Gebrauchsanleitungen Erklärungsnot an der Ofentür

Falsche Übersetzungen, kein Glossar, Bandwurmsätze: Die Geschichte der Gebrauchsanleitungen ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Inzwischen wissen Produkt-Hersteller, wie man eine verständliche Anleitung schreibt. Nur warum tun sie's dann nicht?

Von Jens Frantzen


Eine befreundete Werberin erklärte mir unlängst Folgendes: "Bei einem Produkt gibt es zwei Momente der Wahrheit: Der erste ist im Laden, bei der Auswahl. Und der zweite ist zu Hause, wenn du versuchst, es zum ersten Mal zu benutzen. Da entscheidet sich, ob das Produkt dein Freund wird." Und das hängt auch von der Anleitung ab. Mein Backofen zum Beispiel ist mein Freund. Allerdings einer mit Akzent. In seiner Gebrauchsanleitung sagt er charmante Sachen, etwa: "Das Anbraten, ein 'Grillen' genannt, ist eine moderne Technologie der Lebensmittelbearbeitung".

Dann wird er arg missverständlich: "Die den Innenraum des Backofens beleuchtende Lampe brennt so lange, bis der Backofen eingeschaltet bleibt".

Gutachter mit Bedienungsanleitung: "Die Toleranzschwelle vieler Kunden ist sehr hoch"
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Gutachter mit Bedienungsanleitung: "Die Toleranzschwelle vieler Kunden ist sehr hoch"

Natürlich ein Übersetzungsfehler. "Der Verfasser spricht wahrscheinlich gut Deutsch, ist aber eben kein Muttersprachler", erklärt die Diplom-Übersetzerin Iris Krüger. So kommt es zu kleinen Vokabelfehlern wie diesem - ein sinnveränderndes "bis" anstelle des "wie". Sie fallen beim ersten Lesen nicht auf, vor allem, wenn die Anleitung ansonsten flüssig geschrieben ist und nicht deutlich erkennbar aus einem Übersetzungsprogramm à la Babelfish stammt.

Wesentlich unverständlicher wird es oft, wenn man nicht die Nationalität, sondern die Profession des Autors betrachtet. "Techniker oder technische Autoren schreiben zunehmend im so genannten Nominalstil", sagt Wolf-Andreas Liebert, Professor für Germanistik an der Uni Koblenz, "dabei substantiviert man Tätigkeiten, die eigentlich mit Verben ausgedrückt werden. Die eigentliche Satzinformation wird zusammengezogen und komprimiert." Als Ergebnis tauchen in Anleitungen Sätze auf wie "Einstellvorgangsende durch Schließen der Klappe K (dabei Ablauf der Abspeicherungsautomatik)".

Während so ein Nominalstil - von Liebert auch "Substantivitis" genannt - für den Experten in Ordnung ist, macht er dem Laien oft zu schaffen. Leichter verständlich könnte besagter Satz auch so klingen: "Schließen Sie die Klappe K. Das Gerät schaltet sich aus und speichert dabei alle Einstellungen". Ein aktiver Stil mit vielen Verben ist also gefordert, ebenso eine sinnvolle und strukturierte Gliederung. Außerdem müssen sämtliche Fachwörter erklärt werden.

Aber warum finden sich immer noch so viele sprachlich schlechte Gebrauchsanleitungen auf dem Markt? "Die Toleranzschwelle vieler Kunden ist sehr hoch", sagt Liebert, "und viele Hersteller argumentieren, der Kunde lege gar keinen Wert auf eine gute Anleitung, solange das Produkt günstiger sei." Eine Tendenz, die Jenny Braune von der Stiftung Warentest bestätigt. "Bei günstigen Schnellschuss-Produkten - Stichwort Aldi-Computer - trifft das sicherlich zu." Allerdings kann die Projektleiterin der Berliner Produkttester auch feststellen, dass viele Gebrauchsanleitungen besser werden, je länger es das Produkt gibt. "Die Firmen haben dann Zeit, Feedback zu bekommen und haben oft ein Interesse daran nachzubessern", sagt sie.

Bei einem unlängst durchgeführten DVD-Player-Test hatte in einem Sondertest eine Gruppe Senioren die Geräte nebst Bedienungsanleitungen getestet. Zwei davon bekamen nur ein "ausreichend" verliehen - jedoch weniger wegen schlechter Sprache, sondern weil eine gute Struktur ebenso fehlte wie Glossar oder Stichwortverzeichnis. Überfrachtete Seiten voller verschiedener Textblöcke und Schriftarten hätten wahrscheinlich jeden verwirrt, nicht nur ältere Semester.

Die Macht guter Bilder

Warum nicht ganz auf Sprache verzichten? Unternehmen, die mit rein grafischen Anleitungen auskommen, gibt es genug. Ikea zum Beispiel. Alle Produkte werden in der Zentrale im schwedischen Älmhult entworfen, und die Ingenieure konzipieren die Anleitungen gleich mit - völlig ohne Text natürlich. "So sind unsere Anleitungen ganz nah an der Produktentwicklung dran", erklärt Kai Hartmann von Ikea. Und nebenbei spart sich der Möbelgigant nicht nur die technischen Redakteure, sondern auch die Übersetzer. Die Zeichnungen sind ebenso vereinheitlicht wie die berühmten Inbusschlüssel und werden in New York und Peking gleichermaßen verstanden - meistens jedenfalls.

Oder Lego: Die dänischen Bauklötze sind in großem Maße für Benutzer konzipiert, die noch nicht einmal lesen können, oder nur wenig. Darum müssen die Anleitungen allein mit Bildern auskommen. Die Konstruktion von teilweise komplizierten technischen Systemen wie Mondlandefähren wird in für Kinder nachvollziehbaren Schritten abgebildet. Ein paar Pfeile oder dünne Linien zur Orientierung genügen als Ergänzung.

Doch ausschließlich grafische Anleitungen funktionieren nicht bei jedem Produkt und unter allen Umständen. Bogo Vatovec, Berater für technische Kommunikation in Berlin, rät zur Vorsicht: "Grafische Anleitungen sind gut. Aber: Leute interpretieren sie sehr unterschiedlich.

Zu viele dargestellte Details sind schlecht, zu wenig auch. Außerdem sind sie in der Erstellung sehr teuer, und nur wenige Designer kennen sich damit aus." Wichtig seien vielmehr ausführliche Tests, ob die Anleitung, aber auch das Produkt benutzbar sind. Denn oft genug müsse die Anleitung ausbaden, was schon am Produktdesign nicht stimmt. Eine Maxime sollte sein, die technische Dokumentation komplett überflüssig zu machen. "Jeder will sie zwar zur Sicherheit haben, aber niemand will sie lesen", so Vatovec. Seine Vision: Ein wirklich gelungenes Produkt braucht gar keine Bedienungsanleitung. Bei allen anderen sollte man wenigstens darauf achten, die Schritte klein und die Sprache klar zu halten.

Schaut man auf den Markt für Elektronikprodukte, schwindet die Bedeutung von Anleitungen generell. "Auf vielen Systemen oder Produkten, die Bildschirme oder Displays besitzen, wird sie durch Onscreen-Hilfen oder Benutzerführung auf dem Monitor ersetzt", sagt Warentesterin Jenny Braune. Wobei hier das Problem oft nur auf ein anderes Medium verlagert wird - unklare Menüstrukturen, schwer verständliche Terminologie und logische Fehler gibt es auch in modernerer Form.

Die Lösung aller Anleitungsprobleme könnte eine Erfindung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) und der Uni Siegen sein. "iManual" heißt sie und ist ein Kooperationsprojekt für ein "mobiles, kontextsensitives Bedien- und Hilfesystem". Im Klartext: Ein Handcomputer, der mit beliebigen Geräten oder Anlagen vom Videorecorder bis zum Auto drahtlos in Verbindung tritt und bei Bedienproblemen oder Funktionsstörungen hilft.

"Momentan existiert das System als Prototyp in Kombination mit einem 7er BMW", erklärt sein Entwickler, der Informatiker Markus Klann vom FIT. "Es soll aber später genauso bei Haushaltsgeräten funktionieren.

Wir nennen als Beispiel gern unsere Espressomaschine, die will nämlich immer gewartet werden." Einzige Bedingung: Das Gerät ist mit einem Prozessor und einer Schnittstelle für den drahtlosen Bluetooth-Übertragungsstandard ausgestattet. Dann kann der iManual- PDA auch bei der kompliziertesten Kaffeemaschine auf die Fehlerdaten zugreifen und sich andererseits über eine drahtlose Internetverbindung mit entsprechenden Informationen aus dem Web versorgen. Diese bereitet er dann nutzergerecht auf und begleitet den Anwender durch die Problemlösung.

Die mitdenkende Bedienungsanleitung
Das Konzept hat den Vorteil, dass nur ein Endgerät und eine vertraute Oberfläche ausreichen, um die Schwierigkeiten mit sämtlichen Geräten eines Haushalts auszubügeln.

Das beschleunigt die Problemlösung. Durch seine Netzanbindung bietet es außerdem einen direkten Rückkanal zum Hersteller, der die gemeldeten Fehler analysieren und sein Produkt verbessern kann. Zusätzlich wird Mehrwert für den Nutzer geschaffen: Wenn zum Beispiel das iManual einen Fehler im Auto erkennt, der die Fahrtüchtigkeit extrem beeinträchtigt, könnte es gleich die nächste Werkstatt lokalisieren oder den herbeigerufenen Mechaniker direkt im Detail über den Fehler informieren.

Bleibt allerdings eine Frage: Wird der iManual-PDA auch auf sich selbst anwendbar sein? Oder muss der Nutzer zur Inbetriebnahme dann doch wieder auf eine gedruckte Anleitung zurückgreifen? Vielleicht sogar auf eine ähnlich charmante wie die meines Backofens? Kulturell betrachtet wäre es doch zu schade, wenn es Formulierungen wie "Wenn die Kochrezepte das Einlegen der Speise in den heißen Backofen empfehlen, ist dies nach dem ersten Erloschen der roten Lampe zu machen" irgendwann nicht mehr gäbe.

(C) 2006 "Technology Review"



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