeindruckend ruhiges Porträt über den gefürchteten Energieriesen, das auch das Projekt um die sieben Milliarden Euro teure Ostseepipeline und die Einbindung von Altbundeskanzler Schröder in das Unternehmen beleuchtet.

Großartige, raumgreifende Bilder

Vor allem aber blickt der Film hinter die Kulissen des Konzerns und führt den Zuschauer in eine bis dato unbekannte Welt. Sei es die riesige, elektronische Schalttafel in der Konzernzentrale, die Mitarbeiter beim Essen in der überdurchschnittlich guten Kantine oder das neue Förderwerk im sibirischen Novi Urengoi mit großartigen, raumgreifenden Bildern: Seipel und seine Kollegen zeigen die Menschen hinter Gazprom und das hochmoderne Energieunternehmen, das der staatlich kontrollierte Konzern längst ist.

Eigene Kommentare sind selten, dafür lassen die Filmemacher ihre Protagonisten sprechen. Das ist eindrücklich, denn sie haben alle bekommen, die bei Gazprom etwas zu sagen haben: Die Macht hat der, der was im Kopf hat. Sie können alles mögliche besitzen, Sie brauchen aber die Fähigkeit, damit umzugehen, erklärt gleich zu Anfang niemand anders als Wladimir Putin, Ex-Präsident und jetzt Ministerpräsident von Russland. Es folgen: Alexander Medwedew, Vizechef des Unternehmens, Altkanzler Schröder, Matthias Warnig, Chef des deutsch-russischen Pipeline-Konsortiums Nordstream AG, Alexander Lebedew, der sich trotz eines Aktienpakets von 150 Millionen Dollar als Kleinaktionär bezeichnet, und ein Vertreter des deutschen Chemieriesen BASF.

Sie alle erklären mal mehr, mal weniger überzeugend, warum die Kooperation zwischen Russland und Europa für beide Seiten wichtig, erfolgversprechend und gewinnbringend ist. Dass Russland schon seit Jahrzehnten Energielieferant für Europa ist und die Zusammenarbeit im gegenseitigen Interesse ist. Einzig der Kleinaktionär merkt an, die Unternehmensführung sei vielleicht ein wenig intransparent.

Gazprom will schlechtes Image loswerden

Und doch geht es den Filmemachern nicht nur um die Bedeutung Gazproms für Europa. Chronologisch und mit zum Teil verblüffendem Filmmaterial zeichnen sie den Aufstieg Putins und seiner Vertrauten nach, deren Ziel einzig und allein die Stärkung und Sicherung Russlands ist - mit welchen Mitteln auch immer. Und dazu gehört eben auch, den mit 300.000 Angestellten größten Arbeitgeber des Landes erfolgreich zu führen. Dabei gehe es weniger um die Superwaffe Gas, sondern um wirtschaftliche Interessen, die Angst vor dem Chaos der neunziger Jahre und die politische Stabilität, so das Urteil des Filmemachers.

Wie sehr man auch in Russland und bei Gazprom bemüht ist, das schlechte Image im Westen loszuwerden, zeigen einzelne Interviewausschnitte etwa mit Firmenvize Medwedew, der betont, wie sehr man bei der Ausbeutung der Gasfelder auf technische Hilfe von außen angewiesen sei. Im Hinblick auf den Gasstreit mit der Ukraine erklärt er, dass es sich kaum ein anderes Unternehmen bieten ließe, wenn erbrachte Leistungen nicht bezahlt würden.

Was bleibt, ist der Eindruck, dass Gazprom sicher kein Unternehmen ist, das offen und transparent Einblick in seine Geschäftspraktiken zulässt. Und das natürlich an seiner Stärke und seinem Gewinn interessiert ist. Aber es ist eben auch nicht der russische Dämon, zu dem es oft stilisiert wird, das mit seinen unerschöpflichen Gasvorräten der Welt und vor allem dem Westen den Weg diktiert.

Höchstpreise herauszuschlagen gehörte für Energieunternehmen im Westen seit Jahren zum guten Ton, heißt es am Ende des Filmes. Warum sollte das für Gazprom plötzlich nicht mehr gelten.

Eine richtige Frage.

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"Gigant Gasprom - Die Deutschen und ihr Gas aus dem Osten" läuft am Montag, 2. Februar, um 22 Uhr im WDR.



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