Gebeutelte US-Investmentbank Morgan Stanley verhandelt mit Wachovia über Fusion

Das Bankensterben droht sich fortzusetzen: Morgan Stanley steckt Medienberichten zufolge in fortgeschrittenen Fusionsgesprächen mit der US-Bank Wachovia. Die Citigroup soll als Partner schon abgesprungen sein. Morgan-Aktien brachen erneut ein.


New York - Eine Notfusion von Morgan Stanley könnte unmittelbar bevorstehen: Nach einem Bericht des TV-Senders CNBC hat die zweitgrößte US-Investmentbank offizielle Fusionsgespräche mit der US-Regionalbank Wachovia aufgenommen. Die Gespräche seien bereits weit gediehen, berichtete CNBC. Es seien Fusionsteams gebildet und Treffen anberaumt worden.

Morgan-Stanley-Zentrale in New York: Die Zeit läuft ab
AP

Morgan-Stanley-Zentrale in New York: Die Zeit läuft ab

Laut "New York Times" prüfte Morgan Stanley auch, bei der größten US-Bank, der Citigroup, unterzukommen. Morgan-Stanley-Chef John Mack habe am Dienstag bei Citigroup-Chef Vikram Pandit angerufen, um die Möglichkeit eines Zusammenschlusses zu besprechen, berichtete die Zeitung. Pandit habe jedoch abgelehnt.

Im Laufe des Gesprächs sagte Mack nach Angaben der Zeitung: "Wir brauchen einen Fusionspartner, sonst schaffen wir es nicht." Die Aktien von Morgan Stanley weiteten ihre Verluste in Folge des Berichtes aus. Zur Öffnung der Wall Street verloren sie um neun Prozent, Wachovia-Papiere stiegen um 15 Prozent.

Während Morgan Stanley die Zeit davonläuft, versucht das Geldhaus offenbar händeringend, sich Kapital von der chinesischen Regierung zu besorgen, berichtet CNBC. Potentieller Investor ist die China Investment Corporation (CIC), die bereits jetzt 9,9 Prozent an Morgan hält. Die US-Notenbank Fed stärkt dem Institut offenbar den Rücken. Es soll die Chinesen persönlich ermutigt haben, in US-Finanzinstitute zu investieren.

Investmentbanken treffen solche Kursrutsche besonders hart. Sie refinanzieren sich komplett am Kapitalmarkt. Fallen Geschäftspartner aus, weil sie am Überleben einer Bank zweifeln, kann es für das Institut rasch zu Ende gehen. Wie rasch, das zeigen die aktuellen Entwicklungen der Finanzkrise: Nach dem Kollaps von Bear Stearns und Lehman Brothers und dem Verkauf von Merrill Lynch an die Bank of America sind von den fünf großen Investmentbanken nur noch zwei übrig: Goldman Sachs und - bis jetzt - Morgan Stanley.

Die Bank hatte am Dienstag die Analysten mit einem guten Quartalsergebnis überrascht. Der Gewinn ging demnach zwar um sieben Prozent auf 1,43 Milliarden Dollar zurück - was aber unter dem Strich mehr war, als erwartet. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres sank der Gewinn allerdings um rund 41 Prozent auf vier Milliarden Dollar. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 7,96 auf 8,05 Milliarden Dollar.

Obwohl Morgan Stanley zugleich betonte, trotz der Finanzkrise eigenständig bleiben zu können, rutschte der Kurs der Investmentbank am Mittwoch um 26 Prozent ab. Der Kursverfall deutet auf die Furcht der Investoren hin, die Krise könne auch noch die letzten beiden Investmentbanken von den Kurszetteln fegen.

Wie bei anderen Investmentbanken stehen auch bei Morgan Stanley alle Facetten des Wertpapierhandels im Mittelpunkt des Geschäftes. Dazu gehören Börsengänge, Übernahmen, Privatisierungsvorhaben und Beratungsdienstleistungen. Die Bank wurde 1935 gegründet, ihre Wurzeln reichen aber bis ins Jahr 1854 zurück. Heute hat sie mehr als 600 Niederlassungen in 33 Ländern und weltweit rund 47.000 Beschäftigte. Hauptsitz ist New York.

Die angeschlagene Investmentbank wettert derweil gegen kurzfristig orientierte Spekulanten. "Wir stecken mitten in einem Markt, der von Angst und Gerüchten geprägt ist", erklärte Vorstandschef John Mack in einem internen Schreiben, das jetzt bekannt wurde. "Investoren, die mit ungedeckten Leerverkäufen auf Kursverluste setzen, treiben derzeit unsere Aktien herunter", heißt es in dem Papier. Ein Goldman-Sprecher sagte ebenfalls, der Kursverfall habe "völlig irrationale Ängste" ausgelöst.

Kurse von Australiens größter Investmentbank im Keller

Auch auf anderen Kontinenten steht es schlecht um Investmentbanken: Laut "Handelsblatt" wird Australiens größte Investmentbank Macquarie Group Ltd. an der Börse als nächster möglicher Pleitekandidat gehandelt. Der Aktienkurs des Finanzkonzerns sackte am Donnerstag in der Spitze um 23,4 Prozent ab. Zu Macquarie gehört in Deutschland der Energiedienstleister Techem.

Das Institut hat seit dem im Mai 2007 markierten Rekordhoch umgerechnet rund 11,2 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung eingebüßt. Seit Jahresanfang haben die Aktien mehr als 65 Prozent an Wert verloren. Macquarie musste bereits am 17. September Presseberichte dementieren, wonach die Bank Finanzierungsprobleme habe.

"Stoppt den Wahnsinn"

Die Schweizer Großbank UBS, die durch die Nervosität an den Märkten ebenfalls starke Kurseinbußen verzeichnet, veröffentlichte eine Studie unter dem Titel "Stoppt den Wahnsinn". Beide US-Häuser hätten eine "starke Liquiditäts- und Kapitalposition", heißt es darin. Beide hätten ihr Risikoprofil deutlich verbessert und die Refinanzierung für jeweils rund sechs Monate gesichert. Sowohl bei Goldman als auch bei Morgan Stanley liege das Verhältnis von problematischen Anlagen zur Kapitalausstattung mit den Faktoren 1,0 und 1,4 deutlich niedriger als etwa bei Lehman Brothers mit einem errechneten Wert von 4,0.

Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers hat an den Finanzmärkten rund um den Globus nackte Panik ausgelöst. Zugleich versuchen aber auch Investoren wie Hedgefonds von den Turbulenzen zu profitieren.

Beim Leerverkauf oder Naked Short Sell verkauft ein Börsenteilnehmer Aktien, die sich gar nicht in seinem Besitz befinden. Der Händler rechnet damit, dass das Unternehmen zu hoch bewertet ist, und spekuliert darauf, die Aktien in der Zukunft zu einem günstigeren Kurs zu erwerben. Der Differenzbetrag, der sich aus dem aktuellen Kurs und dem niedrigeren Kurs in der Zukunft ergibt, ist der Gewinn des Leerverkäufers.

Die US-Börsenaufsicht SEC kündigte an, die Regeln für Spekulanten wie etwa Hedgefonds zu verschärfen, um Missbräuche zu verhindern. Ab Donnerstag müssen Verkäufer und Broker unter anderem mit dem Abwicklungstermin - drei Tage nach der Kaufvereinbarung - die verkauften Aktien tatsächlich vorlegen. Ansonsten drohen Strafen. "Die neuen Regeln machen sehr deutlich, dass die SEC null Toleranz für den Missbrauch von Leerverkäufen hat", sagte Aufsichtschef Christopher Cox.

ssu/dpa/Reuters

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