Geflügelzucht Das Leiden der Hühnereltern

Artgerechte Tierhaltung? Verspricht die Fleischbranche immer häufiger. Doch sie verschweigt, dass Millionen Elterntiere besonders qualvoll leben - mitunter ganz legal. SPIEGEL ONLINE liegen heimlich in Ställen gedrehte Videos vor.

Ariwa

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Das Flattern hilft dem Huhn kaum - ohne Federn sind Flügel kaum zu gebrauchen. Ein Hahn bespringt und begattet die zerzauste Henne, die kaum davonhumpeln kann - verletzt, federlos, mit eitrigen Wunden am ganzen Körper. Auch der Hahn sieht gerupft aus, ein anderer blutet am Kamm, auf dem Boden liegen tote Hühner in Dreck und Kot.

Es sind Szenen aus Großställen eines der führenden Mastkükenproduzenten Europas, der Wimex Agrarprodukte Import und Export GmbH. Fast jeder in Deutschland dürfte schon Hühner oder Eier gegessen haben, die ihren Ursprung bei Wimex haben, die Firma gehört zu fast 50 Prozent der PHW-Gruppe, die mit der Marke Wiesenhof wirbt. Tierschützer haben die Geflügelhaltungen an fünf verschiedenen Standorten des Unternehmens gefilmt und fotografiert und die Aufnahmen SPIEGEL ONLINE und dem ZDF-Magazin Frontal 21 zur Verfügung gestellt.

Massenhaltung ist meistens qualvoll für die Tiere, auch wenn die Halter den Gesetzen folgen. Zwar hat Deutschland in den vergangenen Jahren viele Vorgaben verschärft, in einigen Fällen aber greifen überhaupt keine Regeln. So gibt es sehr genaue Vorgaben für die Haltung von Masthühnern und Legehennen und nochmals strengere Regeln für Bio-Tiere. Für deren Eltern und Großeltern aber, Millionen Tiere, die jedes Jahr aufgezogen werden und die als Zuchttiere besonders wertvoll sind, gelten die Gesetze so nicht.

Das Fließbandprinzip in der Geflügelproduktion

Und die Züchter nutzen das offenbar aus, wie die Fotos und Videoaufnahmen aus den Ställen von Wimex zeigen. Laxere Vorgaben und ständig Hunger und Durst leidende Tiere bedeuten eben auch höheren Gewinn - auch für die Geflügelzüchter wie Leopold Graf von Drechsel. Bis vor wenigen Wochen vertrat der 54-Jährige als Präsident den Geflügelverband ZDG, bis heute hält er mehrere Funktionärsposten in der Branche.

Sein Geld verdient Drechsel als Geschäftsführer zahlreicher Betriebe der Wimex-Gruppe. Wimex ist ein Unternehmen mit rund 300 Millionen Euro Umsatz, mit mehr als 100 Geflügelfarmen und rund 750 Mitarbeitern, gegründet von Gerhard Wagner, der auch für sein "gesellschaftliches Engagement" mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Zentrum des Firmenkonglomerats ist die Züchtung von Elterntieren für die Hühnermast - eine der Vorstufen der industriellen Fleischproduktion.

Die Tierproduktion ist nach dem Fließbandprinzip in immer kleinere einzelne Schritte zerlegt worden. Wimex ist in jeder Produktionsstufe vertreten. Hühnermäster und Legehennenhalter kaufen ihre Tiere als "Eintagesküken" von einem sogenannten Vermehrer. Der Vermehrer wiederum bezieht seine Küken von spezialisierten Eltern- und Großelterntierproduzenten, die Tiere mit besonders guten Genen halten. Gute Gene heißt in der Hühnerzucht vor allem: Die Tiere brauchen wenig Futter und legen sehr schnell viel Gewicht zu.

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Geflügelzucht: Das Leiden der Hühnereltern

Mit dem auf der eigenen Internetseite beschworenen Tierwohl ist es bei Wimex offenbar nicht weit her, wie Aufnahmen aus Elterntierbetrieben zeigen, die SPIEGEL ONLINE von der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) zugespielt wurden. Ariwa hat in fünf Wimex-Anlagen mit Elterntierhaltungen gefilmt: in Baasdorf, in Rosefeld, Wettin-Löbejün, Wettin und in Pilsenhöhe, alle Hallen stehen in Sachsen-Anhalt.

Die in einem Zeitraum von zwei Jahren entstandenen Filme zeigen unter anderem Szenen wie eingangs beschrieben. In Farmen der Firma von Graf von Drechsel wird den Tierrechtlern zufolge nachts teilweise das Wasser abgestellt, es gibt keine vorgeschriebene achtstündige Dunkelphase, viele Tiere sind verletzt und auch die Konzentration von Ammoniak in der Luft ist teilweise gesundheitsschädlich hoch. Das Gas entsteht in den Exkrementen der Tiere und sammelt sich bei unzureichender Lüftung im Stall.

Experten, die die Bilder gesehen haben, sprechen von Managementversagen: Verletzte Tiere sind in großen Herden normal - nur müssen die regelmäßig entfernt werden, was in den Wimex-Ställen offenbar nicht geschehen ist. Aufnahmen von versteckten Kameras legen zudem nahe, dass Mitarbeiter einige Hühner nicht fachgerecht töten sondern per Halsumdrehen.

Ein Leben lang Hunger und Durst

Besonders qualvoll wird es für die Hühner in der Elterntierhaltung aber, wenn sie älter werden als sechs Wochen.

Masthähnchen sind darauf gezüchtet, kein Sättigungsgefühl zu entwickeln und mit möglichst wenig Futter möglichst schnell an Gewicht zuzulegen. Je kürzer die Mastzeit und je geringer der Futtereinsatz, desto günstiger ist das Fleisch. Während die Tiere für die Fleischproduktion aber nur rund 40 Tage leben, bevor sie zum Schlachthof kommen, werden die Elterntiere viel älter - in der Regel eine Legeperiode, also gut ein Jahr. Würden sie genauso gefüttert wie die Masthähnchen, würden vor allem die Hähne viel zu fett und schwer.

Also rationieren die Halter das Futter. In der Regel bringt ein Förderband eine spezielle Futtermischung in die Ställe, allerdings nur für 15 bis 30 Minuten am Tag. Davor und danach hungern die Tiere und zeigen Verhaltensstörungen: Sie picken gegen die Wände, gegen den Futtertrog und die eigenen Artgenossen.

Weil Hungernde gerne trinken, rationieren die Halter auch das Wasser. Denn würden die Tiere ihren Hunger mit Wasser stillen, würde der Kot zu feucht: Die Einstreu würde nass, Fußballenentzündungen wären noch häufiger als ohnehin schon, das Gefieder verklebt, auch die Brusthaut kann sich schmerzhaft entzünden. Um das zu verhindern, drehen die Züchter zumindest nachts auch noch das Wasser ab. All das ist Alltag, wie die Aufnahmen zeigen, auch bei Wimex.

Tierschutzbeauftragte sieht Verdacht auf Straftat

Die Amtstierärztin Michaela Dämmrich, Tierschutzbeauftragte des Landes Niedersachsen, zeigt sich über die Filmaufnahmen entsetzt und hält die Elterntierhaltung für "nicht tiergerecht". Das Problem: Weil Elterntiere von der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) nicht erfasst werden, sind viele der Praktiken zulässig - auch wenn sie für ihre Nachkommen illegal wären.

Die Politik hat die Probleme in der Elterntierhaltung erkannt. Die Verordnung soll ausgeweitet werden, die Bundesländer haben auf Initiative Niedersachsens die Änderung auf den Weg gebracht. Dämmrich ist der Ansicht, die Nutztierhaltung müsse insgesamt verbessert werden: "Derzeit geht es fast nur darum, mit möglichst wenig Aufwand den größtmöglichen Profit zu erzielen."

Sollten die schärferen Regeln in Kraft treten, müssten auch all jene Vergehen in den Ställen geahndet werden, die heute noch quasi legal sind. Allerdings: Die Übergangsverordnungen sind mehr als großzügig, für die Umsetzung des Gesetzes haben die Betriebe teilweise zehn Jahre Zeit. Dämmrich sieht allerdings jetzt schon Tierschutzverstöße bei Wimex und den Verdacht auf eine Straftat - allerdings fehlt der Kläger.

Wimex selbst nimmt die Vorwürfe auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE "sehr ernst", könne aber ohne Auswertung der an vielen Standorten über einen langen Zeitraum entstandenen Foto- und Videoaufnahmen die Informationen nicht detailliert bewerten. Man frage sich aber, schreibt Geschäftsführer von Drechsel, warum diese illegal gewonnenen Aufnahmen Wimex nicht unmittelbar zur Kenntnis oder gar zur Anzeige gebracht wurden. Man lade SPIEGEL ONLINE herzlich ein, sich ein eigenes Bild der angeblich betroffenen Ställe zu machen und mehr über die Hintergründe der Elterntierhaltung zu erfahren.

Solche Angebote erhalten Medien immer wieder und deutlich häufiger als früher, diese Transparenz ist begrüßenswert. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass die öffentliche Präsentation eines gepflegten Stalls nicht beweist, dass ein Betrieb sich immer und überall an Gesetze hält.

Auch Bio-Käufer sind betroffen

Die Erfahrung mit Verfehlungen einzelner Tierhalter zeigt, dass ohne illegale Aufnahmen wie die von Ariwa nur selten etwas gegen die Gesetzesverstöße unternommen wird. Die Tierrechtler betonen, dass Wimex als Branchenführer nur ein Beispiel dafür sei, wie es flächendeckend aussehe. "Die Versäumnisse liegen nicht bei einer Firma oder einzelnen Personen, schon gar nicht den Angestellten des Betriebs", sagt Erasmus Müller, Agrarreferent der Organisation. "Das Versäumnis ist, dass wir sensible Tiere im 21. Jahrhundert immer noch wie Produktionsmaschinen benutzen."

SPIEGEL ONLINE hat schon in der Vergangenheit von Ariwa Material und zuverlässige Informationen bekommen. In anderen Fällen haben Ariwa-Enthüllungen bereits Ermittlungsverfahren gegen Tierhalter ausgelöst - eine Anklage wegen Hausfriedensbruch wurde deshalb abgeschmettert.

Mit den aktuellen Aufnahmen, die die Organisation SPIEGEL ONLINE und Frontal 21 zur Verfügung gestellt hat, wollen Müller und seine Mitstreiter auf die Spezialisierung in der Tierhaltung hinweisen, die nur wenige kennen. "Elterntiere leben und sterben gewissermaßen hinter den Kulissen: Während man noch weiß, dass für ein Brathähnchen oder für ein Ei ein Huhn gehalten werden musste, ist fast niemandem bewusst, dass für diese Tiere ja auch Millionen Eltern und Großeltern als reine Produktionsmaschinen ausgelaugt und dann weggeworfen wurden."

Und selbst Bio-Käufer können kein reines Gewissen haben: Aus den Ställen von Wimex oder Lohmann können auch die Eier kommen, aus denen spätere Bio-Küken schlüpfen. Denn die Aufzucht von ökologisch gehaltenen Elterntieren gilt als schwierig, die Bio-Branche darf deshalb immer noch auf konventionelle Küken zurückgreifen.


Filmaufnahmen aus den Ställen sind auch an diesem Dienstagabend zu sehen, in der Sendung "Frontal 21" um 21.00 Uhr im ZDF.


Warum nutzt SPIEGEL ONLINE illegal entstandenes Material von Animal Rights Watch?

SPIEGEL ONLINE stützt sich in diesem Text auf Material, das die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) über einen längeren Zeitraum in unterschiedlichen Betriebsstätten zusammengetragen hat.

Zum Teil handelt es sich um Aufnahmen von versteckten Kameras, die die Gruppe installiert und nach ein paar Tagen wieder mitgenommen hat, zum Teil sind es Aufnahmen, die nachts entstanden sind. Die Tierschützer sind unbefugt auf das Gelände gelangt und erfüllen damit den Tatbestand des Hausfriedensbruchs. Vor Gericht können sie allerdings den "rechtfertigenden Notstand" vorbringen - ohne den Hausfriedensbruch könnten Missstände nicht öffentlich gemacht werden. In einem Fall wurden Ariwa-Aktivisten mit dieser Argumentation in einem ähnlichen Fall bereits freigesprochen.

Ohne Ariwa hätte SPIEGEL ONLINE nicht über die Zustände der Elterntierhaltung berichten können, da wir als Journalisten nicht illegal in Ställe eindringen.

Warum vertraut SPIEGEL ONLINE der Organisation?

SPIEGEL ONLINE hat seit vielen Jahren Kontakt zu Ariwa, hat viele Informationen von der Organisation bekommen und bisher keine falschen Fakten feststellen können. Das SPIEGEL ONLINE vorliegende Filmmaterial ist ungeschnitten und enthält mehrere Elemente, die Zeit und Ort der Aufnahmen belegen.

insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
th.diebels 28.03.2017
1. Jetzt ist der Bundeslandwirtschaftsminister
aber sauer, so einen Bericht ohne seine Genehmigung bzw. das o.k. aus dem Bundeskanzleramt zu veröffentlichen !
rst2010 28.03.2017
2. warum wohl
landet geflügel kaum mehr auf dem teller. weil die produzenten unzuverlässig sind, sich nur unter zwang an regeln halten, masse ist wichtig, tierschutz störend. wenn ich ein schlechtes gweissen haben will, dann bring ich mein geflügel lieber selber um. besser als diese industrialisierte massenproduktion.
i.dietz 28.03.2017
3. Potzblitz
Die raue Wirklichkeit wird liebend gerne von der Politik und den Tierfabrikanten totgeschwiegen !
dborrmann 28.03.2017
4. Es ist doch ganz einfach
VEGAN leben. Das ist ethisch einwandfrei und bei richtiger Kontrolle (B12 und Fe) auch sehr gesund.
BlackRainbow666 28.03.2017
5.
Tiere werden als Eigentum und Produkt gesehen, nicht als Lebewesen. Ich weiß nicht, wieso diese Zustände überraschen sollten - es sei denn man möchte sich gern seine egozentrisch heile Welt erhalten, statt konsequent zu sein.
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