Gefälschte Medikamente "Den Wettlauf können wir kaum noch gewinnen"

Markenschutz steht ganz oben auf der Wunschliste der G-8-Staaten. Wer dabei bloß an Adidas-Turnschuhe, Rolex-Uhren und Gucci-Taschen denkt, verkennt das eigentliche Problem - gefälschte Medikamente stellen die größte Gefahr dar.

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Berlin - Beim zweiten Ausbruch der Krankheit konnten die Ärzte nicht mehr viel für Maxine Blount tun. Bestrahlungen und Chemotherapie hatten ihren Krebs nicht mehr zurückdrängen können. Lediglich Procrit, ein Mittel, das die Bildung roter Blutzellen fördert, brachte ein wenig Linderung. Das Medikament half zwar nicht, den Krebs zu besiegen, doch es verlieh der sechsfachen Mutter wieder etwas mehr Energie, um die verbleibende Zeit zu nutzen. "Wenn du weißt, dass du sterben musst, zählt jeder Tag", sagte ihre Tochter Tina Rawn dem Fernsehsender NBC.

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Procrit ist allerdings auch sehr teuer. 500 Dollar kostete eine Injektion, die Blount einmal pro Woche verabreicht bekam. Und da das Mittel zu den weltweit meistverkauften und einträglichsten Medikamenten gehört, sind auch diejenigen nicht weit, die ohne großen Einsatz mitverdienen wollen: die Fälscher und Schwarzhändler.

Auch Blount erhielt nicht das echte Procrit. Tagelang dämmerte sie dahin, weil das Mittel plötzlich keine Wirkung mehr entfaltete, bis eine Laborantin schließlich den Betrug feststellte - verlorene Zeit für Blount und ihre Familie.

Schicksale wie das von Maxine Blount bereiten den Gesundheitsexperten in aller Welt zunehmend Sorgen. Denn im Gegensatz zu einer nachgemachten Rolex oder Gucci-Tasche stellen gefälschte Arzneimittel eine ernsthafte Gefahr dar. Umso alarmierender ist der dramatische Anstieg, den gerade dieses Segment der Produktpiraterie zu verzeichnen hat.

Das Risiko aufzufliegen ist für die Fälscher denkbar gering, der mögliche Gewinn dagegen umso größer. Kein Wunder also, dass organisierte Banden dieses Feld besetzt haben. Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird der Markt in den kommenden Jahren mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit wachsen. Von 7,5 Milliarden Dollar im Jahr 2005, wird sich der Umsatz, so befürchten die Experten, bis 2010 auf 75 Milliarden Dollar verzehnfachen.

Im besten Fall Imitate

Nach einer Schätzung der WHO sind zurzeit rund zehn Prozent aller Medikamente Fälschungen - im besten Fall sind es Imitate, schlimmstenfalls wirkungslose Attrappen oder sogar Gift. Doch auch diese Zahl gibt die Realität nur unzureichend wieder. Denn besonders die Entwicklungsländer werden von der Pharma-Mafia heimgesucht. In Südostasien, Teilen Afrikas oder einzelnen leiteinamerikanischen Ländern stammen nach WHO-Erkenntnissen mehr als 50 Prozent aller verkauften Malariamedikamente aus Fälscherküchen.

Die Listen der Opfer sind lang. So starben etwa in China allein im Jahr 2001 nach Schätzungen offizieller Stellen weit über 100.000 Menschen, weil sie vergiftete oder unwirksame Medikamente zu sich nahmen.

Konkret belegte Fälle, in denen solche Mittel zum Tod führten, existieren zwar nicht in so großer Zahl, doch sie geben keineswegs Anlass zur Beruhigung: Im Jahr 2000 fielen mindestens 30 Menschen der Malaria zum Opfer, obwohl sie ein Mittel dagegen eingenommen hatten. Die Tabletten hatten kaum Wirkstoff enthalten. Vorgebliche Anti-Malaria-Präperate wurden auch 1998 in Kenia konfisziert. Wie viele Menschen bis dahin vergeblich auf die Wirksamkeit gesetzt hatten, kann nur geschätzt werden. 1996 starben 59 Kinder in Haiti, nachdem sie einen gefälschten Fiebersirup eingenommen hatten. Sechs Jahre zuvor wurde ein mit Lösungsmitteln gestreckter Hustensaft in Nigeria mehr als 100 Kindern zum Verhängnis.

Dabei erhebt die Aufstellung nicht einmal im Ansatz den Anspruch auf Vollständigkeit. Denn in der Regel führen die Ärzte den Tod eines Patienten selten auf das Medikament zurück. Wie viele Menschen den kriminellen Machenschaften pro Jahr zum Opfer fallen, lässt sich deshalb nach Überzeugung der Experten kaum seriös beziffern. "Das Bild von der Spitze des Eisbergs verbietet sich in diesem Fall", sagt der Projektleiter des German Pharma Health Fund (GPHF), Richard Jähnke. "Ein Eisberg ragt immerhin zu rund acht Prozent aus dem Wasser. Wir aber erfahren nur von einem winzigen Bruchteil."

Resistente Erregerstämme entstehen

Gefälscht wird jedes Pulver, jede Tinktur und jede Tablette, die Profite verspricht: Präparate zur Bekämpfung von Malaria ebenso wie Antibiotika und Mittel gegen Aids. Besonders perfide: oft ist der angegebene Wirkstoff noch enthalten, doch in deutlich geringerer Menge als im Original. Das Medikament ist in solchen Fällen nicht nur unwirksam, es bilden sich auch Erregerstämme, die gegen künftige Behandlungen immun sind. Für den Kampf gegen die Verbreitung der Malaria ist diese Entwicklung verheerend, denn die Moskitos übertragen die resistenten Erregerstämme auf andere Menschen. "Den Wettlauf können wir kaum noch gewinnen", konstatiert der WHO-Experte für Medikamentenfälschungen, Howard A. Zucker.

Dem Problem ist nach Einschätzung von Jähnke auch mit kürzeren Patentlaufzeiten nicht beizukommen. "In Asien sind regelmäßig Fälschungen von Medikamenten in Umlauf, deren Patentschutz längst abgelaufen ist", sagt er. Der Unterschied zwischen Originalpräparat und Generikum existiere in den betroffenen Ländern überhaupt nicht.

Mehr noch: Selbst Medikamente die von den Behörden kostenlos verteilt würden - etwa zur Behandlung von Malaria - seien als Fälschungen im Umlauf, fügt Jähnke hinzu. Ursache sei das verbreitete Misstrauen der Menschen gegenüber dem öffentlichen Sektor. "Jemand, der etwas Geld in der Tasche hat, kauft sich seine Medizin auf den freien Markt - und gerät dabei regelmäßig an dubiose Verkäufer."

Hauptsache, die Verpackung stimmt

Auf die Inhaltsstoffe kommt es den Fälschern nicht an, vielmehr auf eine möglichst detailgetreue Nachbildung der Verpackung. Ärzte und Apotheker in den Entwicklungsländern haben dann kaum noch eine Möglichkeit, das Original von der Fälschung zu unterscheiden. Das Prinzip von trial and error findet in diesem Fall seine zynischste Zuspitzung.

In den Industrienationen muss man sich - derzeit jedenfalls - noch wenig Sorgen um gefälschte Medikamente machen. Zwischen 1996 und 2002 sind lediglich 26 Fälle bekannt geworden, die Anlass für genauere Untersuchungen gaben - im Verhältnis zu den 1,6 Milliarden verkauften Arzneimitteln eine verschwindend geringe Menge, selbst wenn man die Dunkelziffer in Rechnung stellt. "Hier zu Lande bezahlen die Krankenkassen die Medizin", gibt GPHF-Experte Jähnke zu bedenken. Entsprechend dicht sei das Kontrollsystem. Medikamente, die Anlass zu Beanstandungen geben, werden unmittelbar an das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet - und nach negativer Prüfung vom Markt genommen.

Schlankmacher, Anabolika und Viagra werden dagegen in der Regel an diesen Kontrollinstanzen vorbei über das Internet verkauft. Entsprechend hoch liegt die Fälschungsrate: Nach Untersuchungen der WHO sind rund 50 Prozent aller online verkauften Medikamente unecht.

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