Eingestürzte Brücke von Genua Warum Italiens Regierung den Benetton-Clan anprangert

Italiens Regierung macht die Autobahnbetreiber für die Genua-Tragödie verantwortlich - und attackiert den Haupteigner: den Benetton-Clan. Für die Populisten ist die Familie die perfekte Zielscheibe.

Eingestürzte Morandi-Brücke in Genua
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Eingestürzte Morandi-Brücke in Genua

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Die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe von Genua laufen, die Suche nach Überlebenden in den Trümmern der eingestürzten Brücke ist längst nicht abgeschlossen und die juristische Aufarbeitung hat nicht einmal richtig begonnen. Aber für Italiens Premierminister Giuseppe Conte steht der Alleinschuldige für das Unglück schon fest: der Autobahn- und Brückenbetreiber Autostrade per l'Italia. Ein Privatunternehmen, das von der Familie Benetton kontrolliert wird.

"Keinen Zweifel" gebe es, dass Autostrade für Wartung und Instandhaltung der eingestürzten Brücke verantwortlich gewesen sei, erklärte Conte am Donnerstag - und kündigte an, sofort Maßnahmen einzuleiten, um dem Unternehmen die Betriebslizenz zu entziehen. "Wir können nicht auf die Strafjustiz warten, wir haben die Pflicht, die Bürger sicher reisen zu lassen."

Attacken seit Mittwoch

Die Populistenregierung in Rom schießt sich ein auf Autostrade. Sie macht das hochprofitable Unternehmen verantwortlich für den Einsturz der Morandi-Brücke, bei dem mindestens 38 Menschen starben und mehr als 400 verletzt wurden. Einige Politiker stellen sogar direkt die Familie Benetton an den Pranger. Der Modeclan, eine der berühmtesten, umstrittensten Unternehmerdynastien Italiens, kommt ihnen gerade recht - auch, um von ihren eigenen Verstrickungen im Fall der Morandi-Brücke abzulenken.

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Einflussreiche Familie: Wo die Benettons überall mit drinstecken

Los gingen die Attacken am Mittwoch, als Verkehrsminister Danilo Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung den Rücktritt der Führungsspitze von Autostrade per l'Italia sowie ein Bußgeld in Höhe von 150 Millionen Euro für den "Crollo" forderte, wie die Italiener den Zusammenbruch nennen. Sein Parteichef, Vizepremier Luigi di Maio, brachte gleich den Namen Benetton ins Spiel: "Diese Regierung hat kein Geld von den Benettons genommen, aber sie haben in der Vergangenheit die Wahlkämpfe von allen Parteien der früheren Regierungen bezahlt."

Am Donnerstag gingen Di Maio und Toninelli laut der Zeitung "Corriere della Sera" dann die Unternehmerfamilie direkt an: "Autostrade per l'Italia muss alles bezahlen, die Konzessionen müssen beseitigt werden, und Benetton muss es wiedergutmachen."

In sozialen Netzwerken beschimpfen Nutzer die Benettons als Mörder. Sie posten Bilder der eingestürzten Brücke, unter denen sie das Logo "United Colors of Benetton" montiert haben. Die Aktie des Mautstraßenkonzerns Atlantia, der Autostrade per l'Italia besitzt und hinter dem die Benetton-Familie steht, brach am Donnerstag zeitweise um mehr als 25 Prozent ein, ehe sich der Kurs wieder etwas erholte.

Die Benettons brachen am Donnerstag ihr Schweigen zum "Crollo". Über ihre Holding Edizione, die mehr als 30 Prozent an Atlantia besitzt, sprachen sie den Verletzten und Angehörigen der Opfer ihr "tiefes Beileid" aus. Und erklärten: "Edizione wird alles tun, was in seiner Macht steht, um der Wahrheit und der Verantwortlichkeit für den Vorfall auf die Spur zu kommen." Man wolle unbedingt mit den Behörden zusammenarbeiten.

Eurotunnel, Autogrill, Generali - überall hängen die Benettons mit drin

Weltberühmt geworden sind die Benettons mit Mode: Vier Geschwister machten aus einer Textilfirma in Ponzano Veneto bei Venedig in den Achtziger- und Neunzigerjahren einen Weltkonzern. Mittlerweile hat sich die Familie aus der Unternehmensführung zurückgezogen. Aber schon vor der Jahrtausendwende weitete der Clan sein Geschäft auf andere Branchen aus. Ende Juni 2018 besaß die Benetton-Holding Edizione Beteiligungen im Wert von mehr als 12,5 Milliarden Euro.

Ob an beiden Flughäfen Roms, dem Eurotunnel, Finanzkonzernen wie Mediobanca und Generali oder dem Raststättenbetreiber Autogrill - überall halten die Benettons Anteile. Und gerade die Autostrade-Mutter Atlantia ist hoch profitabel. 2017 erwirtschaftete sie 1,4 Milliarden Euro Gewinn, bei knapp sechs Milliarden Euro Umsatz. Autostrade selbst betreibt gut 3000 Kilometer des knapp 7000 Kilometer großen italienischen Autobahnnetzes.

Das Unternehmen sei "der Bankomat von Benetton & Co.", titelte die Wirtschaftszeitschrift "Valori" auf ihrer Website: "Mautgebühren aus Gold, Sicherheit nein." Tatsächlich steigen die Autobahngebühren seit Langem. Allerdings steckt Autostrade auch viel Geld in die Infrastruktur. 2017 etwa waren es laut Finanzbericht 517 Millionen Euro. In den vergangenen zehn Jahren hätten Autostrade und Atlantia "rund zehn Milliarden Euro in den Ausbau und die Modernisierung des Autobahnnetzes" investiert, verteidigen sich die Benettons.

Ihre Erklärung wird die Angreifer nicht verstummen lassen. Gerade die Fünf-Sterne-Bewegung hat besonderes Interesse, von ihrer eigenen Verstrickung in das Desaster abzulenken. Sie und ihr Gründer Beppe Grillo hatten sich in den vergangenen Jahren in der Region einen großen Namen mit ihrem Kampf gegen eine alternative Autobahntrasse gemacht, die das Teilstück mit der Morandi-Brücke entlastet hätte. Als Experten vor Jahren vor dem Einsturz der als marode bekannten Brücke warnten, höhnte ein Fünf-Sterne-Blog, das sei ein "Märchen." Und erst vor wenigen Wochen erklärte Verkehrsminister Toninelli, man müsse nochmals prüfen, ob die Alternativstrecke in Genua wirklich gebaut werden müsse.

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Brückeneinsturz in Genua: "Eine tiefe Wunde für ganz Italien"

Die Benettons kommen den Populisten da als Sündenböcke wie gerufen. Diese Familie schließlich hat nicht nur ihre politischen Gegner unterstützt. Sie symbolisiert als eingesessene, gut vernetzte, reiche Unternehmerdynastie auch das Establishment, dem die neue Regierung bei ihrer Machtübernahme Ende Mai den Kampf angesagt hat.

Ob die regierenden Populisten in Rom dem Autobahnbetreiber überhaupt die bis 2042 laufende Konzession entziehen können, ist ebenso unsicher wie die Schuldfrage. Beides werden Gerichte und Ermittler klären müssen, und es wird Monate dauern. Sicher ist: Jetzt wird heftig gestritten.

insgesamt 25 Beiträge
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ecdora 16.08.2018
1. Es ist interessant,
wie hoch die Kapitalrendite des Autobahnbetreibers in den letzten zehn Jahren war. Seriöses Geschäft oder Cashcow?
Tolotos 16.08.2018
2. Ich halte nicht viel vom enthemmten Kapitalismus!
Aber noch weniger als von Unternehmern, die fast alles tun, was der Rendite dient, halte ich von Politikern, die es Volksvertretung nennen, wenn sie nichts anderes tun, als ihre eigenen Interessen zu bedienen.
so what? 16.08.2018
3. Interessanter Artikel- einerseits werden
die hohen Benetton- Investitionen und die Unschuld des Clans erwähnt, andererseits ist die Brücke nach Expertenmeinung seit Jahren marode...Was nun?
nahatschalah 16.08.2018
4. Schon jetzt ist klar,
dass die italienische Regierung in diesem Punkt recht hat. Baustelle und Unwetter spielen überhaupt keine Rolle, da der Brückenbetreiber natürlich dafür verantwortlich war, dass die Brücke auch bei Baustelle und Unwetter hält. Ansonsten hätte er die Bauarbeiten absagen oder die Brücke bei Unwetter schließen müssen. Auch dass die 5 Sterne sich gegen eine Alternativroute eingesetzt haben, spielt keine Rolle. Denn natürlich mussten sie davon ausgehen, dass der Brückenbetreiber die Brücke in Schuss hält. Und dass Benetton jetzt mit den Behörden zusammenarbeiten will - ja, was denn sonst? Dass die Unternehmensleitung am Ende ins Gefängnis kommt, ist bei unserer Justiz zwar unwahrscheinlich, da am Ende sicherlich kaum jemanden eine PERSÖNLICHE Verantwortung zugeschrieben werden kann (ähnlich wie in Duisburg bei den Loveparade-Urteilen). Aber korrekt wäre es.
bierzelt 16.08.2018
5. Schattenseiten des Kapitalismus
Das Privatisieren oder Teilprivatisieren (z.B. PPP) von Grundversorgungsmonopolen ist eines der schlimmsten Probleme unseres Kapitalismus. Grundversorgungsmonopole wie Energie, Wasser, Abwasser, Abfall, Verkehr und Gesundheit gehören nicht in private Hände. Leider ist es gängige Praxis der Politik o.a. kaputtzusparen, dem Verfall preiszugeben oder auf eine andere Art und Weise dem Bürger zu suggerieren, dass nur ein privater Investor das Problem in den Griff bekommt. Damit der Bürger dann dafür bezahlt, was ihm eigentlich über den Staat sowieso schon gehört. Wenn dann noch die Renditsucht der Betreiber dazu kommt - merke : ein Betreiber will Geld verdienen, die öffentliche Hand eine schwarze null machen -, dann sind solche Katastrophen eigentlich vorprogammiert.
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