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Geehrte Ökonomen: Was der Nobelpreis mit eBay zu tun hat

Der Wirtschaftsnobelpreis geht an drei Experten für "Mechanismus-Design". Wie bitte, wie war das? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Volkswirt Hans Peter Grüner, was es mit der Theorie auf sich hat - und wie sie mit Online-Auktionen und Arbeitsmarktreformen zusammenhängt.

SPIEGEL ONLNE: Herr Professor Grüner, den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften teilen sich die US-Bürger Leonid Hurwicz, Eric Maskin und Roger Myerson. Wie würden Sie einem Laien erklären, was sich hinter den Ideen des Trios verbirgt?

Grüner: Bei der "Mechanism-Design-Theorie" geht es darum, die Rahmenbedingungen und Regeln zu finden, die gelten müssen, damit Ressourcen effizient genutzt oder verteilt werden. Und darum, wie man an die privaten Informationen von Marktteilnehmern herankommt, die ein solches effizientes Funktionieren von Märkten und Institutionen oft verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt noch immer reichlich abstrakt. Können Sie ein Beispiel nennen?

Grüner: Die "Mechanism Design"-Theorie ist zum Beispiel grundlegend für die Konstruktion von Auktionssystemen aller Art. Jeder Teilnehmer einer Auktion hat eine persönliche, maximale Zahlungsbereitschaft - er weiß, welchen Preis er für ein Gemälde, das versteigert wird, zahlen würde. Wenn man nun jeden Einzelnen vorab fragen würde, wie viel er bieten möchte, hat er einen Anreiz, diese privaten Informationen zu verfälschen und einen niedrigen Preis zu nennen, um billig davonzukommen. Damit wäre der Markt für den Auktionator nicht mehr so profitabel. Deswegen brauchen Auktionen möglichst gute Spielregeln. Ein solches Beispiel ist die clevere Zweitpreisauktion bei eBay, die die Leute dazu bringen soll, ihre wahre Zahlungsbereitschaft zu offenbaren.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also um Regeln und Regulierung. Sind die Forschungen der drei Geehrten auch für die Politik relevant?

Grüner: Ja. Politische Ergebnisse sollen dem Interesse vieler Bürger entsprechen – jeder einzelne hat aber einen Anreiz, sein eigenes Lieblingsprojekt zu forcieren. Soll eine Kommune ein neues Schwimmbad bauen? Wenn Sie da in einer Befragung nach dem Bürgerinteresse fragen, ohne dass ein solches Votum direkte finanzielle Konsequenzen für die Wähler hat, bekommen sie nur wenig relevante Extremauskünfte. Die Kosten landen diffus beim Steuerzahler. Ein Schwimmbad sollte aber nur dann gebaut werden, wenn die Summe der Zahlungsbereitschaften größer ist als die Kosten. Die gegenwärtig in der Politik genutzten Entscheidungsmechanismen kümmern sich viel zu wenig um solche Größen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man also als Reformpolitiker von Hurwicz, Maskin und Myerson lernen?

Grüner: Eine ganze Menge. Die Befürworter von Arbeitsmarktreformen führen zum Beispiel oft an, durch bestimmte Maßnahmen – etwa die Lockerung des Kündigungsschutzes – könne das Sozialprodukt gesteigert werden. In einer Demokratie braucht man aber die Zustimmung einer Mehrheit für solch eine Reform. Viele Arbeitnehmer werden fürchten, sie könnten zu den potentiellen Verlierern zählen und die Reform daher ablehnen. Wenn die Gewinner etwas für die Verlierer leisten würden - dann käme die Reform leichter voran.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das geschehen?

Grüner: Etwa im Rahmen einer Steuerreform. So erhielten Arbeitnehmer, die potentiell unter durch die Lockerung des Kündigungsschutzes leiden, einen Ausgleich – damit die insgesamt wünschenswerte Reform möglich wird. Roger Myerson hat erforscht, unter welchen Umständen effiziente Reformen bei einem ausgeglichenen Staatsbudget in einer Demokratie durch Transferzahlungen realisiert werden können. Die Politik in Deutschland redet zu wenig über solche Fragen - die Verteilungskonsequenzen von Reformen finden zu wenig Berücksichtigung. Eine gründlichere Analyse könnte uns viel Reformstau-Gejammer ersparen.

SPIEGEL ONLINE: Aber woher sollen Politiker die Mechanismus-Design-Theorie kennen? Es gibt ja nur an wenigen deutschen Universitäten Experten dafür.

Grüner: Diese Disziplin wird hierzulande etwas stiefmütterlich behandelt, obwohl sie international bereits Mainstream ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beleg dafür, dass deutsche Unis hinterherhinken?

Grüner: Einige Lehrstühle, die sich dem Thema widmen, gibt es ja schon. Aber auch deshalb ist die Auszeichnung für Hurwicz, Maskin und Myersson eine tolle Sache – hoffentlich gehen nun mehr Universitäten in Deutschland in den grundlegenden Lehrveranstaltungen zu Mikroökonomik auf dieses Instrumentarium ein. Es ist jedenfalls anregender als eine Mikroökonomik, die sich nur mit der Nutzenmaximierung unter Nebenbedingungen auseinandersetzt.

SPIEGEL ONLINE: ... aber auch schwerer zu verstehen. Selbst manche Experten begreifen nicht mehr, wofür genau die Ökonomie-Nobelpreise vergeben wurden.

Grüner: Man kann nicht jede Theorie, die die Forschung weiterbringt, innerhalb einiger Minuten erklären. Bei den Nobelpreisen für Physik oder Chemie wird das auch allgemein akzeptiert – nur bei Wirtschaft gibt es bei vielen den Anspruch, alles gleich verstehen zu wollen. Die Forschungen der drei Geehrten fallen aber in den Bereich der stark mathematisch geprägten Mikroökonomik. Wenn ich an der Universität auf Myersons Revelationsprinzip komme, brauche ich zwei Vorlesungen, um die Studenten überhaupt in die gedankliche Nähe seiner Theorien zu bringen. In der dritten Vorlesung kann ich das Theorem dann herleiten.

SPIEGEL ONLINE: Bisher sind fast alle Nobelpreise für Wirtschaft an US-Amerikaner vergeben worden. Und es war keine einzige Frau dabei.

Grüner: Natürlich wäre es schön, wenn es außer Reinhard Selten auch mal einen zweiten deutschen Wirtschaftsnobelpreisträger gäbe. Aber die amerikanischen Universitäten prägen nun mal unser Feld. Was den Frauenanteil anbetrifft: Auch das ist leider ein Abbild der Realität an den Universitäten – denn es gibt ja auch nur sehr wenige Lehrstühle, die mit Frauen besetzt sind.

Die Fragen stellte Matthias Streitz

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