Geldanlage Deutschland spart sich arm

Lebensversicherung, Riester, Bausparvertrag: Die Deutschen halten sich für Sparmeister. Dennoch werden sie nicht reicher - sondern ärmer. Das liegt auch an einer falschen Politik.

Sparbuch: Der durchschnittliche deutsche Sparer ist ein Narr
DPA

Sparbuch: Der durchschnittliche deutsche Sparer ist ein Narr

Ein Kommentar von


Sparsamkeit gilt den Deutschen als Tugend. Umso erschütternder ist, wie dämlich sie sich dabei anstellen. Obwohl sie sparen wie die Weltmeister, werden sie nicht reicher - sondern ärmer. Der deutsche Durchschnittshaushalt hat binnen zehn Jahren real 20.437 Euro seines Vermögens verloren. Das ist der Wert eines fabrikneuen Mittelklasseautos: Einfach futsch. Und die Europäische Zentralbank hat vergangenes Jahr eine Studie vorgelegt, wonach das mittlere Nettovermögen in Deutschland noch nicht mal halb so groß ist wie in Frankreich, Spanien, Italien. Selbst die Griechen waren bis vor Kurzem reicher als die Deutschen. Die Griechen! Ausgerechnet.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 8/2016
Warum die Deutschen ihr Geld falsch anlegen - und wie sie es vermehren können

Die Deutschen sind zu dumm zum Sparen. (Lesen hier die Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL zu dem Thema). Das kratzt am Selbstbild. Sie haben das Bausparen mit erfunden, das Vereinssparen, das Möbelsparen, das Sparschwein. Deutschland dürfte das einzige Land der Welt sein, in dem mehr Lebensversicherungen angespart werden, als es überhaupt Einwohner gibt. Kanzlerin Angela Merkel erhob die schwäbische Hausfrau mit ihrer sprichwörtlichen Sparsamkeit zum Leitbild deutscher Regierungskunst.

Ohne Zins und Verstand

Doch der durchschnittliche deutsche Sparer ist ein Narr. Er geizt ohne Zins und Verstand. Er vernichtet sein Vermögen, anstatt es zu vermehren. Er bunkert sein Geld auf Sparbüchern und Girokonten, wo es wegen der mickrigen Zinsen von Tag zu Tag real an Wert verliert. Oder er fällt den etwa 300.000 Versicherungsvertretern und Anlageberatern zum Opfer und lässt sich unrentable Anlagen aufschwatzen.

Vor allem jedoch wird dem deutschen Sparer seine Staatsgläubigkeit zum Verhängnis. Weit mehr als zehn Millionen Bürger zahlen in staatlich geförderte Riester-Verträge zur privaten Altersvorsorge ein, obwohl längst klar ist, dass sie sehr, sehr alt werden müssen, um hier einen Gewinn zu machen. Durchschnittlich jeder siebte einbezahlte Euro ist nämlich nicht für den Vermögensaufbau bestimmt, sondern landet als Provision und Gebühr in den Kassen der Versicherungsunternehmen. Die Riester-Rente ist ein besonders eklatantes Beispiel dafür, wie auch der Staat seine Bürger mit falschen Versprechungen in die Falle lockt.

Mehr Wirtschaftswissen

Wenn Millionen Menschen daran scheitern, sich ein kleines Finanzpolster zuzulegen, hat die Gesellschaft ein Problem. Die Zeiten, in denen die gesetzliche Rente für den Lebensabend reichte, sind vorbei. Es droht Altersarmut. Wenn die Bundesregierung verhindern will, dass eine wachsende Zahl alter Menschen von staatlicher Hilfe leben muss, darf sie das Unvermögen der Deutschen nicht länger ignorieren.

Das Ziel der Politik muss sein, die Deutschen zu besseren Sparern zu machen. Staatliche Förderprogramme und Steueranreize dürfen nicht länger dazu führen, dass Risiken und mickrige Renditen vernebelt werden. Die Wirtschaftsexperten, die sich im aktuellen SPIEGEL für eine radikale Reform der privaten Altersvorsorge aussprechen, haben recht. Es braucht eine Alternative zur Riester-Rente, eine bessere betriebliche Altersvorsorge, eine bessere Eigenheimförderung.

Und die Politik sollte dafür sorgen, dass an den Schulen mehr Wirtschaftswissen gelehrt wird, als es heute der Fall ist. "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherung. Aber ich kann ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen", twitterte vor einem Jahr die Kölner Abiturientin Naina Kümmel und löste damit eine Debatte aus, an der sich auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka beteiligte.

Inzwischen ist Naina Kümmel fast 19, aber am Unterricht in den Schulen hat sich nichts geändert.

Zum Autor
Alexander Neubacher ist Reporter im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in Berlin.

E-Mail: Alexander.Neubacher@spiegel.de

Mehr Artikel von Alexander Neubacher

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 450 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pelemele 21.02.2016
1. Sparen?
...wovon?...
snoook 21.02.2016
2. Sparen, versichern, Miete, Abos abschließen...
Rechnet mal nach, wieviel von dem Netto (das Euch der Staat lässt) als frei verfügbares Netto übrig bleibt. Da kann einem schlecht werden und man überlegt sich in Zukunft genau, welche Versicherung wirklich wichtig ist!
adjaFong 21.02.2016
3. Durchdachte Alternative
---was schlägt er denn nun eigentlich vor?
thorsten35037 21.02.2016
4.
Vor allem sorgt die EZB durch Nullzins und Gelddruckerei dafür, dass unser Erspartes immer wertloser wird. Alles eine mehr oder weniger versteckte Form der Entwicklungshilfe auf Kosten der Sparer. Die Null-Inflation glaubt doch ehe keiner: man braucht sich nur einmal die Kostenexplosion für Gebühren in der öffentlichen Verwaltung anzusehen. Und die ach so billigen Elektrogeräte gehen nach 2-3 Jahren kaputt; kurz nach Ende der Garantiefrist.
pritt 21.02.2016
5. Richtig Sparen
ist ein Luxusproblem.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.