Geldbarone in Las Vegas Bugsys wohlerzogene Erben

Das Geld der Mafia hat Las Vegas groß gemacht. Doch die goldenen Zeiten der Gangster sind längst vorüber. Heute regieren Investmentbanker und Analysten die Zockermetropole. Angenehmer ist der Umgangston deswegen nicht geworden. Die neuen Herren am Strip liefern sich milliardenschwere Übernahmeschlachten.

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Casino-Metropole Las Vegas: Glücksspiel als Form des Einzelhandels
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Casino-Metropole Las Vegas: Glücksspiel als Form des Einzelhandels

Hamburg - Gäbe es einen Club der Bosse von Las Vegas: Gary Loveman wäre dort ein Unikum. Der Chef des derzeit weltgrößten Casino-Konzerns Harrah's hat sich sein Wissen nicht am Roulettetisch erarbeitet, sondern war unter anderem Professor an der Harvard Business School. Der Top-Manager mit den weichen Gesichtszügen und einer Vorliebe für graugestreifte Anzüge residiert bei seinen Aufenthalten in der Stadt bescheiden in einer kleinen Suite. Glücksspiel interpretiert er als eine Form des Einzelhandels.

Harrah's-Chef Loveman repräsentiert den Wandel in Vegas. Zusehendes haben Aktionäre, Investmentbanker und Analysten in der Wüstenmetropole das Sagen. Endgültig vorbei scheint die Zeit, da Las Vegas der Brückenkopf der Mafia in die legale Geschäftswelt war.

Gangster als Geldgeber

Dabei hätte der Aufstieg zur Casino-Welthauptstadt ohne die organisierte Kriminalität nicht stattgefunden. Schon Anfang der Dreißiger sorgte Gangsterlegende Al Capone mit dafür, dass das Glücksspiel in Nevada legalisiert wurde. Frank Detra, einer der ersten Nachtclub-Betreiber in dem Wüstenkaff, verteilte in seinem Auftrag fleißig Schmiergeld. Mit Erfolg, 1931 hob die Regierung des Bundesstaates das Roulette-Verbot auf.

"Bugsy" Siegel: Traum vom Flamingo
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"Bugsy" Siegel: Traum vom Flamingo

Das Engagement der Mafia etablierte sich in den folgenden drei Dekaden als gängiges Geschäftsmodell in Las Vegas. Niemand sonst wollte Kapital für das anrüchige Spielhallenbusiness bereitstellen. Banken waren sich dafür meist zu fein. Die Gangs aus Chicago, Cleveland und New York dagegen suchten eine Möglichkeit, die Gewinne aus Schwarzbrennerei und anderen finsteren Aktivitäten zu investieren. Las Vegas avancierte zur Geldwaschmaschine der Syndikate.

Mitte der Vierziger begnügte sich der Mob nicht mehr damit, Casino-Betreiber zu protegieren. Die Banden übernahmen die vollständige Kontrolle über die Spieltische. Vorreiter war der New Yorker Gangster Benjamin "Bugsy" Siegel. Siegel, der zuvor die Ostküste und Los Angeles terrorisiert hatte, sammelte eine Million Dollar bei seinen Kollegen ein, um eine Luxusherberge namens Flamingo in den Wüstensand zu setzen. Weil die Kosten bald auf sechs Millionen Dollar anschwollen, beendete seine Gläubiger die Geschäftsbeziehung auf ihre Weise. Siegel wurde im Juni 1947 in seiner Wohnung in Beverly Hills erschossen. Das Flamingo fiel in die Hände der Mafia und bescherte den Bossen wenig später enorme Gewinne.

Begeistert von dem Erfolg nisteten sich die Gangs in der Stadt ein und eröffneten weitere Hotels. Die Behörden schauten dem Treiben lange zu. Erst Anfang der Sechziger änderte sich die Stimmung. Las Vegas steckte in einer Krise. Die Anwesenheit der Gangster schreckte Investoren ab. Die Regierung erhöhte den Druck und verweigerte Akteuren mit Mafia-Kontakten die Casino-Lizenz. Die Situation war vertrackt.

Ein Einsiedler auf Einkaufstour

Die Lösung aller Probleme kam mit Howard Hughes. Er sollte der Mafia Las Vegas buchstäblich abkaufen. 1966, am Thanksgiving Day, erschien Hughes samt Entourage in einem Sonderzug in der Stadt. Er war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Als Millionenerbe, Filmproduzent und Unternehmer hatte er Schlagzeilen gemacht. Sein Gesamtvermögen wurde auf bis zu 2,5 Milliarden Dollar geschätzt.

Howard Hughes (1947): Der Mafia die wirtschaftliche Grundlage entzogen
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Howard Hughes (1947): Der Mafia die wirtschaftliche Grundlage entzogen

Nachdem sich Hughes im Desert Inn einquartiert hatte, ging er auf Einkaufstour. In den kommenden vier Jahren übernahm der schrullige Milliardär zahlreiche Hotels und Casinos. Hughes hatte zuvor seine Anteile an der Fluglinie TWA veräußert und 546 Millionen Dollar kassiert. Die Investition in Las-Vegas-Immobilien erschien ihm eine günstige Gelegenheit, um Steuern zu sparen.

Tatsächlich folgte Hughes bei seinen Käufen einer Blaupause und bediente sich gezielt bei der Mafia. Geliefert hatte den Plan laut einem Bericht des "Las Vegas Review Journal" das US-Justizministerium, um den Gangs die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen. Letztendlich war auch der Mob den Avancen nicht abgeneigt. Angesichts des steigenden Drucks durch die Behörden waren Hughes' Offerten eine günstige Gelegenheit, um auszusteigen. Die Eroberung verlief entsprechend erfolgreich. Als der inzwischen schwer kranke Milliardär 1970 die Wüste in Richtung Bahamas verließ, hatten die Syndikate an Einfluss verloren.

Abschied vom Sündenbabel

Der Wandel wirkte auf das Image der Wüstenstadt. Anfang der Siebziger war aus dem Sündenbabel ein familienkompatibler Freizeitpark geworden. Zu verdanken hat Las Vegas dieses schrill-schillernde Image vor allem Jay Sarno.

Der lebenslustige Baulöwe, der selbst gelegentlich binnen kurzer Zeit sechsstellige Beträge verzockte, war berühmt für seinen Einfallsreichtum. Das Caesars Palace etwa war seine Idee. Eingerichtet nach antik-römischem Vorbild war es das erste Themenhotel am Strip und hob sich deutlich von der biederen Konkurrenz ab. Das Palace eröffnete 1966 und war auf Anhieb erfolgreich. 1968 startete Sarno das Unterhaltungscasino Circus, Circus und öffnete Las Vegas damit für Familien. Der Chef persönlich stolzierte als Zirkusdirektor verkleidet zwischen den Spieltischen herum.

Mit Circus, Circus allerdings verhob sich das Entertainment-Genie. Das Projekt häuft in den ersten Jahren Verluste an. Sarno musste Mitte der Siebziger verkaufen. Seine restlichen Tage verbrachte er mit der erfolglosen Geldsuche für ein Superhotel namens Grandissimo mit 6000 Zimmern. 1984 starb Sarno nach einer Herzattacke im Caesars Palace.

Der Herr der Riesenresorts

Hughes war fort, Sarno geschlagen und Las Vegas brauchte einen neuen Regenten. Die Zeit war reif für Kirk Kerkorian, der zum Herren der Riesenresorts aufsteigen sollte. Der Enkel armenischer Einwanderer gründete 1947 eine Chartergesellschaft und flog Touristen von Los Angeles nach Nevada. Er verkaufte Teile des Unternehmens und investierte in Las Vegas. Zwischen 1969 und 1993 stampfte Kerkorian die größten Hotels der Stadt aus dem Boden. Sein MGM Grand gehört mit 5000 Zimmern zu den größten Resorts der Welt. Parallel machte er Millionen durch sein Engagement bei den Hollywood-Studios MGM.

Kirk Kerkorian: Wenig Skrupel im Kampf um die Vorherrschaft
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Kirk Kerkorian: Wenig Skrupel im Kampf um die Vorherrschaft

Kerkorian, der in der Forbes-Liste der Reichsten auf Rang 41 liegt, hat im Kampf um die Vorherrschaft in Las Vegas wenig Skrupel erkennen lassen. Vor fünf Jahren geriet er mit dem Casino-Mogul Steve Wynn aneinander. Wynn, der wie Kerkorian aus kleinen Verhältnissen stammt, schickte sich mit seinem Hotelkonzern Mirage an, dem Altmeister den Titel als Herrscher von Las Vegas abzulaufen.

Kerkorians Attacke hatte er indes wenig entgegenzusetzen. Für 6,4 Milliarden Dollar musste Wynn die Mirage-Gruppe an seinen Erzrivalen abgeben. Trotz der Niederlage arbeitet er seither an seinem Comeback. Noch in diesem Jahr will Wynn das mit 2,5 Milliarden Dollar teuerste Hotel der Welt eröffnen und Kerkorian das Leben schwer machen. Der Kampf der Superegos geht in die nächste Runde.

Gelddruckmaschine für Anleger

Kerkorian, der sich seinen Lebensunterhalt in jungen Jahren als Boxer verdiente, ist dabei gut im Training. Mitte 2004 schlug er erneut zu und kündigte die Übernahme der Mandalay-Gruppe für rund fünf Milliarden Dollar an. Der 87-Jährige war damit der größte Casino-Betreiber der Welt. Die Freude währte nicht lange. Ausgerechnet der Außenseiter Gary Loveman stieß den König von Las Vegas vom Thron. Der Harvard-Professor an der Spitze des Konkurrenten Harrah's fädelte wenige Monate später die Übernahme der Caesars-Gruppe ein. Kostenpunkt: 5,3 Milliarden Dollar. Seither steht Kerkorian auf dem undankbaren zweiten Platz.

Harrah's-Chef Loveman: Den König vom Thron gestoßen
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Harrah's-Chef Loveman: Den König vom Thron gestoßen

Hundert Jahre nach der Gründung tobt der Kampf um Macht und Geld in Las Vegas mit aller Härte. Nur wird die Schlacht nicht mit Revolvern, sondern mit den Waffen der Hochfinanz ausgefochten. Kein Wunder, mit 37 Millionen Gästen erreichte die Wüstenmetropole 2004 einen Allzeitrekord. Die Auslastungsrate der Hotels lag nach Angabe der örtlichen Tourismusbehörde bei 90 Prozent und damit weit über dem US-Durchschnitt. Die Einnahmen aus dem Glücksspiel kletterten um neun Prozent auf 8,5 Milliarden Dollar.

Entsprechend entwickeln sich die Kurse der börsennotierten Casino- und Hotelbetreiber. Harrah's-Papiere legten binnen eines Jahres um 31 Prozent zu, MGM-Mirage-Aktien sogar um bis zu 90 Prozent. Aus der Geldwaschmaschine der Gangs ist eine Gelddruckmaschine für Anleger geworden.

Für die neue Boss-Generation ist das nur von Vorteil. So muss sich Loveman im Krisenfall lediglich mit erbosten Anteilseignern auseinander setzen. Ein Abgang à la Bugsy Siegel jedenfalls droht ihm nicht.

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