Gefährlicher Goldabbau "Ein Ehering produziert 20 Tonnen Giftmüll"

Der Preis für Gold ist hoch: Tausende Menschen verlieren ihr Land, das Grundwasser wird verseucht, giftiger Abfall ins Meer gekippt. Minenexperte Keith Slack erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie der Abbau des Edelmetalls sauberer werden kann.


SPIEGEL ONLINE: Welche Auswirkungen hat der hohe Goldpreis für den Abbau des Edelmetalls?

Goldringe in einer Auslage: "Es gibt keine ordentlichen Umweltstandards"
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Goldringe in einer Auslage: "Es gibt keine ordentlichen Umweltstandards"

Slack: Der Preis führt dazu, dass es immer mehr Minen rund um die Welt gibt, auch in Regionen in Afrika, in Lateinamerika und in Asien, die bislang nicht betroffen waren. Und die Regierungen in diesen Ländern und Regionen gehen oft nicht gerade effektiv mit den Minenfirmen um.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Slack: Es gibt keine ordentlichen Umweltstandards, es gibt nicht genug Gesetze, die die Rechte der Anwohner schützen. Zum Beispiel in Guatemala, wo die Rechte von Naturvölkern, die auf Minengebiet leben, nicht berücksichtigt werden. Die Minen breiten sich über riesige Flächen aus, auch über heilige Stätten diese Völker. Sie können bis zu zwei Kilometer breit und einen Kilometer lang sein, man kann sie sogar aus dem All sehen. Und wenn das Land einmal weg ist, ist es für immer zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Es kann nie wieder genutzt werden, wenn das Gold einmal ausgebuddelt ist?

Slack: Es werden ja Unmengen von giftigen Chemikalien verwendet. Vor allem Zyanid, welches das Gold vom Stein trennt. Es wird geschätzt, dass Goldminen weltweit jedes Jahr 182.000 Tonnen Zyanid verbrauchen, eine gigantische Menge.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das auf die Umwelt aus?

Slack: Es gelangt in Flüsse sowie ins Grundwasser und kann die Fische töten. Das Wasser kann man nicht mehr trinken oder in der Landwirtschaft verwenden. Manchmal fehlen selbst minimale Standards: In Indonesien wird der giftige Minenabfall einfach in den Ozean gekippt.

SPIEGEL ONLINE: Was versuchen Sie dagegen zu tun?

Slack: Wir wollen die Minen-Unternehmen dazu kriegen, dass sie erst die Zustimmung der Menschen vor Ort einholen, bevor eine Mine geöffnet wird. Die Firmen sind natürlich nicht sonderlich scharf darauf.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nicht besonders effektiv an.

Slack: Es ist vielleicht das effektivste Mittel, das wir haben. Gerade gibt es eine Auseinandersetzung in Nevada, eine Firma möchte einen heiligen Berg der Western Shoshoni-Indianer zur Mine machen, und die wehren sich dagegen. So etwas gibt es nicht nur in Entwicklungsländern.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind die Probleme mit Minen besonders konzentriert?

Slack: In Ghana etwa hat eine einzige Mine 10.000 Menschen für immer von ihrem Land vertrieben. Ein anderes Beispiel ist Peru, eines der wichtigsten Metallexportländer. Die Regierung ist nicht besonders wirkungsvoll, die Minen zu regulieren. Da sind die Menschen vor Ort oft auf sich gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Was können die denn überhaupt ausrichten, wenn schon die Regierungen versagen?

Slack: Die Menschen wissen, welche Auswirkungen die Minen haben können, sie tauschen sich mit anderen Betroffenen weltweit aus und sie leisten Widerstand. Als die Minenfirma Numont 2004 die größte Goldmine der Welt in Nordperu erweitern wollte, protestierten mehr als 10.000 Menschen und blockierten die Zufahrtsstraßen, dass die Mine vorübergehend geschlossen werden musste.

SPIEGEL ONLINE: Können die Minen nicht auch Arbeitsplätze in arme, ländliche Regionen bringen?

Slack: Die modernen, großen Minen sind meist an der Oberfläche und beschäftigen wenig Menschen. Die Minen können zwar sehr profitabel sein, aber die Menschen vor Ort haben selten etwas davon. Und natürlich gibt es auch Probleme mit den Arbeitsbedingungen und Niedriglöhnen in den Minen.

SPIEGEL ONLINE: Operieren die Minen überall auf der Welt ähnlich?

Slack: Wir sind besonders besorgt, dass es ganz klar doppelte Standards gibt. In Europa und den USA würden die Firmen nie tun, was sie sich in Entwicklungsländern herausnehmen und sie kommen damit durch.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Giftmüll entsteht, wenn man genug Gold für einen Ehering gewinnen will?

Slack: Das produziert 20 Tonnen Abfall.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nur loses Gestein, das irgendwo hingeschoben werden kann, oder ist das giftig?

Slack: Das Problem ist, dass zyanidbehandeltes Gestein, wenn es an der Luft liegt, Schwefelsäuren abgibt, wie sie etwa in Autobatterien enthalten sind. Dieser Prozess geht ewig weiter und kann das Grundwasser für immer zerstören. Selbst Minen, die die Römer im heutigen Frankreich betrieben haben, geben noch diese Stoffe ab.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich genau so problematisch an, wie das Zyanid selber.

Slack: Es ist sogar das größere Problem.

SPIEGEL ONLINE: Und was raten Sie nun den Kunden?

Slack: Wir versuchen mit großen Juwelieren und Minenunternehmen zusammen zu arbeiten, um zertifiziertes Gold einzuführen, dass nach höheren Umwelt- und Menschenrechtsstandards produziert worden ist. So ähnlich wie man heute Biowaren oder Produkte aus fairem Handel kaufen kann. Bislang gibt es so etwas noch nicht.

Das Interview führte Cordula Meyer


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