Prozess gegen Ex-HRE-Chef Funke "Ich habe keinen Beruf"

Rund zwölf Milliarden Euro kostete die Rettung der Hypo Real Estate durch den Steuerzahler. Der frühere Bankchef Georg Funke muss sich nun vor Gericht verantworten. Zum Auftakt zeigt er keine Anzeichen von Reue.

Georg Funke im Landgericht München I
AFP

Georg Funke im Landgericht München I

Von


Georg Funke betritt den Raum wie ein Bankchef auf dem Weg zur Vorstandssitzung. Der schlaksige Körper steckt in einem dunklen Zweireiher, dazu weißes Hemd, Krawatte in dezenten Blautönen. Schwungvoll biegt Funke um die Ecke, nimmt zügig Platz. Die noch immer dunklen Haare sind akkurat gescheitelt, die Nase darunter vielleicht etwas spitzer geworden. Alle Blicke richten sich auf ihn. Er könnte jetzt die Diskussion mit ein paar schneidigen Sätzen eröffnen.

Aber das hier ist keine Vorstandssitzung. Es ist ein Strafprozess vor dem Landgericht München I. "Ich habe keinen Beruf", sagt Funke auf die Frage von Richterin Petra Wittmann nach seiner aktuellen Tätigkeit. Eingerahmt von seinen beiden Verteidigern, wird der ehemalige Chef der einst drittgrößten deutschen Bank sich hier in den nächsten drei Stunden anhören müssen, warum ihn die Staatsanwaltschaft München der Bilanzfälschung bezichtigt.

Funke und der frühere Finanzvorstand der Bank, Markus Fell, sollen im Geschäftsbericht 2007 und im Halbjahresbericht 2008 der Hypo Real Estate (HRE) die Liquiditätslage der Bank "unvertretbar und evident" falsch dargestellt haben, bringt die Anklage vor. Kurz danach, im Herbst 2008, drohte die HRE unterzugehen und wurde vom deutschen Staat mit Kapital und Milliardengarantien gerettet.

Funke sieht Schuld bei Ex-Minister Steinbrück

Schon das Ambiente in Raum 275 B des Münchner Justizzentrums muss Funke vorkommen wie der Vorhof zur Hölle: die abgewetzten grauen Teppichböden, die nikotingelben Gitterstolas vor den Fenstern, spinatgrüne Türen und trübes Neonlicht - eine Gefängniszelle könnte kaum trister wirken.

Bis zu drei Jahre Haft drohen Funke und Fell. Beide weisen die Anschuldigungen jedoch zurück, Fell erklärt noch am Nachmittag, warum er die Vorwürfe für unsinnig hält. Der Ex-Finanzvorstand muss sich zusätzlich gegen den Vorwurf der Marktmanipulation wehren. Er soll noch kurz nach der Lehman-Pleite und vor der Rettung durch den Bund in einer Investorenkonferenz die Lage der HRE als stabil bezeichnet haben.

Früherer HRE-Finanzvorstand Markus Fell (Mitte), Anwälte
DPA

Früherer HRE-Finanzvorstand Markus Fell (Mitte), Anwälte

Funkes Anwalt Wolfgang Kreuzer strebt für seinen Mandanten einen Freispruch an. An diesem Dienstag wird Funke reden, "den ganzen Tag lang", wie Kreuzer am Montag in einer Verhandlungspause ankündigt.

Funke wird erklären, erst der unvorhersehbare Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers habe die Lage der HRE verschärft, am Beinahe-Kollaps der HRE trügen andere die Schuld. Der frühere Finanzminister Peer Steinbrück etwa, der seinerzeit nach einer ersten Rettungsaktion für die HRE von einer geordneten Abwicklung der Bank sprach. "Ganz entscheidend" sei diese "sehr unbedachte Äußerung" gewesen, sagt Anwalt Kreuzer vor der Verhandlung.

Doch an diesem Montag muss Funke erst einmal zuhören. Die Staatsanwältinnen Hildegard Bäumler-Hösl und Franziska Schmidt, die fast ein halbes Jahrzehnt an der Anklageschrift gearbeitet haben, tragen nüchtern das Ergebnis ihrer Ermittlungen vor. Noch einmal ziehen die Ereignisse der dramatischen Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 an den Zuhörern vorbei: der Preissturz am amerikanischen Immobilienmarkt, Zusammenbruch und Rettung zahlreicher Banken, von der deutschen IKB über die britische Northern Rock bis zu Bear Stearns in den USA - und schließlich Lehman Brothers, die Bank, die nicht gerettet wurde. Stundenlang schwirren Krisenvokabular und kryptische Kürzel durch den Raum: Subprime, ABS und CDO, Zweckgesellschaften und Wasserfälle, Ratings und Liquiditätsprobleme.

Je länger die Anklage spricht, desto lockerer wird Funke

Die Liquidität. Das sperrige Wort wird im Zentrum dieses Strafprozesses stehen, der sich über mindestens ein halbes Jahr hinziehen dürfte. Die HRE hatte keine Privatkunden und damit auch keine nennenswerten Kundeneinlagen. Sie finanzierte Gewerbeimmobilien und Großprojekte, im Sommer 2007 kam mit der Übernahme der irischen Depfa-Bank die Finanzierung von Staaten hinzu. Mehr als bei jeder anderen Bank basierte das Geschäftsmodell darauf, sich kurzfristig Geld bei anderen Banken oder am Kapitalmarkt zu leihen - sich also Liquidität zu verschaffen - und dieses Geld langfristig und zu höheren Zinsen zu verleihen. Die Finanzkrise trocknete die Geldmärkte jedoch von Sommer 2007 an nach und nach aus, bis zum Lehman-Crash.

Bäumler-Hösl und Schmidt beschreiben, wie Funke und Fell bereits im Sommer 2007 erkannt hätten, welche Gefahr der HRE durch Liquiditätsengpässe drohte. Eigene Mitarbeiter und externe Prüfer hätten schon im März 2008 - vor der Veröffentlichung des Jahresberichts - "allerhöchsten Handlungsbedarf" festgestellt und einen "Katastrophenplan" angemahnt. Im krassen Gegensatz dazu habe jedoch die Bank die Lage nach außen hin dargestellt.

Funke verfolgt all das meist mit starrer Mine. Nur seine Hände verraten seine Anspannung, die Fingerspitzen trommeln unentwegt auf die Unterlagen vor ihm. Doch je länger die Anklägerinnen reden, desto lockerer wirkt Funke, fast scheint es, als sei er froh, dass endlich der Prozess begonnen hat. In einer Sitzungspause plaudert er lachend mit einem Zuschauer, den er offenbar kennt. Funkes kampfeslustiger Anwalt redet derweil draußen vor der Tür von Freispruch.

Die wichtigsten Stationen im Drama um die HRE und deren Rettung können Sie in der Zeitleiste nachvollziehen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hardeenetwork 20.03.2017
1. Der Schuldige
Ich hoffe das mal ein Banker für all die Verbrechen gegen den einfachen Kunden bezahlt. Sie sagen sie wären "unschuldig". Doch die Köpfe haben das Wissen um die Ungereimtheiten. Ansonsten sind sie arme Würstchen.
grommeck 20.03.2017
2. Die richtige Bezeichnung für solche Typen wäre wahrscheinlich eine Beleidigung ....
für normale Menschen. Daher mag sich jeder einen Lieblingsausdruck für solche skrupellosen Betrüger verinnerlichen und - es werden noch mehr dieser Sorte unser Geld stehlen...wir sind auf dem Weg dahin.
vliege 20.03.2017
3. War da was?
Kommt es nach all den Jahren doch noch zu einem Prozesschen. Naja ich vermute die meisten Verjährungsfristen sind mittlerweile abgelaufen sodass am Ende eine Geldstrafe und Bewährungen rausspringen. Wäre nicht das erste Beispiel für meine Vermutung, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Solche bis zum Sanktnimmerleintag verschleppten Prozesse und dazu gehörigen milden Strafen wie bei Zumwinkel, Hoeneß etc. sind für Bankster und Steuerhinterzieher mit Sicherheit kein abschreckendes Beispiel.
p-touch 20.03.2017
4. Das Geschäftsmodell der HRE
erinnert mich ehr an ein Schneeballsystem. So lange immer wieder frisches Geld zugeschossen wird läuft´s, aber so bald der Geldnachschub versiegt geht alles den Bach runter. Banken mit solchen Geschäftsmodellen gehören verboten.
spon_3627094 20.03.2017
5. Klar im Vorteil . .
Zitat von hardeenetworkIch hoffe das mal ein Banker für all die Verbrechen gegen den einfachen Kunden bezahlt. Sie sagen sie wären "unschuldig". Doch die Köpfe haben das Wissen um die Ungereimtheiten. Ansonsten sind sie arme Würstchen.
. . . ist, wer lesen kann! Die HRE hatte keine sogenannten "einfachen Kunden"! Steht drin im Artikel und stimmt sogar.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.